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  • 11.06.2010

Vorklinik-Coach: Studieren mit Facebook, Wikis & Co.

Wer heute ein Medizinstudium beginnt, arbeitet und lebt von Anfang an auch in einer virtuellen Welt. Das Internet bietet Studenten eine Fülle von Möglichkeiten, die das Studieren einfacher, schöner und schneller machen. Wir haben Tipps und Fakten zum Medizinstudium 2.0 - sowie ein paar Warnhinweise bezüglich möglicher Nebenwirkungen.

 

Immer in Kontakt bleiben!
Foto: A. Fischer

Angenommen, Sie wären Hollywood-Produzent. Würden Sie folgende Story verfilmen? Vier Informatikstudenten, die zusammen in einem Wohnheim wohnen, programmieren zum Spaß eine Internet-Plattform, mit der sich Kommilitonen auf dem Campus austauschen können. Wider Erwarten wird die Seite so populär, dass sie bald über ihre Uni hinaus bekannt ist. Die vier gründen eine Firma. Die Nutzerzahlen explodieren. Sechs Jahre später wird das Portal weltweit genutzt, einer der armen Studenten ist dank der Aktienbeteiligungen am gemeinsamen Unternehmen mit knapp über zwanzig zum vielfachen Milliardär aufgestiegen.

Zu unglaubwürdig für einen guten Film? Keineswegs! Exakt so verliefen die letzten Jahre im Leben des ehemaligen Harvard-Studenten und Facebook-Erfinders Mark Zuckerberg. Seine Seite ist heute das wohl meistgenutzte soziale Netzwerk des "World Wide Web": Über 400 Millionen aktive Nutzer laden bei Facebook jeden Monat gut drei Milliarden Fotos hoch, pflegen die etwa drei Millionen Seiten oder beschäftigen sich mit einer der etwa 500.000 Applikationen.

 

Communities: Ich weiß, was du gestern getan hast …

Auch aus dem Leben vieler deutscher Medizinstudenten ist Zuckerbergs Seite nicht mehr wegzudenken. Das Prinzip von Facebook ist simpel: Nach der Anmeldung kann sich jeder Benutzer ein Profil mit Infos zu seiner Person erstellen und Bilder hochladen. Über eine Suchfunktion können Freunde gefunden werden. Fortan bekommt man dann Statusmeldungen von Bekannten, kann ihnen Nachrichten schreiben oder Bilder schicken. Daneben laden kleine Programme zum Zeitvertreib ein.

Spaßig für Medizinstudenten sind Funktionen wie "Welche medizinische Fachrichtung solltest du studieren?", die einen nach Ausfüllen eines Fragebogens mit einem nicht ganz ernst gemeinten Spezialisierungsvorschlag belohnt. Im Vordergrund steht für viele Nutzer aber der Austausch: "Der Vorteil von Facebook liegt für mich darin, dass ich trotz Zeitunterschied mit meinen Freunden kommunizieren kann", meint etwa Monika, die ihre PJ-Tertiale komplett im Ausland verbringt.

Auch Henrike, Medizinstudentin aus Leipzig, nutzt diesen Kanal:"Es geht einfach, schnell und unkompliziert. Man kann Freundschaften über größere Distanzen besser aktuell halten, und man weiß immer, was der andere gerade tut." Nicht jeder kann dieser Info-Flut etwas abgewinnen. "Mich nervt dieser virtuelle Striptease tierisch", findet zum Beispiel Victoria aus Heidelberg. "Ich muss ja nicht wissen, dass sich ein Mädel aus meinem Semester gerade in Südafrika die Zähne putzt."

Zudem sind Facebook-"Freundschaften" oft nicht besonders eng - was bei durchschnittlich 130 Freunden pro Nutzer allerdings auch nicht verwunderlich ist. Grund für diese ausufernden Freundeskreise ist die Einfachheit, mit der hier Freundschaften geschlossen werden. Anders als im "Real Life" genügt ein Klick - und schon kann man mit eben noch Wildfremden persönliche Inhalte teilen.

