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  • Bericht
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  • Thomas Krimmer
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  • 18.09.2007

Das Pflegepraktikum

Sind Ärzte Götter in Weiß? Bestimmt nicht, wie Nora während ihres Pflegepraktikums feststellte. Welche Erkenntnisse man während des Praktikums noch bekommt, erzählt sie hier.

Das Bild des allwissenden und fürsorglichen Arztes, wie wir ihn aus Schwarzwaldklinik oder Emergency-Room kennen, ist falsch. Um dies zu erkennen, wobei wir es ja alle schon lange fürchten, halte ich es für sehr sinnvoll dieses Pflegepraktikum schon vor Beginn des Studiums zu absolvieren. Auch Ärzte sind nur Menschen mit Macken und Fehlern. Für die meisten Ärzte ist die Patientin, die morgens wegen starker Schmerzen in der Hüfte eingeliefert wurde, eben die Patientin mit der infizierten Hüfte, nicht mehr und nicht weniger.

Ärzte sind dafür da, die Richtung festzulegen, in die die Behandlung zielen soll. Das Pflegepersonal, sprich Krankenschwestern und Krankenpfleger, sind dafür zuständig, die Patienten mit den verordneten Medikamenten zu versorgen und für deren leibliches Wohl zu sorgen. Die Hierarchie, die diese Arbeitsteilung mit sich bringt, ist mehr als deutlich vorhanden. Sicherlich ist sie mancherorts mehr oder weniger ausgeprägt, doch ich habe es während meines Praktikums so kennengelernt, dass viele Ärzte keine allzu gute Meinung von ihrem Pflegepersonal haben, und umgekehrt sind in den Augen der Pflegekräfte alle Ärzte inkompetent und faul.

Allzu oft endete eine "Lästerrunde" in der Stationsküche der Krankenschwestern mit dem Satz: "Aber unsere Nora, die wird mal anders". Da ich als Pflegepraktikantin natürlich vor habe, irgendwann mal Ärztin zu werden, saß ich grundsätzlich zwischen den Stühlen. Entweder hätte ich mich hinter den gesamten Ärztestand stellen müssen oder aber den Schwestern beipflichten und meine eigenen auch nicht immer nur positiven Erfahrungen mit der Ärzteschaft beisteuern können.

Fazit ist: Das Verhältnis zwischen Arzt und Schwester ist ein verflixtes. Dies kennen und verstehen zu lernen, ist etwas, wofür es sich lohnt dies Praktikum vor Aufnahme des Studiums zu absolvieren.

Was kannst, darfst und wirst du tun?

Ein weiterer Aspekt des Praktikums ist die Überwindung oder Herabstufung der "Ekelgrenze". Du musst dich während deines Praktikums darauf einstellen, mit natürlichen Dingen des Lebens konfrontiert zu werden, die aber im normalen Alltag keine Rolle spielen. Teilweise riechen Zimmer, Flure oder auch mal ganze Stationen einfach ekelerregend nach menschlichen Ausdünstungen jeglicher Art.

Du wirst Urinflaschen und Nachttöpfe leeren, alten und hilflosen Menschen bei der täglichen Körperpflege helfen, beschmutze Betten neu beziehen und manchmal auch schlicht und einfach Hintern abputzen müssen. Die ersten Tage werden sicherlich sehr stressig, weil man viele Aufgaben übertragen bekommt, die man ab sofort selbstständig und ohne Anweisung zu erledigen hat.

Zu den interessanteren Dingen gehört das Messen und Eintragen der Vitalwerte in die Krankenakte. Hierbei hast du zum erstenmal in einer nicht pflegerischen Rolle Kontakt zum Patienten. Blutdruck, Fieber und Puls messen lassen die meisten Patienten geduldig über sich ergehen und haben meist sogar großes Interesse an den Messwerten. Ebenfalls, zumindest anfangs, spannend ist das Messen der Blutzuckerwerte, da man hier zum ersten Mal mit fremdem Blut in Kontakt kommt. Natürlich nie ohne Handschuhe! Ich kam mir dabei unglaublich wichtig vor. Zwischendurch fallen dann immer wieder unbeliebte Laufbotendienste an: "Kannste mal zur Pforte gehen und die Post abholen und auf dem Rückweg mal im Labor nach den Befunden schauen?" Zum Selbstschutz lohnt es sich, gewisse Dinge, die auf dem Weg liegen, von selbst zu machen. Erledigt werden müssen sie ja doch und im Zweifelsfall immer von dem schwächsten Glied der Kette, dem Praktikanten.

