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  • Lena Schulze
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  • 28.06.2018

Was hilft bei Prüfungsangst?

Echte Prüfungsangst bedeutet für Betroffene einen Ritt durch die Hölle. Hier erzählen examen­gestählte Jungmediziner, wie sie sich helfen, wenn das Lampenfieber sie packt.

 

Miriam Najafi - Foto: privat

 

Mariam Najafi, 3. Semester, Erlangen

Ich habe zuerst zwei Semester Sozialwissenschaften studiert. Da war Prüfungsangst kein Thema für mich. Erst seit dem Medizinstudium habe ich Probleme, weil der Leistungsdruck höher ist. Ich habe schon sehr viel gegen Prüfungsangst versucht – auch eine Art Selbsthypnose. Aber sich selbst Sachen ein­zureden, funktioniert bei mir nicht. Ich habe auch auf einer Schulung Klangschalentherapie probiert. Die Vibrationen der Schale sollen entspannen. Ich fand das aber eher unangenehm. Was mir tatsächlich hilft, ist, wenn ich in der Lernphase jeden Tag joggen gehe. Zudem habe ich Lavendelduftkissen im Bett. Die wirken beruhigend. Wenn ich am Prüfungstag hibbelig und kaltschweißig bin, nehme ich Bachblüten-Tropfen gegen die Nervosität. Weil ich in der Prüfung schnell Leichtsinnsfehler mache, lese ich mir die Fragen besser zweimal durch und kreuze zuerst das an, was ich sicher weiß.

 

Christian Fleischhauer - Foto: privat

 

Christian Fleischhauer, Assistenzarzt, Jena

Ich denke, eine gewisse Angst gehört zu jeder Prüfung dazu. Aber es gibt ein paar Dinge, die man tun kann, damit sie nicht überhandnimmt. Bei mündlichen Prüfungen habe ich zum Beispiel die Prüfer vorab immer gebeten, Schwerpunkte zu nennen. So konnte ich mich gezielter vorbereiten. Außerdem hat es mir sehr viel gebracht, in Lerngruppen zu lernen. Wir haben das so gemacht, dass einer bestimmte Inhalte vorbereitet und dann vor den anderen referiert. Das kostet einen zwar Überwindung, aber es gibt auch Sicherheit. Zudem haben wir uns gegenseitig mit Fragen gelöchert und uns immer wieder Mut gemacht, nach dem Motto: „Das haben auch andere geschafft – warum sollten wir das nicht auch schaffen?“

 

Anja Tessmann - Foto: privat

 

Anja Tessmann, 5. Semester, Göttingen

Am meisten Angst habe ich vor mündlichen Prüfungen. Oft weiß man nicht, wer der Prüfer ist, was der für Fragen stellt, ob man genug gelernt hat. In den Lerngruppen schaukelt man sich gegenseitig hoch. Die anderen machen einen noch verrückter. Der Stress steigert sich immer mehr. Mir wird dann richtig schlecht, mein Herz klopft und ich bekomme schwitzige Hände. So zu reagieren ist eigentlich kompletter Quatsch. Die Nervosität unterdrückt das Wissen, und wenn dann noch die Fragen doof formuliert sind, wirft das einen direkt aus der Bahn. Aber ich denke, jetzt habe ich solche Situationen besser im Griff. Ich atme tief durch und spreche mir Mut zu. Beim Lernen motiviere ich mich mit Gedanken an das, was ich nach der Prüfung machen kann. Ich lege Pausen ein und höre gute Musik. Auch der Rückhalt von Freunden und Familie hilft mir viel.

 

Tanja Jähnig - Foto: privat

 

Tanja Jähnig, Assistenzärztin, Heilbronn

Vor dem Physikum hatte ich ziemliche Prüfungsangst. Ich war so angespannt, dass ich mir fast keine Pause gegönnt habe. Diese schlimme Nervosität wollte ich nicht noch einmal erleben. Deshalb habe ich mir ein paar Dinge gesucht, die mir Sicherheit geben. Ganz wichtig war für mich die Erkenntnis: Es gibt so spezielle MC-Fragen, da kann man noch mal 100 Tage lernen – und man kennt immer noch nicht alle Details. Davon darf man sich nicht verrückt machen lassen, weder beim Lernen noch in der Prüfung. Über diese Fragen sollte man einfach hinweglächeln. Als Ritual für die unmittelbare Zeit vor einer Prüfung hatte ich mir angewöhnt, die Nacht vorher durchzumachen. Das ist super: Um dich herum ist alles still, und du bist komplett bei dir selbst. In diesen Stunden bin ich den Stoff nochmals in aller Ruhe durchgegangen und habe so die letzten Kräfte mobilisiert.

