Zurück zu Mein Weg ins Medizinstudium
  • Artikel
  • |
  • Text und Fotos Myrièlle Urban
  • |
  • 28.09.2020

Sieben Gründe, Ärztin/Arzt zu werden

Das Medizinstudium kann wie eine Droge wirken. Myrièlle erzählt, welche Situationen sie am meisten berauscht haben.

Lebenslanges Lernen - das gehört zum Arztberuf dazu.

 

Manche denken an den Halbgott in Weiß, der durch die Klinikflure stürmt und Leben rettet. Andere hingegen – ganz klischeehaft – an den Zahnarzt, der nach seinem Nine-to-Five-Job in den Porsche springt und gen Heimat (oder Urlaub) fährt. Ein Leben, das nach außen hin glamourös und wichtig wirkt. Doch was sorgt wirklich für den Rausch im Medizinerleben? Geld, Macht, Ansehen? Oder schlichtweg das Gefühl, das Richtige zu machen?

Ich stehe noch ganz am Anfang meiner Reise in der Medizin. Und doch hatte ich schon Schlüsselmomente, aus denen ich nahezu berauscht heraus gegangen bin. Momente, die mich wochenlanges Pauken in der Bibliothek und zahllose schlaflose Nächte vergessen lassen.


10. August 2017


Meine Abiturverleihung ist jetzt genau 49 Tage her. 49 Tage, an denen ich mich frage, wo ich in ein paar Wochen stehen werde. Die Zeit nach dem Abitur ist eine merkwürdige Phase – irgendwo zwischen Freiheit und Selbstbestimmung gibt es das Gefühl einer absoluten Schwebe. Nicht zu wissen, was einen an der Uni erwartet oder was man überhaupt studieren wird, ist grässlich. Ich habe zig Bewerbungsgespräche hinter mir und zahlreiche Zusagen in der Tasche. Der langersehnte Bescheid für meinen Wunschstudiengang steht aber noch aus.

Ich bin gerade auf dem Sprung zum schwedischen Möbelhaus meines Vertrauens und beschließe noch schnell – zwischen Tür und Angel – mein E-Mail-Postfach zu checken. Ich scrolle durch zahlreiche Newsletter und erstarre. Da ist sie: die Nachricht von Hochschulstart, der bundesweiten Koordinierungsstelle für zulassungsbeschränkte Studiengänge.

Mir wird schlecht, mein Herz fängt sofort an zu pochen. Ich kann spüren, wie mein Adrenalinspiegel steigt, während ich die Nachricht öffne. „Hiermit erhalten Sie den oben genannten Studienplatz…“ Wunschuni, Wunschstudiengang. Alle vorherigen Zweifel machen einer unbändigen Freude Platz.

Das war dann wohl der erste Rausch.


Sommer 2017


Zwischen Abitur und Studienbeginn habe ich einen Monat in der Pflege gearbeitet. Und während ich um 5.40 Uhr noch ganz verschlafen die Klinik betrete, frage ich mich, was ich hier eigentlich mache. Während meine Freunde im Urlaub sind, feiere ich meine Post-Abitur-Phase zwischen Spätdienst, Bettpfanne und Infusionsständern. Jeden Morgen das gleiche Prozedere: Frühbesprechung, Aufgabenverteilung und dann „die erste Runde“. Ich gehe durch die Zimmer, wecke die Patienten, notiere sämtliche Vitalparameter und führe die Grundpflege durch.

Aber sobald ich mit dem ersten Patienten spreche, sind alle Zweifel samt Müdigkeit vergessen. Pflege ist ein unfassbar harter Job – neben Überstunden und Unterbesetzung ist es schwierig, seiner Arbeit mit einem Lächeln nachzugehen. Aber wenn man sieht, wie sehr andere auf die eigene Hilfe angewiesen sind und dass man selbst mit den kleinsten Taten Großes bewirken kann, ist das die Mühe allemal wert. Dankbarkeit ist eines der schönsten Gefühle der Welt. In meinen Wochen in der Klinik habe ich so viel Dankbarkeit entgegengebracht bekommen, dass ich noch heute davon zehren kann – und das nur, weil ich Menschen beim Anziehen oder Essen geholfen habe. Oder mir – selbst in stressigen Phasen – die Zeit genommen habe, mit den Patienten zu reden und ihren Klinikaufenthalt ein kleines bisschen erträglicher zu machen.