Der Umgang mit den Patienten

Am besten gefallen hat mir letztendlich der Kontakt zum Patienten, was mich dann auch in meinem Entschluss, Medizin zu studieren, bestärkt hat. Die meisten Patienten sind unglaublich dankbar für ein kleines bisschen Aufmerksamkeit. Ich selbst war nach kurzer Zeit bei den Patienten Liebling der Station. Ärzte und Pflegepersonal sind im Dauerstress, wohingegen man selbst mit etwas Routine gut mit seiner Arbeit fertig wird und dann Zeit hat, auf Bedürfnisse der Patienten einzugehen. Ansonsten solltest du dich selbst als Praktikanten verstehen und nicht als angehende Ärzte(innen). Davon bist du noch weit entfernt.

Das wirst du spätestens dann merken, wenn ein Patient klingelt, weil ein Infusomat piept oder eine Braunüle schmerzt. Dann bleibt dir nichts anderes übrig, als dich zu deinem Unwissen zu bekennen und auf eine Schwester zu verweisen. Erstens kannst du dem Patienten in solchen Fällen nicht helfen und zweitens darfst du es nicht.

Was du jedoch immer tun kannst, ist auf die Bedürfnisse einzugehen z. B.: Getränke rechtzeitig auffüllen, mal ein Fußbad machen oder eine Voltarenmassage für den verspannten Nacken anbieten. Derartige Gefälligkeiten werden dir hoch angerechnet und teilweise auch mit kleinen Taschengeldern honoriert.

Der Lohn: Die Dankbarkeit der Patienten

Womit wir beim Thema Honorar angekommen wären. Pflegepraktikanten verdienen in der Regel nichts während ihres zweimonatigen Praktikums, was aber nicht heißen soll, dass dies gerechtfertigt ist. Krankenhäuser wären ohne Praktikanten und Zivis schlicht nicht überlebensfähig. Dass dann aber nur die Zivis für ihre Mühen entlohnt werden, ist ungerecht. Zudem war es in meinem Fall so, dass die Zivis wesentlich unmotivierter waren als die Praktikanten. Bei mir wurde die Bezahlung mit der Begründung abgelehnt, dass ich nichts verdienen dürfe. Wie ich leider erst später erfuhr, stimmt dies nicht. Tatsächlich ist es so, dass Praktikanten nicht entlohnt werden, weil sie dieses Pflegepraktikum ja absolvieren müssen, also auch ohne Bezahlung zur Verfügung stehen. Ich kann dir nur raten, das Thema direkt beim Einstellungsgespräch in diplomatischer Form anzusprechen und gegebenenfalls alle Dinge, die nicht zu deinen Pflichten gehören, aber trotzdem erwartet werden, wie z.b: Dienst an Feiertagen, kategorisch abzulehnen.

Ich hoffe, meine kleine Rückschau hat dich nicht allzu sehr abgeschreckt. Mein Resümee des Praktikums ist trotz der Anstrengung angesichts der Erfahrungen mit den Patienten durchaus positiv!

Weiterführende Infos

Solltest du noch Fragen zu den Organisatorischen Seiten des Pflegepraktikums haben, hilft dir deine Fachschaft sicherlich weiter.

Für die Anerkennung des Praktikums ist immer das Landesprüfungsamt zuständig! Dort erfährst du, wie viele Tage du exakt nachweisenmusst und ob man das Praktikum splitten kann. Hier kannst du dich auch rückversichern, dass die Kalendertage zählen, nicht die Arbeitstage, falls es mit der Bescheinigung von Seiten des Krankenhauses Probleme gibt.

 

Leserkommentare

Arnd Felten:

Grundsätzlich befürworte ich das Krankenpflegepraktikum voll und ganz. Ich finde es wichtig, sowohl den Alltag der Pflegekräfte kennenzulernen, wie auch einen Einblick in all diejenigen Belange und Bedürfnisse der Patienten zu erlangen, die der Arzt später nicht mehr zu Gesicht bekommt. Des weiteren ist das Praktikum ein wichtiger Schritt in der Orientierung des (zukünftigen) Studenten, genau wie dies meiner Meinung nach der Präparierkurs ist.

