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  • Kommentar
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  • Thang Le
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  • 13.10.2020

Das Pflegepraktikum: Zwischen Knochenarbeit und Planlosigkeit

„Wer führen will, muss dienen können“ – bis zum Physikum müssen Medizinstudierende 90 unbezahlte Tage in der stationären Krankenpflege ableisten. Die Meinungen zu diesen drei Monaten sind divers und auch ich stelle mir die Frage: Ist diese Pflichtvoraussetzung sinnvoll?

 

Müde und aufgeregt betrete ich am ersten Tag meines Pflegepraktikums das Krankenhaus. Auf meiner zugeteilten Station (die internistische Intensivmedizin und Gastroenterologie) ist niemand anzutreffen. Nachdem ich geduldig ein paar Minuten am Empfangstresen wartete, bemerke ich, wie zwei Gesundheits- und Krankenpfleger gestresst aus einem Patientenzimmer eilen. Ich fühle mich ein wenig hilflos und unwillkommen, werde gekonnt ignoriert. Dann bemerkt mich die Stationsleitung. Wie sich herausstellt, wusste niemand, dass ich heute mein Praktikum anfangen würde.


Im weißen Kasak gekleidet komme ich aus der Besuchertoilette heraus – in der Umkleidekabine gäbe es keinen Platz mehr für mich und für die Personaltoilette bräuchte ich einen Schlüssel – und werde direkt in das gegenüberliegende Zimmer geschickt. Der gemischte Geruch von Urin und Stuhlgang kommt mir entgegen, die zwei sichtlich überforderten Mitarbeitenden schauen mich an und fragen etwas verbittert, ob ich den Patienten rechts am Fenster waschen könne. Ohne ein wirkliches Willkommen, jegliches Vorwissen oder strukturierte Praxisanleitung eile ich zu dem mir zugeteilten Patienten, mache das nach, was ich bei den anderen beiden aus dem Augenwinkel beobachten konnte.


Auf der Station für internistische Intensivmedizin und Gastroenterologie gibt es insgesamt 32 Betten und 36 Patientinnen und Patienten: In den größeren Vierbettzimmern wird ein fünftes Bett mitten in den Raum geschoben. Ein Blick auf den Belegungsplan zeigt, dass über die Hälfte der Patienten dem höchsten Pflegegrad zugeordnet sind, der Altersdurchschnitt liegt weit jenseits der 60. Es ist mein erster Tag, doch niemand kümmert sich so richtig um mich, ich laufe fortan mit den zwei Mitarbeitern von dem Zimmer gegenüber der Besuchertoilette mit und mache planlos das, was mir gesagt wird. Nachfragen sind unwillkommen, auf mein Unwissen bezüglich pflegerischer Tätigkeiten wird mit arger Unverständlichkeit reagiert.


Frühstück, Mittagessen und Abendbrot werden auf meiner Station von einem externen Servicepersonal ausgeteilt – dafür ist nämlich keine Zeit. Nach mehreren Wochen im Dienst wird mir auch klar weshalb. Von 6 Uhr in der Früh bis um 11 Uhr Vormittag sind wir stets mit Waschen und Wechseln von Inkontinenzmaterial beschäftigt. Mein persönliches Highlight: Demente Patientinnen und Patienten, die ihren eigenen Stuhlgang im Bett, an der Wand und in ihrem Gesicht verschmieren – und die Überreste unter den Fingernägeln habe ich als Praktikant schließlich entfernen müssen.


Während des Vormittags sind die Gesundheits- und Krankenpfleger stets mit bürokratischen Tätigkeiten – Telefonate, Akten und Transportbestellungen – beschäftigt. Ich laufe die im Minutentakt ertönenden Zimmerklingeln ab und rotiere zwischen Bettpfanne, Nachtstuhl und Urinflasche. Insgesamt herrscht auf der Station ein rauer, von Stress geprägter Umgangston. Umso mehr merke ich dafür die Wertschätzung, die mir für meine Hilfe entgegengebracht wird. Während eines Frühdienstes ist eine Gesundheits- und Krankenpflegerin mit mir allein auf Station für 36 Patientinnen und Patienten zuständig: Ich werde allein zu den hinteren Zimmern zum Waschen und Messen geschickt, damit die Morgenrunde pünktlich zum Frühstück durch ist.


