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  • Victoria Quellmalz
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  • 10.05.2010

Praktikum Pädiatrie im Klinikum Herford

Aller Anfang ist früh. So auch der Start in den Morgen auf der K1B, der Chirurgischen Kinderstation des Klinikums Herford. Um sechs Uhr morgens war Dienstbeginn, was für eine frische Abiturientin, die es noch gewohnt war, bis zehn Uhr im Bett herumzulümmeln, zumindest anfangs wirklich zum Problem avancierte. Aber egal, die Aufstehzeiten und die Müdigkeit, die mich oftmals den Tag lang begleitete, bis ich mich zuhause in mein Bett fallen lassen konnte, war mein geringstes Problem. Meistens zumindest.

Das größere Problem war, was mir die Pflegedienstleitung am ersten Tag servierte: "Sie gehen in die Kinderklinik." Na klasse. Und das, wo ich doch so gut mit Kindern kann. Nämlich überhaupt nicht, wie ich dachte. Oder besser: nur, wenn sie brav beim Nachhilfeunterricht saßen, nicht, wenn sie krank waren und mir die Ohren vollbrüllten. Aber mit einer Herausforderung hatte ich ja gerechnet. Zugegeben, nicht mit einer solchen; aber Herausforderung blieb Herausforderung.

Also trotz allem frisch ans Werk. Frohen Mutes stellte ich mich den durchaus kritischen Blicken der Pflegerinnen, die etwas erstaunt von ihrer Arbeit, dem allmorgendlichen Wecken, aufblickten und in der Küche zusammenliefen, um mich zu beäugen.

Der normale Ablauf

Manchen Praktikanten mag es nicht klar sein, dass es auf einer Station einen genauen Ablauf gibt, der jeden Morgen so und nicht anders durchgeführt wird. Mir jedenfalls war es nicht klar, und hätte ich es gewusst, dann wären mir bestimmt einige Schnitzer nicht passiert.

Der Ablauf (Frühschicht) auf der Kinderstation war wie folgt:
Auf die Übergabe folgt, Kaffee und heißes Wasser für die Eltern zu kochen, danach wecken und bei Bedarf waschen - und Betten machen. Schließlich Frühstück austeilen, den Arbeitsraum putzen (und zwar komplett, da Kinder kleiner sind als Erwachsene), danach selbst Frühstücken. Nach dem Frühstück den Arbeitsraum polieren und die leeren Essenstabletts einräumen.

Ab dem Zeitpunkt schreibt die Pflege die Kurven, und Praktikanten hatten fast nur noch Laufwege zu bewältigen, Betten auf eine Operation vorzubereiten, Betten hin und her zu schieben. Ab und an konnte man auch eine Aufnahme beobachten. Viel selbst machen durfte ich nicht, da solche Dinge wie Infusionsnadeln ziehen bei Kindern noch enger gesehen werden als bei Erwachsenen. Ab und zu war zu der Zeit auch nichts zu tun, besonders, wenn nicht viele Kinder auf Station waren. Dann kam pünktlich das Mittagessen. Für die Spätschicht heißt es dann Kaffee kochen, auch für die Eltern frischen Kaffee und heißes Wasser aufsetzten. Nach dem Tablett-Einsammeln kommt noch die Übergabe, und dann wartet das traute Heim.

Seiltanz - Jeder macht's anders

Was man als Praktikant ganz schnell lernen sollte, ist die Tatsache, dass jede Pflegerin ihre eigene Arbeitsweise hat, und dass sie manche Dinge genau so erledigt haben will, wie sie es eben macht.
Kompliziert wird es erst, wenn man das noch nicht begriffen hat und einige Dinge vor den kritischen Augen einer Pflegerin macht, wie man es an den Tagen vorher auch gemacht hat, aber in ihren Augen eben nicht machen sollte.

Das einfache Beispiel des Bettenmachens hat mich hier in arge Bedrängnis gebracht.
Bei der allmorgendlichen Runde, bei der die Patienten gefragt wurden, wie es ihnen ginge (Blutdruck und Puls wurden nicht regelmäßig gemessen, denn wenn ein Kind herumspringt, so die Erklärung, dann müssen Puls und Blutdruck in Ordnung (oder auf medizinisch: o.b.) sein. So wurde jeden Morgen nur Temperatur gemessen.
An besagtem Morgen war jedoch auch Blutdruck und Puls zu messen, zumindest in einem der Zimmer, woraufhin mich eine Pflegerin fragte, ob ich Blutdruck und Puls messen könne. Theoretisch konnte ich das. Nur warum liegen Theorie und Praxis so weit auseinander?

