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  • Bericht
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  • Esther Megbel
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  • 27.01.2014

Lamina caramella – Erlebnis Erstsemester

Esther hat gerade erste mit dem Medizinstudium begonnen, schon stellt sie ihre erste Diagnose: Heimweh. Wird sie ihren Traum vom Medizinstudium aufgeben?

 

Studentin und Skelett - Foto: imagesource

 Foto: imagesource

 

Das Kreischen der Säge ist ohrenbetäubend. Warum nur hat niemand an Ohrenschützer gedacht? Uns steigt ein seltsamer Geruch in die Nase und mein Gegenüber verzieht das Gesicht. Trotzdem bewegt er sich nicht von der Stelle und schaut gebannt auf das, was vor ihm passiert. Nur noch ein kleines Stück sägen und dann ist der Schädel der Körperspenderin auch schon eröffnet. Er gibt das Organ preis, das er all die Jahre so sorgfältig vor der Außenwelt geschützt hat: das Gehirn. Mehr als ein Dutzend neugierige Köpfe verfolgen das Geschehen am metallenen Tisch acht im oberen Präpariersaal des Anatomischen Instituts der Universität Heidelberg. Jeder in ehemals strahlend weißen Kitteln, mit Gummihandschuhen und, falls nötig, zurückgebundenem Haar. Ein gewohnter Anblick, schließlich verbringen wir Erstsemester sechs Stunden wöchentlich gemeinsam an diesem Tisch.

Nur zwei junge Frauen sind heute zum ersten Mal dabei. Die beiden Psychologiestudentinnen stehen nun etwa einen Schritt hinter dem Rest von uns. Ich werfe ihnen einen Blick zu. Das erste Mal die sterblichen Überreste eines Menschen vor sich liegen zu sehen, kann schon befremdlich sein. Auch mir war es anfangs mulmig, doch mittlerweile habe ich mich an die toten Körper und den Geruch gewöhnt. Es kommt mir vor, als ob ich schon eine Ewigkeit präpariere.

 

Wie die Zeit vergeht

Vieles ist geschehen, seit ich im Oktober letzten Jahres meinen neuen, noch etwas steifen Kittel überstreifte, ihn sorgsam zuknöpfte und mich ein letztes Mal im Spiegel betrachtete, bevor ich die Tür zum Präpariersaal öffnete. Ich sah schon komisch aus, wie eine Wunschvorstellung in dem weißen Gewand. Es fehlte nur noch das obligatorische Stethoskop um den Hals und die Illusion wäre perfekt gewesen. Dabei hatte ich doch gerade erst angefangen mit dem Medizinstudium und fühlte mich auf einmal sehr weit entfernt von meinem Traum, einmal als Ärztin selbstbewusst durch die Korridore eines Krankenhauses zu marschieren und eine Diagnose nach der anderen zu stellen.

Bisher hatte ich nur eine Diagnose gestellt, und die lautete: akutes Heimweh. All die Berichte, Artikel, Kommentare in diversen Internetforen, die ich, wissbegierig und ungeduldig wie ich war, verschlungen hatte – nichts hatte mich darauf vorbereitet, wie es ist, auf einmal vierhundert Kilometer weit entfernt von meiner Heimat und all den geliebten Personen einzuschlafen. Auf einmal sollte ich all das selbst können, was so mühelos bei meinen Eltern ausgesehen hatte: Den Haushalt schmeißen, einkaufen, bevor man mit knurrendem Magen die Tür zum leeren Kühlschrank öffnet und vor allem: rechtzeitig die Wäsche waschen.

