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  • Schirin Ibrahim
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  • 13.04.2012

Beziehungen unter Medizinistudenten

Lokalredakteurin Schirin Ibrahim hat die "Partnerbörse Medizinstudium" einmal genauer unter die Lupe genommen - und dabei faszinierendes über ihre liierten Kommilitonen erfahren.

Laut inoffiziellen Schätzungen gibt es in meinem Studienjahr bereits neun Pärchen, Tendenz steigend. Das Gute liegt manchmal eben doch sehr nahe, vielleicht sogar eine Bankreihe weiter. Doch was ist es, was meine Kommilitonen zusammenführt? Glaubt man dem Sprichwort "Gleich und gleich gesellt sich gern", so sind viele Voraussetzungen für eine gelungene Beziehung gegeben. Das gleiche Studienfach, denselben Freundeskreis, gleichen Ärger mit Professoren, Praktika und Prüfungsstress. Hinzu kommt vielleicht auch eine gewisse Faulheit, in einem weiteren Umfeld auf Partnersuche zu müssen, wenn man doch einfach die Banknachbarin per Facebook-Chat zum Kaffee in der Uni-Mensa einladen kann.

Es wird uns Medizinstudenten sehr leicht gemacht, unsere Kommilitonen kennenzulernen, da unsere Praktikumsgruppen ständig neu zusammengesetzt werden. Wer sein Auge also auf jemanden im selben Jahr geworfen hat, muss nur ein wenig abwarten. Früher oder später trifft man die angebetete Person bestimmt als Laborpartner oder an einer der vielzähligen Medizinerpartys wieder.

Auch das Ansprechen wird kinderleicht, wenn man zusammen studiert. Ein einfaches "Wie gefiel dir die Vorlesung?", erweist sich als nonchalanter Annäherungsversuch und erübrigt peinliche Sprüche wie "Hey, bist du öfters hier?" oder "Kennen wir uns nicht von irgendwo?". Falls sich jemand doch dazu bewegt fühlt, die letzteren zwei Sprüche an euch auszutesten, antwortet einfach mit "Ja, ich bin hier Professor" oder "Nein wir kennen uns noch nicht, aber ich werde nächstes Semester Ihre praktische Prüfung abnehmen" und schon seid ihr den Störenfried auf ewig los. Da der Durchschnittsmediziner jedoch einen ausreichend hohen IQ haben sollte, um sich vor solchen Anmachen zu hüten, muss man sich bei uns an der Uni kaum Sorgen machen, demnächst linkisch von der Seite angemacht zu werden. Die Pärchen haben sich demnach freiwillig gebildet und von einigen weiß ich, dass sie schon seit dem 1. Semester zusammen sind.

 

Willst du mit mir gehen? - Foto: S. Ibrahim

 

Es gibt auch Nachteile

Leider wird es Menschen im Allgemeinen und Medizinern im Speziellen schnell mal langweilig und dann sehnen sie sich nach Abwechslung und Neuland - nicht nur im Beruf. Genau dieser Punkt dürfte in einer Beziehung unter Mitstudenten für Ärger im Paradies sorgen und ist vielleicht der einzige Grund, weshalb unsere Pärchenstatistik nicht schon bei 50% liegt. Man sieht sich täglich, verbringt Freizeit und Lernphase zusammen und irgendwann hat man sich nichts mehr zu erzählen, weil der Partner ja bei jedem Ereignis dabei war und nur noch antwortet "Ja, ich weiss".

Oder sind unsere Pärchen etwa alle romantische Kletten, die diese Symbiose mit ihrem Partner suchen und wünschen? Da ich nie einen Mitstudenten daten würde, kann ich nur Vermutungen aufstellen. Aber was bringt eine Studiumsbeziehung nun zum funktionieren oder scheitern?

 

Die Pärchen

Um meine aufgestellten Theorien zu überprüfen, unternahm ich ein wenig Feldforschung auf dem Campus und befragte zwei Pärchen nach ihrem akademischen Liebesleben.