Was mich wiederholt gestört und in nicht geringem Masse zu Frust geführt hat, ist allerdings die offenbar universell vorhandene Abneigung von Pflegekräften gegenüber zukünftigen Ärzten. Von gelegentlichen Sticheleien, die ich noch als kollegialen Spaß angesehen habe, über offensichtliche Schikanen hin zu Beleidigungen und Mobbing habe ich die volle Bandbreite erlebt und berichtet bekommen. Diese Erlebnisse beschränkten sich nicht nur auf einzelne Stationen oder Häuser, sondern traten und treten weiterhin bundesweit auf. Im Gegensatz dazu waren die Berichte aus dem Ausland durch die Bank positiv geprägt.

Das leitet mich zu der ernsthaften Frage, was eine so stark ausgeprägte Antipathie beim deutschen Pflegepersonal hervorruft. Der immer wieder auftretende Betrug bei der Bemessung der Praktikumsdauer spielt hier auch eine ernstzunehmende Rolle.

Schließlich bildet sich aus dieser Behandlung ein Teufelskreis, der dazu führt, dass eben diese zuvor so malträtierten Ärzte später das Pflegepersonal ähnlich behandeln. Dies wiederum führt zu erneuten Attacken auf die Praktikanten und so weiter und so fort.

Hier besteht dringender Handlungsbedarf, insbesondere unter dem Gesichtspunkt des wachsenden Ärzteschwunds in Deutschland. Derart schlechte Erfahrungen in frühen Teilen der Ausbildung tragen sicherlich nicht dazu bei, einen approbierten Arzt an seine Heimat zu binden.

Anzumerken sei hier noch, dass natürlich größtenteils Negativbeispiele Einzug in diese Beiträge finden. Diese Darstellung ist natürlich nicht ganz fair, denn es gibt mindestens ebenso viele positive Beispiele für Pflegekräfte und Vorgesetzte, die Praktikanten mit viel Aufwand und Engagement durch das Praktikum führen und alles versuchen, um einen nachhaltig positiven Eindruck zu hinterlassen.

Es bleibt zu hoffen, dass diese positiven Beispiele bald Schule machen.


Inga Rossenbach:

Wirklich sehr interessanter Artikel, leider auch nur zu wahr... Was mich im nachhinein stutzig macht, ist die Tatsache, das die meisten Medizinstudenten keinerlei Ahnung haben. Weder von Pflichten noch von Rechten. Auch ich habe die Zeit hinter mich gebracht, in Bonn und in Berlin... Abends bin ich oft totmüde ins Bett gefallen, aber es hat auch gute Momente gegeben. Schlimm war nur der Moment, als die Oberschwester (kann das Krankenhaus in Berlin nicht empfehlen) nur die Arbeitstage anrechnen wollte und nicht die Kalendertage. Wirklich unverschämt. Wichtig wäre eine zuverlässige Info-Quelle, was Arbeitszeiten usw. angeht.

Antwort: Für die Formalitäten sind die Landesprüfungsämter zuständig, Adressen siehe unter "Weiterführende Infos" in diesem Artikel.


Dr. med. Derick W. Lochner, Vorstandsmitglied Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V.:

Der Trick der Oberschwester, einfach unwahr zu behaupten, nur die Arbeitstage zählten zur Praktikumsdauer und nicht die Wochenenden, ist ur-uralt. Schon vor 20 Jahren versuchten manche Pflegedienstleitungen, damit die kostenlose Arbeit des Praktikanten länger zu nutzen. Dabei ist die Rechtslage klar: Die Dauer des Praktikums ist kalendarisch bemessen und nicht nach Arbeitstagen. Maßgeblich für die anzurechnende Dauer ist nur der zeitliche Abstand zwischen Anfang und Ende eines Praktikumsverhältnisses. Wochenenden und gesetzliche Feiertage zählen mit. Auch das letzte Wochenende gehört dazu, selbst wenn es arbeitsfrei ist. Wie Fristen berechnet werden, regeln die §§ 186 - 193 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) Schon merkwürdig, daß dieser Trick 20 Jahre später immer noch versucht wird. Die genaue rechtliche Beurteilung steht übrigens nur den Landesprüfungsämtern zu, hier sollte man im Zweifel nachfragen.

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