Außerdem galt es, neue Freunde zu finden, soziale Kontakte aufzubauen. Bei ganzen vierhundert Erstis eigentlich ein leichtes Unterfangen, oder? Trotzdem betrat ich den Hörsaal am ersten Tag allein, während um mich herum die Menge schnatterte und sich bereits bestens zu kennen schien. All die Recherche schien mir nun nutzlos. Man kann so viel lesen, wie man will, auf einen der begehrten Studienplätze hoffen und bangen, vor Freude in die Luft springen, wenn die frohe Botschaft per Telefon mitgeteilt wird und voller Vorfreude im Informationsheft für Erstsemester blättern. Wie es danach weiter geht, darüber hört man am wenigsten. Klar, über den Aufbau des Studiums, Fächer, Physikum, Famulatur und Hammerexamen wusste ich Bescheid. Aber all die Anforderungen abseits der Medizin brachten mich ganz schön aus dem Konzept.

 

Lernen, lernen, lernen

Mir schwirrte der Kopf, als ich über meinem Prometheus brütete und versuchte, innerhalb von zwei Wochen sämtliche Knochen, die der Mensch besitzt, auswendig zu lernen. Lernen war gleichzeitig meine geringste und größte Sorge. Wie sollte ich bloß den Stoff und den Rest meines Lebens zusammen bewältigen? Ich fühlte mich dem Studium nicht gewachsen, dachte daran, aufzugeben. Und das nach nicht einmal einem Monat! Schnell stellte ich fest, dass stupides Auswendiglernen auf meinem Tagesplan stand. Das Gegenteil von dem, was mir so sorgfältig in der Schule beigebracht wurde. Hatte ich tatsächlich erst dieses Jahr Abitur gemacht? Ich vermisste es zu denken, ich vermisste meine Liebsten, wollte mich einfach nur verkriechen. Vielleicht hätte ich das auch getan. Das zumindest war der Plan, sollte ich die erste Prüfung nicht bestehen. Aber ich bestand, unerwartet. Und so blieb ich, riss mich zusammen und lernte weiter. Schließlich hatte ich so sehr um diesen Studienplatz gekämpft.

Unter all den furchtbar intelligenten und äußerst strebsamen jungen Menschen gab es einige ganz besonders strebsame, solche, die immer alles zu wissen schienen und Tag und Nacht in der Bibliothek lernten. Buchstäblich. Ich dachte zurück an die Sprüche meiner Mitschüler, die mich als Streberin bezeichnet hatten und musste fast schon ein wenig lächeln. Nach und nach stellte sich aber heraus, dass ich nicht ganz allein war: Ich traf andere Einser-Abiturienten, die sich genauso durch den Stoff boxen mussten wie ich. In der Mensa unterhielten wir uns über Arcus und Processus spinosus des Smartphones und die Hähnchenschenkel auf unseren Tellern wurden auf einmal mit ganz anderen Augen betrachtet.

 

Angekommen

Die zweite Prüfung stand an und wieder spielten meine Nerven verrückt. Der Plan stand noch immer: Wenn alles schief ging, würde ich den nächsten Zug auf nimmer wiedersehen nehmen. Wobei, etwas schade wäre es schon, das musste ich zugeben. Gerade, wo ich so etwas wie Freunde gefunden hatte. Glücklicherweise bestand ich die Prüfung und musste ich meine Zelte in Heidelberg doch nicht abbrechen. Weiter ging es mit dem Lernen. Diesmal jedoch begann ich, trotz der Paukerei etwas von dem sogenannten Studentenleben zu kosten, von dem doch immer jedermann in den höchsten Tönen sprach. Und auch in der Bib ging es fröhlicher zu: „Lamina caramella“, schreibt Paul, der an einem Tisch quer von mir sitzt. Es geht um die anatomische Beschaffenheit von Schokoriegeln.  

Wenn ich nun zu den Psychologiestudentinnen an meinem Tisch acht im oberen Präpariersaal herübersehe, denke ich an das, was bereits hinter mir liegt. Daran, wie sich alles ändert, wie man sich in ungewohnten und einschüchternden Situationen zurechtfindet und lernt, mit ihnen umzugehen. Später halte ich das Gehirn unserer Körperspenderin in den Händen. Es sieht tatsächlich so aus, wie ich es aus den Büchern kenne. Nicht zu hart, nicht zu weich. Absolut faszinierend. Und da weiß ich: Hier gehöre ich hin. Genau hier.

 

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