Nachdem ich unter kritischen Blicken und zweimaligem korrigieren des Sitzes die Blutdruckmanschette angelegt hatte, meine Ohren mindestens so glühten wie das fiebernde Gesicht des Kindes, hörte ich nur das Rauschen meines Blutes, und ganz leise darüber das beginnende und aufhörende Pochen des Herzschlags. Erleichtert atmete ich auf und gab den Blutdruck weiter. Das missbilligende "Hmm…" fiel mir kaum auf. Lieber versuchte ich es mit dem Puls, der irgendwo auf dem Kinderhandgelenk auf mich wartete. Irgendwo ganz tief, denn nachdem ich an beiden Armen gesucht und nichts gefunden hatte, schob mich die Schwester zur Seite und schickte mich vor die Tür. Betten machen würde ich ja wohl wenigstens können.

Gut, eine andere Krankenpflegerin hatte mir schon gezeigt, wie man ein Bett macht, also frisch ans Werk. Das Bettlacken war zwar noch ein wenig faltig, aber sonst fand ich meine Arbeit ganz gut. Für mein erstes Mal?

Diesmal bemerkte ich das Schnauben und die gekräuselten Mundwinkel der Pflegerin, die mich wieder von meinem Platz vertrieb und das Bett noch einmal neu bezog, mich immer wieder abwechselnd strafend, dann wieder mit hämischer Freude anschaute. Die knappe halbe Minute, die sie für das Beziehen des Bettes brauchte, kam mir wie eine Ewigkeit vor.

Und doch endete diese Ruhe vor dem Sturm.

Vor der Tür nahm sie mich zur Seite. "So geht das aber nicht, Victoria. Einige Elementare Dinge müssen sie doch auch können." Meine Wangen erhitzten sich, aber um das auf mir sitzen zu lassen, war ich zu stolz. Aber meine Erklärung schmetterte sie mit einer Handbewegung ab. "Wollen sie mal in einem pflegerischen Beruf arbeiten?" flüsterte sie ganz ernst und streckte mir ihren Kopf zu. Sollte ich sie ein wenig Ärgern? Ich blickte sie ebenfalls sehr ernst an, nickte und flüsterte so leise wie sie: "Nein."

Gut, meine Beziehung zu der Pflegerin war von diesem Tag an versaut, von nun an hatte ich keine ruhige Minute mehr, wenn sie Dienst hatte. Es gab so viele Laufwege, und warum einmal zum Labor rennen, wenn man es auf fünfmal konnte?

Aber egal, denn ich merkte bald, dass sie auch die Schülerinnen so behandelte. Auch bemerkte ich, dass alle anderen Schwestern viel williger waren, ihr Wissen zu teilen und mich auch mal mehr tun ließen als nur Betten holen. Wahrscheinlich braucht jede Station ihren Drachen, damit überhaupt gearbeitet wird. Zumindest redete ich mir das ein, wenn ich wieder mit stoischem Lächeln eine Aufgabe entgegen nahm.

Mit der Zeit begriff ich, dass es auch für sie schwer sein musste, jemanden als Praktikantin zu haben, der jetzt nichts konnte, sechs Jahre später aber mit dem Kittel Anweisungen geben würde.

Sie überreichte mir als Abschieds- und Geburtstagsgeschenk ein hübsches Usambaraveilchen mit Übertopf. Für meine neue Wohnung, wenn ich studieren gehe.

Umziehen für Anfänger

Eine Station zieht um. Was komisch klingt, ist bei der K1B Standard, wenn wenig Patienten zu versorgen sind. Dann nämlich zieht K1B um, nach oben auf die K2B, die zweite Kinderstation des Klinikums.
Das hatte mir nur keiner gesagt, als ich vor der verschlossenen Tür der K1B stand und nicht so recht weiter wusste. Zum Glück kam eine der Pflegerinnen, die mich über den Umzug aufklärte.

Es läuft dann etwa wie folgt ab: Die Patienten werden mitsamt Betten und Nachtschränken von unten eine Ebene höher gefahren, ebenso werden der Getränkewagen und natürlich die Kladde, in der die Patientenakte steckt, mitgenommen. Wenn es wieder "genug" Patienten gibt, geht das ganze retour.