An dem besagten Morgen wird eine meiner Lieblingspatientinnen entlassen. Eine Frau mittleren Alters, die aufgrund einer akuten Blinddarmentzündung bei uns eingeliefert und operiert wurde. Ich habe sie und ihre Genesung über Tage begleitet und viel Zeit mit ihr verbracht.

Als ich mich von ihr verabschiede, nimmt sie meine Hand und schaut mir in die Augen: „Machen Sie so weiter, Sie werden eine tolle Ärztin.“

Berauscht und mit Tränen in den Augen gehe ich ins nächste Patientenzimmer.


Eine Woche später, im Sommer 2017


„Hey Myrièlle, hast du Lust auf einen OP-Tag?“

Natürlich habe ich Lust! Ich husche sofort ins Untergeschoss. Es ist nicht mein erster Tag im OP-Saal: Schon während meiner Schulzeit habe ich ein Praktikum bei einem Chirurgen gemacht und fand das schon damals unglaublich spannend. In schickem Grün und mit Haar- und Mundschutz bewaffnet verbringe ich nun also einen ganzen Tag in den Operationssälen. Das Team ist bemüht und freundlich, ich beobachte verschiedene Eingriffe: Von Gallenblasenentfernungen bis hin zu orthopädischen Schulter-OPs ist alles dabei. Und dann kommt das Highlight.

Ich stehe vorm OP-Plan und entscheide mich für den nächsten Eingriff: Sectio caesarea – Kaiserschnitt. Habe ich noch nie gesehen, das will ich nicht verpassen! Ich gehe in die Einleitung – wo der Patient von den Anästhesisten narkotisiert und vorbereitet wird – und unterhalte mich mit den werdenden Eltern. Schon leicht blass im Gesicht wird die Frau in den OP gerollt, an ihrer Seite ihr Mann und ich.

Weitere Vorbereitungen. Desinfektion mit alkoholischer Iodlösung. Einzeichnen des Eröffnungsfeldes. Schnitt.

Und dann geht alles auf einmal richtig schnell. Nach und nach werden die einzelnen Bauchschichten eröffnet und plötzlich: Ein neues Leben erblickt das Licht der Welt. Das unfassbar kleine Würmchen fängt sofort an zu schreien, während mir die Tränen in die Augen steigen. Der Eingriff verläuft problemlos und diese beiden netten Menschen, die ich erst seit einer Stunde kenne, tragen auf einmal Verantwortung für diesen schreienden Minimenschen. Unfassbar emotional – und einfach ganz anders als alle Eingriffe, die ich bis dahin gesehen habe.

Leben und Tod gehören zum Beruf des Mediziners dazu. Mit Gänsehaut auf den Armen verlasse ich den OP-Saal – heilfroh, dass mir von diesen Extremen auf meinem Weg in der Medizin zuerst das Leben begegnet ist.


Dezember 2017


Ich bin Studentin. Und das schon seit drei Monaten. Die Uni ist groß, die Kommilitonen super, der Anspruch hoch. Seminare jagen Vorlesungen, danach geht es noch bis spätabends in die Bib zum Lernen. Das „Grey’s-Anatomy“-Feeling kommt noch nicht auf – Nervenkitzel und Rausch kennt man bis dato nur nach einer Überdosis Koffein während der Lernsessions oder von dem Gefühl, wieder viel zu spät mit dem Lernen angefangen zu haben.

Alle sind schneller, irgendwie schlauer. Und so manchmal zweifle ich dann doch, wofür ich mich da entschieden habe und vor allem – ob ich gut genug bin. Kurz vor Weihnachten steht die erste mündliche Prüfung an. Anatomie der inneren Organe. Unfassbar viel Lernstoff – mein Nervositätsspiegel ist ähnlich hoch wie die Anzahl der lateinischen Begriffe, die notdürftig in meinen Kopf gefunden haben. So aufgeregt war ich lange nicht mehr. Und sehne die guten alten Abiturprüfungen her, die mir auf einmal unglaublich machbar vorkommen.