Ein für Studenten sehr praktisches Feature von Facebook sind die Gruppen. Die Auswahl ist riesig, und das Spektrum reicht von nicht ganz ernst gemeinten Spaßvereinigungen wie "Bielefeld?? Gibt es nicht!" und "Ich schmeiß auch nach 20.00 Uhr Altglas ein!" bis zu wirklich hilfreichen Gruppen wie "Studienplatztausch Medizin" oder "Medizinische Universität". Seiten wie "Medizin Uni Mainz" oder "Medizin-Studenten München" werden gerne als Schwarzes Brett genutzt, auf dem nach Tutoren oder Lerngruppen gesucht werden kann.

Die Unis nutzen die Gruppen, um auf Veranstaltungen hinzuweisen. Eher lästig ist, dass auch Marketingstrategen das Potenzial dieser Interessenkonglomerate erkannt haben - Studenten bleiben deswegen immer wieder an Beiträgen von Medizinzubehörverkäufern oder Finanzdienstleistern hängen. Neben Facebook hat sich hierzulande das Netzwerk StudiVZ etabliert. Es hat mit seinen 6 Millionen Mitgliedern für den deutschsprachigen Raum eine enorme Größe, reicht weltweit gesehen aber nicht an die Popularität des Vorbildes aus den USA heran.

Der Aufbau erinnert zwar an Facebook - allerdings kann man nur mit StudiVZ "gruscheln". Die Begeisterung für diese Funktion lässt sich vielleicht damit begründen, dass keiner so recht weiß, für was sie da ist. Offiziell ist das Wort eine Mischung aus Grüßen und Kuscheln. Tatsächlich liegt der Sinn des "Gruschelns" aber völlig im Auge des Benutzers. So sehen die einen es nur als Gruß unter Freunden, während die anderen schon einen Flirtversuch wittern.

 

Bloggito ergo sum

Eine andere Form des Austausches bietet der Microblog-Dienst Twitter, mit dem sich Texte in SMS-Länge veröffentlichen lassen. Hat man einen Twitterer gefunden, der einem zusagt, kann man sich als Follower eintragen und erhält die Tweets dann in einer Liste sortiert. Der Inhalt dieser Kurznachrichten variiert stark. Das Spektrum reicht von unaufgeregten Feststellungen à la "Das ist ein langweiliger Samstag!" bis zu kleinen Weisheiten vom Dalai Lama persönlich wie: "How to bring a smile to people's faces? If you remain stony and suspicious ... very difficult! Genuine smiles only come from compassion."

Politiker bedienen sich gerne dieses Sprachrohrs. Barack Obama hat mit Twitter seinen Wahlkampf gepusht. Manche Kliniken in den USA nutzen das Potenzial dieser Echtzeit-Berichterstattung, um bei längeren OPs die Angehörigen immer auf dem neuesten Stand zu halten, wodurch denen stundenlanges Warten auf Neuigkeiten erspart wird. Wem das Gezwitscher zu wenig Inhalt bietet, der sollte sich an den großen Bruder halten: die Blogs. Momentan gibt es weltweit über 200 Millionen dieser Online-Tagebücher - viele von Ärzten, was nicht verwunderlich ist: Schließlich haben sie viel zu erzählen.

Auch Dr. Wolfram Schweizer, der eine Praxis in Friedrichshafen führt, hat sich von der Euphorie um dieses neue Kommunikationsmedium anstecken lassen. Seit Oktober 2008 betreibt er mit www.monsterdoc.de einen Blog, in dem er neben medizinischen und gesundheitspolitischen Texten auch Comics und Musikvideos veröffentlicht. "Ich wollte damals eine Nische im Web erschließen und etwas Witziges, Kreatives und doch Medizinisches erschaffen", erklärt Dr. Schweizer seine Motivation.

"Auch mit dem Hintergedanken, das einmal professionell betreiben zu können." Beim Bloggen kann der Allgemeinmediziner Erlebnisse aus seinem Alltag humoristisch verarbeiten. Allerdings muss er dabei darauf achten, nicht aus dem Praxis-Nähkästchen zu plaudern oder ins private Detail zu gehen, um die ärztliche Schweigepflicht nicht zu verletzen. Im Gegensatz zu vielen Blogger-Kollegen schreibt Dr. Schweizer unter seinem Namen, die Patienten wissen von seinem kreativen Nebenjob.