Was hilft bei Prüfungsangst?

Interview mit Diplom-Psychologe Ingo Bögner, der eine Praxis in Köln leitet.
Er hat sich auf verschiedene Angstarten spezialisiert, die er mithilfe von Biofeedback und Verhaltenstherapie behandelt.

 

„Leute mit Prüfungsangst erwarten zu viel von sich selbst“

 

> Woher kommt Prüfungsangst eigentlich?

Die Betroffenen haben oft zu hohe Ansprüche an sich selbst. Sie wollen auf keinen Fall vor sich selbst oder anderen versagen. Dadurch setzen sie sich unter enormen Druck. Frauen leiden darunter oft mehr, da sie den sozialen Druck stärker empfinden als Männer. Prinzipiell unterscheidet man zwei Typen von Prüfungsangst: zum einen den Perfektionisten. Er versucht krampfhaft gut zu sein und macht gerade deshalb Fehler. Der andere Typ ist der Last-Minute-Lerner. Er bereitet sich nicht aus- reichend auf eine Prüfung vor und ist unsicher, wenn es drauf ankommt. Auch das Studienfach spielt eine Rolle: In Fächern wie Jura, Medizin oder in technischen Studiengängen gibt es keinen Interpretationsspielraum – da gilt nur Richtig oder Falsch. Das steigert den Druck.

 

> Wie helfen Sie Betroffenen?

Zu Beginn messen wir die Angst und schauen, wie der Betroffene auf Stress reagiert. Wie stark schwitzt er? Wie hoch ist der Puls? Wie angespannt sind die Muskeln? Dann bringen wir ihm Entspannungstechniken bei, die ihm helfen, besser mit diesem Stress umzugehen, z. B. autogenes Training oder progressive Muskelentspannung. Am effektivsten ist bewusstes Einatmen durch die Nase und langes Ausatmen über den Mund mit geschlossenen Augen. Beim Atmen sollte man Bauch, Brust und Schultern mitnehmen. Dabei entspannt sich der Körper. Außerdem arbeiten wir in Gesprächen heraus, warum die Person überhaupt solche überirdischen Erwartungen an sich selbst hat.

 

> Wie kann man sich selbst helfen?

Ich muss mir klarmachen: Wovor habe ich Angst? Ist mein Leben wirklich zu Ende, wenn ich die Prüfung nicht bestehe? Natürlich nicht! Wenn ich die Prüfung nicht bestehe, bin ich trotzdem noch liebenswert. Dann gehen die Betroffenen viel realistischer an die Prüfung heran. Ein ganz konkreter Tipp ist, den Lern- inhalt per Ampelsystem einzuteilen. Grün: Das kann ich schon. Gelb: Das sollte ich noch mal anschauen. Rot: Unbedingt noch lernen! So sieht man, wie viel man schon kann, und merkt, dass man die roten Lücken noch schließen kann. Das gibt Sicherheit. Auch Sport hilft sehr gut. Man bekommt den Kopf frei, weil man Stresshormone abbaut.

 

> Was kann ich in der Prüfung tun?

Es ist gut, sich laut vorzusagen: „Ich gebe jetzt mein Bestes. Mehr kann niemand erwarten.“ Ein guter Tipp für mündliche Prüfungen ist: Sprich darüber, was in dir vorgeht – auch wenn du blockiert bist oder erst deine Gedanken sortieren musst. Reden befreit, und das Wissen lässt sich dann oft leichter abrufen.

 

> Was halten Sie von Medikamenten – zum Beispiel angstlösenden Antidepressiva?

Gar nichts. Die Leute arbeiten dann nicht an ihrem Problem, sondern sie denken, die Medikamente lösen es für sie. Das ist aber ein Trugschluss. Wenn man Angst überwinden will, muss man selbst etwas bewirken.

 

> Welche Maßnahmen sind Ihrer Meinung nach Unfug?

Es gibt allerlei Unsinn, wie z. B. Bachblüten. Natürlich sagen die Leute, es hätte geholfen. Das liegt meiner Meinung nach aber nur am Plazeboeffekt. Wer daran glaubt, dass ihm ein Glücksbringer hilft, der wird davon auch profitieren. Aber ich finde es viel wichtiger und effektiver, an sich selbst zu glauben.

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