Die Harmonischen, Silvan und Daniela* (*Namen von der Redaktion geändert):

Das erste Pärchen kenne ich schon länger. Zu Beginn ihrer Beziehung vor fast einem Jahr waren sie die nervigen Frischverliebten, die auf jeder WG-Party wie Kaugummi aneinanderklebten und praktisch nicht ansprechbar waren. Mittlerweile haben sie ihre Leidenschaft ein wenig gezügelt, verbringen aber dennoch sehr viel Zeit miteinander. In der Pause sieht man sie oft zusammen und manch einer könnte neidisch werden, wenn man diese Turteltauben sieht. Sie strahlen eine innige Vertrautheit aus und gehen sehr rücksichtsvoll und feinfühlig miteinander um. Beide Anfang zwanzig, sitzen meist zusammen in der Vorlesung. „Außer wenn einer zickt", meint Daniela, „dann sitzen wir auseinander". Und Silvan fügt hinzu: „Wenn ich nicht gut drauf bin und dann meine Freundin deswegen anfahre, bringt das kein gutes Klima in die Beziehung." Klingt vernünftig, finde ich.

Das Wochenende verbringen sie meist getrennt, beide haben zwar den gleichen Freundeskreis an der Uni, Privat haben sie sich allerdings ihre Hobbys, Freunde und Freiräume erhalten. Auch in der Lernphase geht jeder seinen Weg. Was aber sehr hilft sei, dass der Partner absolut nachvollziehen kann, wie man sich gerade fühlt, weil er im gleichen Boot sitzt. Das sei ein großer Vorteil gegenüber ihren früheren Beziehungen zu Nichtmedizinern. Diese hätten weniger Verständnis und Geduld gehabt, wenn der Partner kurz vor dem Examen völlig gestresst war und keine Lust hatte auszugehen.

Natürlich komme es auch vor, dass man sich mal nichts mehr zu sagen hat, weil der Partner die lustige Vorlesung und das Mittagessen in der Mensa auch miterlebt hat. Sie haben aber kein Problem damit, man muss ja nicht immer reden und am Wochenende macht jeder sein eigenes Ding. Dann kann man sich am Montag an der Uni davon berichten und freut sich, seinen Partner wiederzusehen. Mir gefällt dieses Beziehungsmodell sehr, und im Gespräch mit den Beiden wirken sie sehr reif und überlegt. Sie haben sich nicht einfach hineingestürzt in die Beziehung und arbeiten auch jetzt noch daran, dass es für beide stimmt.

 

Die Diskreten, Kai und Vera:

Mein zweites Paar bietet hierzu einen krassen Gegensatz. Sie wohnen beide in der gleichen Stadt, auch beide Anfang zwanzig. Auf einer Zugfahrt sind sie sich nähergekommen. Kai erzählt: „Zuerst haben wir einfach nur geplaudert, wir kannten uns von den Vorlesungen und Kollegen. Wenn man sich dann jeden Morgen sieht und sich aneinander gewöhnt, dann kann man es ja auch mal mit einer Beziehung versuchen. Dazu sind sie ja da, die Beziehungen. Man mag jemanden und dann hat man eine Beziehung, erst dann lernt man sich besser kennen und sieht ob es funktioniert." Ich bin über diese Aussage ein wenig perplex und frage nach: „Findest du nicht, man lernt sich zuerst kennen und entscheidet dann, ob eine Beziehung Sinn macht. Also ehe man sich blind darauf einlässt?". Kai entgegnet mir: „Weisst du, manchmal muss man auch Passivität zulassen, sonst bleibt man ewig Single. Muss ich denn in die Ferne schweifen und krampfhaft versuchen keine Beziehung mit einer Mitstudentin zu haben obwohl wir uns mögen und es gerade einfach passt? Man muss einfach nur zugreifen, wenn man diese Chance erhält."