Mein besonderer Montag

Da ich am Montag vor dem Umzug nur knapp drei Stunden auf Station verbracht hatte - eine kleine Führung der Pflegedienstleitung war inklusive, man musste schließlich wissen, wo man frische Arbeitskleidung herbekommen konnte - staunte ich an diesem Tag nicht schlecht, als ich jede Menge Stühle auf dem Gang der Station entdeckte. Und diese füllten sich auch noch nach und nach mit meist älteren Menschen. Ältere Menschen? Auf der Kinderstation? Was war denn hier los?
Der Augenarzt, teilte man mir mit, führe hier jeden Montag Augen-OPs durch. Meist grauen Star.

Nebenbei wurden mir zwei Pöttchen Augentropfen in die Hand gedrückt mit der Bitte, sie jedem Patienten dreimal im Abstand von etwa 15 Minuten zu tropfen. Und Blutdruck und Puls bei den neuen Patienten musste ich messen, für die Anästhesie.

Der "Augendienst" kam etwas überraschend, war aber durchaus schön. Denn im Gegensatz zu der Woche zuvor, in der doch eher wenig für mich zu tun war, war ich nun beschäftigt. Und am Ende des Tages wartete eine besondere Belohnung auf mich: "Willst du mal zuschauen?" Die Frage, die jedem Pflegepraktikanten das Leuchten in die Augen treibt, glaub ich zumindest. Lange zögerte ich auf jeden Fall nicht, der nächste Patient im Stühlchen wurde bereits geschnappt und zum OP gebracht.

Die Anästhesie schien relativ glücklich, noch einen Zuschauer mehr zu haben. Ich wurde sofort zum Umziehen begleitet und in den OP geführt. Der Operateur schien eher weniger begeistert, als er mich sah. "Bist du sicher, dass du das aushältst?" Im Zweifelsfall immer ja sagen. Wenn es brenzlig würde, könnte ich mich ja immer noch verziehen. In den Patienten hinein in Ohnmacht fallen wollte ich natürlich nicht.

Ich durfte zwei Meter vom OP-Tisch entfernt Stellung beziehen, was bei einem so kleinen OP-Gebiet wie dem Auge schon ein Problem sein konnte. Obwohl ich mich auf die Zehenspitzen stellten, konnte ich nicht sonderlich viel sehen. Nach einer Frage zum Ablauf der OP erklärte mir der Arzt aber nach und nach mit immer mehr Begeisterung, was er gerade genau tat.

So durfte ich erfahren, dass die Linse, die er bei einer Grauen Star-OP anschnitt, nur einen Zehntel Millimeter dick war, und dass die OP insgesamt knapp viereinhalb Minuten dauerte. Ich stoppte die Zeit, und siehe da, der Arzt hielt Wort. Nach anfänglichem Zögern durfte ich immer näher an den OP- Tisch heranrücken, bis der Arzt nach der vierten OP schließlich, überzeugt von meinem starken Magen, die zweite Linse seines Mikroskops zu mir drehte. Ob ich das ganze mal aus der Nähe sehen wollte, stand natürlich ganz außer Frage.

So sah ich das ergraute Auge eines Patienten mit Grauem Star, das der Doktor mit einem kleinen Piekser an drei Stellen anschnitt, um mit einer Art Scheibenwischer die Linse von der Iris zu pellen. Die Präzision dieses Vorganges bewunderte ich, da der Mann auf einem zehntel Millimeter agierte und ich schon mit Pellkartoffel meine liebe Not hatte.
Ebenso schnell, wie die Linse herausgekratzt war, nahm er eine zweite Spritze zur Hand, in der eine künstliche Linse zusammengefaltet war. Unter dem Mikroskop durfte ich beobachten, wie er die Linse mit einem weiteren, winzigen Gerät entfaltete. Und schon war die OP vorbei.

Nur noch Creme in die Augen, ein Pflaster drüber, und nächster Patient. Faszinierend! Obwohl der Gedanke, anderen im Auge herumzustochern vorher sehr unangenehm gewesen war, hatte dieser Tag meine Bedenken geheilt. Sobald ich mich von der Frage löste, was für ein Gefühl das wohl im Auge sein mochte und man auf die präzise Arbeitsweise und die Funktion des Auges an sich achtete, war es nicht mehr so schlimm.

Absolut glücklich kehrte ich auf die Station zurück.

Einige Höhepunkte

Der Höhepunkt meines Praktikums war natürlich, als mir eine Pflegerin mit einem Lächeln mitteilte, dass am nächsten Tag eine Operation an einem Frühchen durchgeführt würde, und dass ich, wenn nichts mehr zu arbeiten wäre, gern zuschauen dürfte. Das ist das Gute, wenn auf der Station wenig zu tun ist: Man darf auch mal "raus". Und wenn, wie auf der Kinderstation, wo normalerweise eher weniger Arbeit anfällt, Ganz besonders, wenn die Eltern da sind und sich um ihren Nachwuchs kümmern, kam ich an drei Tagen sogar in den Genuss von ganzen drei Operationen.
Naja, oder besser: Zweieinhalb.