"Anfangs habe ich auch anonym geschrieben. Nach kurzer Zeit wollte ich allerdings reinen Tisch machen und nur das bloggen, was ich auch in der Realität sagen würde", erklärt er. "Meiner Meinung nach geben anonyme Blogger viel mehr von sich preis als solche mit Namen im Impressum!" Zentrales Element von Blogs ist die Interaktion mit den Lesern, die die Berichte kommentieren oder mit Links ergänzen. Für Dr. Schweizer ist dieses Feedback das Salz in der Suppe, das ihm gegen akute Schreibfaulheit hilft.

Die kann durchaus auftreten, denn der Allgemeinarzt versucht jeden Abend, einen kleinen Text zu verfassen. Ein regelmäßiges Update ist wichtig, um die Leser bei der Stange zu halten. Henrike etwa liest nur unregelmäßig Blogs. Grund: "Viele Blogs, auf denen ich zufällig lande, haben zu lange Texte oder sind zu wenig abwechslungsreich. Und wenn nicht viel los ist, vergisst man auch schnell, wieder reinzuschauen."

 

Wissensozeane im Web

Viel häufiger hingegen ist Henrike in Foren unterwegs. "Wir haben in Leipzig ein Forum für Medizinstudenten. Es hat mir im Studium schon oft geholfen, und man ist immer auf dem aktuellen Stand", berichtet die Medizinstudentin. "Auch zur Beantwortung von Fach- oder Karrierefragen eignen sich diese Plattformen hervorragend." Ist man sich nicht sicher, ob man das Pflegepraktikum am Stück oder geteilt absolvieren soll, kann man darin nach Berichten und Meinungen anderer Kommilitonen suchen.

Zudem nutzen viele Studenten Foren als virtuelle Treffpunkte oder für Diskussionen. Ebenfalls hilfreich im Studium sind die Erfahrungsportale. Auf www.famulaturranking.de und www.pj-ranking.de findet man zum Beispiel Bewertungen von Famulaturen und PJ-Tertialen in Krankenhäusern auf der ganzen Welt. Die Erfahrungen älterer Semester konnten damit schon so manchen Studenten vor einer Tätigkeit als reinen Blutsauger bewahren.

Auch bei der eigentlichen Hauptbeschäftigung im Medizinstudium, dem Lernen, bauen viele Studenten mittlerweile auf Infos aus dem Web. Die Angebote reichen hier von kostenfreien Wissenspools wie Wikipedia bis zu hochwertigen Prüfungsvorbereitungstools wie www.examenonline.de. Immer mehr Studenten arbeiten auch mit E-Books. Monika etwa hat über ihre Uni einen Zugang zur E-Book Library von Thieme. "Ich nutze die vor allem seit dem PJ, da ich wegen der Fliegerei nicht so viel Gepäck mitnehmen konnte", erzählt die Medizinstudentin.

Auch Victoria schätzt die gewichtslosen Wissensspeicher:"Ich bin viel mit dem Laptop unterwegs, da lohnt sich das sehr. Man kann schnell mal etwas nachschlagen, gerade für Referate oder Case-Reports sind die sehr geeignet." Nicht zuletzt durch die neuen, leistungsfähigen Smartphones und E-Book-Reader wie das Kindle oder das iPad werden die E-Books einem breiteren Publikum zugänglich, wodurch deren Relevanz weiter ansteigen dürfte.

 

Schöne heile Netzwelt?

Bei all diesen Angeboten ist es kein Wunder, dass viele Studenten kaum noch vom PC wegkommen. Victoria ist am Tag etwa 3-4 Stunden online und liegt damit im Mittelfeld. Laut einer deutschen Studie haben 14- bis 29-jährige 2009 täglich etwa 180 Minuten im Internet verbracht, 2002 waren es noch 142 Minuten [1]. Damit hält sich der Durchschnittsstudent jede fünfte Minute des täglichen Lebens in der virtuellen Welt auf - und ein Ende dieses Trends ist noch nicht abzusehen.

Dieser Umstand für sich genommen wäre gar nicht zu beanstanden. Oft vergessen die Teilnehmer des virtuellen Lebens allerdings, dass dort die gleichen Regeln gelten wie im wahren Leben. Manche verlieren in der Anonymität des Netzes alle Hemmungen und benehmen sich in den sozialen Netzwerken plötzlich überaus unsozial. Gerade Medizinstudenten sollten diesbezüglich aufpassen. US-Forscher haben das Verhalten junger Mediziner im Internet beobachtet und festgestellt, dass sich diese keineswegs vorbildlich verhalten [2].