Zwischendurch fühle ich mich wie ein Vollzeitkraft am Fließband: Die überwiegend dementen Patientinnen und Patienten geben keinen Laut von sich, während ich ihr Gesäß wasche, ihnen das Nachthemd wechsle und sie „lagere“ (Pflegevokabular für in eine günstige, druckentlastende Position im Bett bringen). Die Zeit rast und ich eile von dem einen zum anderen Bett, stets mit Wasserschüssel, Waschlappen und Handtuch gewappnet. Ich arbeite zwar an den Menschen, aber nicht unbedingt mit ihnen.


Nach einem Dienst heißt es für mich Zuhause zunächst Mittagsschlaf. Die Pflegearbeit laugt aus, mein Rücken und meine Füße tun weh, das ständige Waschen, Heben und auf die Bettpfanne setzen macht sich bemerkbar. Abgesehen vom Waschen bekomme ich sehr wenig von anderen pflegerischen Tätigkeiten mit. Am Ende meines Praktikums wird sich bei mir dafür entschuldigt, dass ich auf der Station überwiegend als „Waschjunge“ eingesetzt wurde, doch der Mangel an Personal bei gleichzeitig steigender Anzahl an Patientinnen und Patienten machten es unmöglich, mir mehr zu zeigen.


Laut §6 Absatz 1 der ärztlichen Approbationsordnung (ÄAppO) dient das Pflegepraktikum dazu, die Medizinstudierenden in Betrieb und Organisation eines Krankenhauses einzuführen und ihnen den üblichen Stationsalltag der Krankenpflege näherzubringen. Ich habe während meines Praktikums wenig von Betrieb, Organisation und Stationsalltag des Krankenhauses und der Krankenpflege sehen können. Das, was ich mitbekommen habe, musste ich mir aus Teilen mitgehörter Telefonate und dem mich umgebenden Stationschaos selbst erschließen.


Das Pflegepraktikum bleibt mir persönlich mit einem bitteren Nachgeschmack in Erinnerung. Einerseits bin ich sehr froh darüber, dass ich durch die Arbeit auf meiner pflegeintensiven Station auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht werde. Im Krankenhaus zu arbeiten bedeutet harten Schichtdienst mit chronischem Personalmangel. Hier liegen Menschen, die krank sind und leiden. Viele von den Patientinnen und Patienten sind aufgrund ihrer Krankheiten sichtlich in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt, liegen schwach und regungslos in ihrem Krankenhausbett. Der Stationsalltag sieht nun mal anders aus als bei Greys Anatomy oder Scrubs.
Andererseits sehe ich den eigentlichen Sinn des Pflegepraktikums bei mir persönlich ein wenig verfehlt: Drei Monate harte, unbezahlte Knochenarbeit in Vollzeit, in denen ich dennoch wenig über die Pflege an sich oder über die Krankheitsbilder der Patientinnen und Patienten gelernt habe. Als ich mich während meiner Frühstückspause mit einem Arzt unterhielt, betonte er, dass ich später während des Studiums wiederum zu wenig Zeit haben werde, um ärztliche Routinetätigkeiten wie das Blutabnehmen üben zu können.
Letztendlich empfinde ich die Verpflichtung zu einem Krankenpflegedienst durchaus als sinnvoll, obgleich drei Monate eine sehr, sehr lange Zeit sind. Zeit, die einem später, wenn es an das Erlernen wirklich relevanter ärztlicher Tätigkeiten geht, fehlen wird. Die Missstände unseres Gesundheitssystems hautnah zu erleben, nicht nur in Zeitungsartikeln und Berichten davon zu lesen und Wertschätzung für die Tätigkeiten, welche von der Pflege tagtäglich hinter den verschlossenen Türen des Ärztezimmers geleistet werden, entgegenzubringen, sind zweifelsohne wichtige Bestandteile meiner ärztlichen Ausbildung.

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