Obwohl Kai und Vera schon fast seit Beginn des Studiums zusammen sind, habe ich das erst vor kurzem herausgefunden. Sie sitzen weder in der Vorlesung noch in der Pause zusammen, sie schicken sich keine Liebeslieder auf Facebook und sie knutschen nicht heimlich im Korridor. Sie sind so diskret, dass ich nicht einmal wusste, dass die beiden sich kennen. Kai, der übrigens alleine zum Interview erschienen ist und Vera gesagt hat sie solle drinnen auf ihn warten, um danach gemeinsam nach Hause zu fahren, meint dazu: „Wir haben es nicht nötig, unsere Beziehung allen unter die Nase zu reiben. An der Uni sind wir zu 80% Kommilitonen und privat sind wir zu 80% ein Paar. Ab und an essen wir zusammen in der Mensa und ab und an werden zu Hause Unisachen besprochen. Wir lernen aber getrennt und haben getrennte Freundeskreise. Für uns beide funktioniert das so gut."

Zu Beginn der Beziehung hätten sie versucht zusammen zu lernen, was nur zu Streit geführt hätte, da beide völlig unterschiedliche Lerntypen sind und das ständige Zusammensein schnell die Luft aus der Beziehung nimmt. Beide wohnen noch bei den Eltern und wollen später in getrennten WGs leben. Damit man eben nicht zu sehr aufeinander hockt. Kai meint: „Wir lernen uns immer noch kennen und müssen uns ständig neu orientieren und einander anpassen. Aber es stimmt für uns und wir geniessen es, dass wir an der Uni nicht im Rampenlicht stehen und keinem Tratsch ausgesetzt sind." Nun ruft Kai Vera an, um zu fragen wo sie ist. Ich frage mich derweil, ob Vera mit dieser Beziehungsform glücklich ist oder ob sie sich nicht manchmal danach sehnt, auch an der Uni einen Partner zu haben und nicht nur zu Hause.

 

Trennungen bei Medizinerpärchen

Doch nicht immer hält die Liebe von Medizinstudenten. Lea und Konstantin waren mal ein Pärchen, haben sich nun aber getrennt. Natürlich wollte ich wissen, warum die Beziehung gescheitert ist.

Die Getrennten, Lea und Konstantin:

Das Dritte Paar ist gar keines mehr. Ich kenne Lea von Praktika und weiß, dass sie und Konstantin beide schon Mitte zwanzig sind und nicht mehr bei ihren Eltern wohnen. Die wenigsten unserer Mitstudenten wissen, dass die zwei mal eine Beziehung hatten. „Lange waren wir ja nicht zusammen", erklärt mir Konstantin, „nur so drei Monate. Wie fast alle Paare hier, hatten wir den gleichen Freundeskreis und sind uns ständig begegnet. Auch auf Medizinerpartys und in der Bibliothek. Wenn ein Mann und eine Frau lange genug zusammen Zeit verbringen, funkt es früher oder später definitiv. So auch bei uns."

Sie hätten sich dann in den Sommerferien entschieden, es auch als Paar zu versuchen, was prima geklappt habe. Lea erzählt weiter: „Als wir dann wieder an der Uni waren, kam der Alltagsstress, die Lernerei, die Prüfungen. Und irgendwann hatten wir uns nichts mehr zu erzählen. Ich habe Konstantin manchmal die gleiche Geschichte drei Mal erzählt, weil mir nichts mehr einfiel und mit der Zeit fanden wir einander einfach nur noch nervig und langweilig. Das hatten wir vorher, als Freunde, nie erlebt."

Daraufhin hätten sie beschlossen, die Beziehung zu beenden und wieder nur Freunde zu sein. Das klappt bisher ganz gut und sie sind zuversichtlich, dass die Freundschaft davon keinen Schaden tragen wird.

Was allen Pärchen gemeinsam ist

Worüber sich alle Befragten einig waren ist, dass sie nicht generell zu faul waren, jemanden außerhalb des Studiums zu suchen. Es sei aber für Mediziner nicht leicht, überhaupt "nach außen" zu kommen. Die hohen Präsenzzeiten und das hohe Lernpensum lassen nicht viel Zeit für eine fundierte Partnersuche abseits des Studienalltags. Auch geht es allen primär um den Menschen, mit dem sie zusammen sind, egal welches Studienfach und Semester. Wenn es passt, dann passt es einfach und wenn das der Banknachbar ist, dann sei dem halt so. Wo die Liebe eben hinfällt.

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