Irgendwie läuft es dann aber doch besser als gedacht. Als die magischen Worte fallen – „Das reicht schon, Sie haben bestanden“ –, bin ich einfach nur erleichtert. Alle vorherigen Zweifel sind vergessen und das berauschende Hochgefühl, genau hier in diese Uni und diesen Studiengang zu gehören, begleitet mich bis ins neue Jahr hinein.


Sommer 2018


In Heidelberg steht ab dem ersten Semester Anatomie auf dem Lehrplan. Was neben Unmengen an Lernstoff bedeutet, am Präparierkurs  – dem „Präp-Kurs“ – teilzunehmen. Als Studenten erlernen wir die Anatomie nämlich nicht nur aus Büchern, sondern sezieren ein halbes Jahr lang einen menschlichen Leichnam. Wirkt für Außenstehende oft befremdlich, ist für die Lehre aber – in meinen Augen – absolut unabdingbar. Es macht einfach einen Unterschied, ob man Gefäße, Muskeln und Organe nur von Bildern lernt – oder ob man sie berühren und nachvollziehen kann.

Der Präp-Kurs ist eine prägende Zeit. Man trägt quasi für seinen ersten Patienten Verantwortung und bekommt die einmalige Chance, das Mysterium Mensch bis ins kleinste Detail zu studieren. Und für viele, mich eingeschlossen, ist es die erste nahbare Begegnung mit einer Leiche und dem Thema Tod. Nach wie vor stellt der Kurs für mich mein bisheriges Studienhighlight dar und auch heute denke ich immer wieder gerne daran zurück.

Doch woher kommen diese Körperspenden? Jedes Jahr entscheiden sich einige Menschen, nach ihrem Tod nicht herkömmlich beerdigt zu werden, sondern ihre Körper den anatomischen Instituten für Lehre und Forschung zu hinterlassen. Und einmal im Jahr, nach erfolgtem Kurs, richten wir Studenten eine Trauerfeier aus und beerdigen zusammen mit den Familien die eingeäscherten Verstorbenen.

Es ist Hochsommer, zusammen mit meinen Kommilitonen und einer Vielzahl fremder Gesichter sitze ich in einer Kirche und lausche den Fürbitten. Der Präp-Kurs ist seit etwa vier Monaten vorüber und heute ist es so weit: Wir beerdigen die Körperspender, unsere ersten Patienten.

Die Zeremonie ist emotional – ein Trauerchor singt, die Namen der Verstorbenen werden verlesen. Ich bekomme Gänsehaut, zusammen treten wir ins Sonnenlicht und gehen zum Friedhof, der – ganz anders als vorgestellt – mehr einem Park als einer herkömmlichen Ruhestätte ähnelt. Das Loch ist schon ausgehoben, die Urnen stehen am Grund. Nach und nach treten die Angehörigen vor und werfen unter Tränen Erde und Blumen hinein. Ich bete.

Die Sache mit dem Kurs ist, dass man nach und nach den Bezug dazu verliert, an einem echten Menschen zu arbeiten. Vor lauter Lernstress sieht man nur noch Knochen, Gelenke und Gefäße und arbeitet weiter an einem Stück gesichtsloser Materie.

Aber während ich am Rand der Beisetzung stehe und die Gruppe betrachte, wird mir schlagartig klar, dass mein Körperspender einmal ein Mensch war, ein Ehemann, ein Vater. Diese Erkenntnis überwältigt mich und auf einmal kommt es mir wie das größte Geschenk der Welt vor, diesen Kurs erlebt haben zu dürfen. Voller Dankbarkeit erkenne ich, dass es eben keine Selbstverständlichkeit ist, dass sich diese Menschen für uns gespendet haben und wir an ihnen lernen konnten.

Und auf einmal wird mir bewusst, wie vergänglich wir sind, dass ein jeder nur einen unfassbar kleinen Teil dieser großartigen Schöpfung ausmacht. Und dass Leben und Tod unaufhörlich miteinander verknüpft sind und wir das, was wir im Hier und Jetzt haben, einfach mehr schätzen sollten.

Unter Ehrfurcht und Tränen werfe auch ich meine Blume ins Grab.