Neben häufigen verbalen Entgleisungen wog dabei besonders schwer, dass manche Studenten offenbar gerne im Netz über Patienten berichten. Einige Studenten wurden in den USA wegen solcher online vollzogenen Brüche der Schweigepflicht sogar zwangsexmatrikuliert. Auch der allzu offene Umgang mit persönlichen Daten und Bildern kann zur Stolperfalle werden.

Wie fänden Sie es, wenn Ihr künftiger Chef Ihren Namen googelt und dabei entdeckt, dass Sie in der Facebook-Gruppe "Die Aldi-Kassiererin ist immer schneller als ich" aktiv sind? Henrike sieht das ebenfalls kritisch: "Diese Datenschutzfragen spielen natürlich immer eine Rolle: Wer soll alles Zugang zu meinen Daten haben? Welches, vielleicht falsche Bild kann ein Außenstehender anhand meines Online-Auftritts über mich gewinnen?" Dabei kann man sich bei diesem Thema nur bedingt auf den guten Willen der Portale verlassen.

Bei der Stiftung Warentest fiel Facebook jedenfalls kläglich durch. Angekreidet wurde vor allem die bewusste Weitergabe von Daten an Dritte. Die Verbraucherzentrale empfiehlt deswegen, dass man sich von Facebook abmelden sollte, wenn man auf Datenschutz Wert legt. Bei Facebook möchte man allerdings nur ungern auf diese Praxis verzichten, schließlich bildet sie den Kern des Geschäftsmodells. Mithilfe der Angaben über die Mitglieder kann Facebook über personalisierte Werbung Einnahmen erzielen.

Gibt man in seinem Profil zum Beispiel an, ein Hundefan zu sein, kann einen am nächsten Morgen ein Werbebanner über Tiernahrung anlachen. Dass unbekümmert freigegebene persönliche Daten nicht nur lästige, sondern geradezu gefährliche Nebenwirkungen haben können, hat die Seite http://pleaserobme.com eindrucksvoll demonstriert. Die Initiatoren haben - in einer mittlerweile beendeten Aktion - Twitter-Einträge von Nutzern gesammelt, die darin angegeben hatten, wie lange sie außer Haus sein würden.

Da die Twitterer oft auch ihre Heimadresse online einsehbar gemacht hatten, wurde potenziellen Räubern somit eine hilfreiche Liste von leeren Wohnungen und Häusern geliefert. Der Tipp der "Please-rob-me-Aktivisten": "Don't over-share!" Auch Dr. Schweizers Empfehlung geht in diese Richtung. Der Medizin-Blogger ist zwar sicher einer der am meisten im Web aktiven und präsenten Ärzte in Deutschland. Nach wie vor kann er sich aber auch noch eine Welt komplett ohne einen virtuellen Anteil vorstellen.

Kein Wunder, denn als er vor 20 Jahren studiert hat, war das Festnetz-Telefon das einzige "moderne" Kommunikationsmedium: "Damals hatte kaum jemand einen eigenen PC. E-Mail und Internet gab es nicht", erklärt der Allgemeinmediziner. "Die Möglichkeiten, die wir heute haben, sind unfassbar und nahezu unbegrenzt. Wir müssen sie nutzen, aber aufpassen, darüber nicht das echte Leben zu vergessen!"

Linktipps

Via medici online bei Facebook

 

Hier findest du eine englischsprachige, digitale Bibliothek:

Medical Student

Auf der Internetseite der Uni Bern gibts Erklärungen zu vielen Erkrankungen und medical skills:

Universität Bern

Einen Sono- und Endoskopieatlas, nach Organsystemen geordnet, gibts hier:

Sonoatlas

Die richtige Lernsoftware für Radio, Anatomie und Patho findest du unter:

Sympol

Kostenfreie E-Books suchst du auf:

Projekt Gutenberg

Eine Übersicht der medizinischen Blogs gibts hier:

Medical Blogs

 

Literatur

[1] ARD-ZDF-Online-Studie 2009: www.ard-zdf-onlinestudie.de

[2] Katherine C. Chretien et al. Online Posting of Unprofessional Content by Medical Students. J. Americ. Med. Assoc. 2009; 302: 1.309–1.315

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