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  • Julia Hadala
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  • 21.09.2020

Physikum mit Anlauf

Bestanden! Julia hat beim zweiten Versuch das Physikum bestanden und erzählt, wie das Jahr verlief und wie es sich nun anfühlt, endlich in die Klinik zu kommen.

 

Worum es in diesem Artikel geht? Um das Jahr, das ich mit dem Gedanken begann: „In diesem Jahr mache ich das Physikum.“
Das Jahr, in dem ich mir nicht vorstellen konnte, wie es ist, das Physikum anzutreten – zu bestehen und durchzufallen.
Und zugleich das Jahr, in dem ich alle Versionen einmal erlebt habe.
Ein Jahr voller Tiefpunkte, Versagensängste, Gedanken, die mir zuflüstern, dass Durchfallen ein Zeichen dafür ist, dass ich mir das falsche Studium ausgesucht habe, weil ein perfekter Arzt alles auf Anhieb besteht.
Weil das Physikum „jeder schafft, auch ganz ohne Wissen, Hauptsache man hat etwas gekreuzt.“ – und weil es eben nicht so ist.
Und weil die Aussage „das Physikum besteht jeder“ zugleich eine Beleidigung ist. Eine Beleidigung gegenüber denen, die monatelang lernen und bestehen und gegenüber denen, die trotz monatelangem Lernen durchfallen. Weil das Physikum zu bestehen, ganz gleich wie, eine Leistung ist, die mehr als nur Wissen braucht, sondern auch starke Nerven.
Und ja: weil es Menschen gibt, die das Physikum für gar nicht mal so schwer hielten – aber eben auch, weil es Menschen gibt, die jeden Morgen nach dem Aufstehen nervös gekreuzt haben und vor dem zu Bett gehen dasselbe taten.

Die Wahrheit ist, dass dir niemand diese Herausforderung abnehmen kann. All die Menschen, die für dich da sind, helfen dir, die Zeit durchzustehen – und doch sind es nicht sie, die die Prüfung antreten müssen, am Ende bist du es. Am Ende ist es deine Leistung, die zählt.

Habe ich nach dem bestandenen Physikum gefeiert? Ehrlich gesagt, fiel es mir sogar schwer, die Ergebnisse einzutragen, da irgendwo in meinem Kopf immer noch die Angst umherschwebte, dass ich wieder – wie im Frühjahr – vor einem Prozentsatz knapp unter 60% landen würde. Und um es noch ehrlicher zu sagen, war nicht ich diejenige, die es nicht mehr aushielt, sondern meine Mutter, die ich dafür bewundere, herausgefunden zu haben, wo und wie man die Antworten eingibt, obwohl ich mein Bestes getan habe, ihr all das zu verschweigen.
Eingegeben, abgewartet, voraussichtlich bestanden. Erleichterung, Euphorie, Erschöpfung. Was ich an diesem Tag getan habe? Die liebste Mama umarmt, den liebsten Papa angerufen und gesagt „Ich glaube es hat gereicht.“. Meine Eltern lächeln sehen, meine Sorgen verblassen sehen.
Gefeiert? nein; alle Vorkliniknotizen weggeheftet und für den Keller aussortiert. Der Vorklinik Ade sagen - mit allen Mitteln.
Und dann tauchte zwischen Erleichterung und Euphorie vor allem die Erschöpfung auf. Dabei habe ich gedacht, dass nach dem Physikum auf einmal alles wieder rosé erscheint und man aus dem Nichts wieder die Kraft hat, Dinge zu tun, die man so lange aufgeschoben hatte.
Doch wie allgemein bekannt: Aus Nichts kommt nichts und so bedurfte es erst einmal viele Tage der schlaflosen Nächte, bis ich das Schlafen wieder lernte; viele Tage der Gespräche, bis ich wieder lernte, über etwas anderes zu reden und viele Tage der warmen Temperaturen, um ein klein wenig das Gefühl von Urlaub zu haben.

Ich habe vor einem Jahr ungefähr darüber geschrieben, was ich alles gelernt habe, als ich durchgefallen bin. Und jetzt ein Jahr später, will ich darüber schreiben, was ich alles gelernt habe, als ich es bestanden habe.


1. Du wirst nicht der Einzige sein, der durchfällt, es wiederholen muss und dann im 2. Anlauf besteht.
2. Du musst dich nicht erklären, wenn du durchfällst. Sei es der schlechte Schlaf oder die Aufregung. Du musst dich niemandem gegenüber erklären.
3. Lass dich nicht vergleichen; schön, dass jemand 80% kreuzt - nicht schlimm, wenn du es nicht tust.
4. Ganz egal, wie alt, jung du bist oder wie lange du schon studierst. Stress tut keinem gut. Also lass dich nicht stressen und ärgere dich nicht über Dinge, die du nicht ändern kannst.
5. Versuch alles als eine Chance zu sehen. Eine Chance etwas besser zu machen, zu bestehen, mehr zu lernen.
6. Auch wenn es dir schwer fällt, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass du dir selbst der härteste Richter bist. Versuch dir gnädiger zu sein.
7. Einmal durchzufallen bedeutet nicht immer durchzufallen.

Damit also als Nachwort des Physikums Herbst 2020: Gratulation an alle, die es bestanden haben und ein Lob an alle, die auch wenn es nicht gereicht hat, ihr Bestes gegeben haben.
Das Physikum ist keine leichte Prüfung, sonst würde dies kaum ein Staatsexamen sein und es zu bestehen ist eine Leistung, auf die man stolz sein darf.
Und damit könnt ihr nun endlich sagen: Auf (nimmer) Wiedersehen Vorklinik
und Hallo Klinik, schön dich endlich zu sehen.

 

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