Die erste OP, eine Leistenhernie bei einem Frühchen, erlebte ich nur zur Hälfte. Der Raum war sehr warm und unter dem Mundschutz bekam ich schlecht Luft, sodass ich, als die OP schon vorbei und die Leiste fast wieder zugenäht war, unangenehme Bekanntschaft mit dem Boden machte.

Bei der zweiten OP, bei der eine Strumektomie (Entfernung einer vergrößerten Schilddrüse) gemacht wurde, vergaß ich das atmen nicht und blieb bis zum Ende der OP stehen, trotz neckender Kommentare der OP-Pfleger.

Die dritte OP war eindeutig die interessanteste, eine verschlossene Aorta wurde entfernt und eine Prothese eingesetzt. Dabei durfte ich den Aufbau des Abdomens Schicht für Schicht mit eigenen Augen sehen. Mir wurde zwar nicht viel erklärt, aber spannend war es trotzdem.

Etwas weniger spektakulär, aber trotzdem einer der Höhepunkte war, dass ich bei einer Lumbalpunktion zuschauen durfte.

Da wir ein Verbrennungsopfer (Spiritus, ein Holzkohlegrill, und den Rest kann man sich sicher denken) auf der Station hatten, durfte ich außerdem fast jeden Tag bei den Verbandswechseln zuschauen. So habe ich auch beobachtet, wie schnell sich menschliche Haut regenerieren kann.

Klein, aber fein

13 Bettenplätze besitzt die K1B, obwohl sie eigentlich mehr Zimmer hat. Doch drei Zimmer werden von einem niedergelassenen Augenarzt genutzt, der im Klinikum jeden Montag Augen-OPs durchführt und einige Räume zur Versorgung seiner Patienten zur Verfügung gestellt bekommen hat. Doch meistens sind noch weniger Kinder auf der Station, da manche mit Mutter (oder seltener: Vater) aufgenommen werden.
Meistens sind eine bis zwei Pfleger plus zwei Schüler im Dienst.

Fazit

Das Praktikum in der Kinderklinik hat mir insgesamt sehr gut gefallen, auch wenn (oder gerade weil) bei den Kindern nicht wirklich viel Pflege zu verrichten war.

Von solchen elementaren Dingen wie Betten machen, Katheter leeren und den Arbeitsraum putzen und manchen Highlights wie den Operationen, habe ich ganz besonders viel über menschliche Eigenarten gelernt. Jede Pflegerin geht unterschiedlich mit der Verantwortung um jemanden anzuleiten, der später einmal Arzt sein wird; und der sich in der Anfangszeit eventuell auch nicht so geschickt anstellt.

Ich habe jede Menge verschiedener Typen kennengelernt. Manchen Pflegerinnen ist es egal. Sie behandeln dich gut, sind freundlich und locker. Andere sind zuerst verkrampft, und ich musste mich selbst bemühen, um ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. Andere scheinen die Autorität zu genießen, die sie als Vorgesetzte eines Praktikanten nun einmal haben. Wieder andere wollen nichts mit einem zukünftigen Arzt zu tun haben.

Dazu kam, dass ich zum ersten Mal einer Person, die ich überhaupt nicht mochte, nicht ausweichen konnte, da ich mit ihr Tag für Tag zusammen arbeiten musste. Eine sehr wichtige persönliche Erfahrung, die mir nicht nur im Beruf später sicher helfen wird.

Im Krankenhaus läuft es ganz anders ab als in der Schule, aber es macht sehr oft auch viel Spaß.
Ich würde jederzeit wieder ins Klinikum Herford gehen, auch in die Kinderklinik, denn bei der Stationsleitung werden auch den Praktikanten angemessene Rechte eingeräumt.

Es ist nicht schwierig, im Haus die Stationen zu wechseln - ein Besuch bei der Pflegedienstleitung genügt. Das sollte aber natürlich nicht zu oft geschehen. Ich durfte mir Schichten wünschen, auch freie Tage waren kein Problem. Der allergrößte Teil der Schwestern war freundlich und hatten viel Geduld, um mir Sachen noch zum fünften Mal zu erklären.
Auch die Ärzte waren zu mir sehr nett und haben mir alles Notwendige erklärt.

Kontakt

Wenn ihr ein Pflegepraktikum im Klinikum Herford machen wollt, könnt ihr entweder eine Bewerbung an das Klinikum schicken:

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