Frühjahr 2019


Nach dem Abitur habe ich für ein paar Wochen bei meinem Zahnarzt – der zusätzlich ausgebildeter Oralchirurg ist – mitgearbeitet und am Stuhl oder in kleinen OPs assistiert. Das mache ich – je nachdem wie es das Studium zulässt — immer mal wieder. Ich habe auch hier, ähnlich wie im Krankenhaus, viele prägende Patientenbegegnungen erlebt. Mir Zeit genommen, wenn mir der Patient auch noch vom fünften Enkelkind erzählen wollte oder die Hand gehalten, wenn ein Angstpatient narkotisiert wurde. Diese Einsätze sind immer wieder unglaublich bereichernd und erinnern mich daran, wofür ich diesen ganzen Aufwand betreibe. Und manche Fälle vergesse ich sicher nie.

Ein junger Mann betritt die Praxis, vielleicht ein paar Jahre älter als ich. Laut Akte absoluter Angstpatient, unter Vollnarkose sollen über fünf Füllungen erneuert werden. Er war seit Jahren nicht mehr beim Zahnarzt – und ganz ehrlich, das kann man leider sehen. Die alten Füllungen sind brüchig, selbst der Frontzahnbereich kariös.
Viel Panik seinerseits und ein paar Stunden später sind die vorherigen Defekte und Schmerzen verschwunden. Er betrachtet begeistert sein neues Lächeln – und auch ich muss lächeln als ich merke, wie schnell es manchmal möglich ist, anderen zu helfen.


Sommer 2019


Ich werde oft von Nichtmediziner-Freunden gefragt, woher ich die Motivation für so ein forderndes Studium nehme. Und ganz ehrlich: Wenn ich nach dreizehn Stunden auch endlich die Uni verlasse oder schon wieder einen Sommer drinnen am Schreibtisch verbringe, frage ich mich das auch. Und das führt zurück zur Frage, was denn nun den Rausch im Leben eines Mediziners ausmacht. Was treibt einen Arzt an, alles zu geben?

Rausch definiert sich als ein Hochgefühl, einen Ausnahmezustand, der nach Einnahme von Drogen und anderen pharmakoaktiven Substanzen eintritt. Die Gedanken spielen verrückt, es kommt zu einem Rausch der Sinne – und das dank Halluzinogenen oder Opiaten.

Aber darum geht es in meinem Fall nicht. In der Medizin braucht es keine Stimulantien, um einen emotionalen Ausnahmezustand hervorzurufen.

Ich bin noch ganz am Anfang meines Weges, habe weder selbstständig behandelt noch Leben gerettet. Aber dennoch kann ich die Frage nach dem Rauschgefühl für mich ganz persönlich beantworten: Es ist die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein.

Jeder Dank eines Patienten ist Motivation, noch härter zu arbeiten. Jeder Patient, der ohne Schmerzen wieder nach Hause fährt, bringt einen zurück ans Lehrbuch. Denn genau das, was ich in meinen Famulaturen sehe, möchte ich selbst können. Möchte selbst behandeln, für meine Patienten da sein und vielleicht, vielleicht die Medizin auch ein Stückchen besser und menschlicher machen.

Im OP zu sein, ist mein Trip. Nach Stunden des Paukens zu realisieren, dass es wirklich das Leben von Patienten retten kann, wenn man jeden auch noch so kleinen Stoffwechselschritt verstanden hat, kann zur Ekstase führen. Und darüber hinaus lernt man – in ständiger Konfrontation mit Krankheiten und Schicksalen – die eigene Gesundheit und die kleinen Dinge im Leben bewusster zu schätzen.

Ich habe Anfang des Jahres in der Kieferchirurgie famuliert und habe gesehen, wie der Chirurg nach geglückter OP von den Angehörigen umarmt wurde – das war jetzt tatsächlich wie bei „Grey’s Anatomy“. Diese Momente sind mein Antrieb – und mein Rausch.

Auf dem Campus verbringen Medizinstudierende viel Zeit: Nicht nur im ersten
Semester sind die Tage lang, die Uni groß und der Anspruch hoch.

Mehr zum Thema

Interview: Ersti mit 28

Artikel: Bratislava – wo ist das?

Artikel: Medizinstudium in Vilnius, Litauen an der Vilnius University

Schlagworte