Zurück zu Rostock
  • Artikel
  • |
  • Julia Hadala
  • |
  • 17.09.2018

Warum durchfallen kein Weltuntergang ist

Die Angst, durch eine Prüfung zu fallen, kennt wohl jeder. Julia erzählt von ihren Erfahrungen und warum die Welt mit einer nicht-bestandenen Prüfung auch nicht untergeht.

 

Nächte durchpauken, ein Buch nach dem anderen lesen, Wichtiges markieren – bis man realisiert: Alles ist wichtig.
So oder ähnlich sehen bei vielen Medizinstudierenden die Nächte vor den großen Prüfungen aus. Man sagt zwar allen andern „Mach dich nicht so nervös“ – selbst nimmt man sich diesen Satz jedoch selten zu Herzen und wenn doch, dann hat man das Maß der perfekten Vorbereitung erreicht und könnte genauso gut die nächste Nacht beruhigt schlafen, anstatt sie durchzumachen.


Das Problem bei mir beispielsweise ist: Ich mache mir immer noch einen Kopf vor jeder Prüfung. Ich entscheide mich in vielen Fällen immer noch für die Reduktion meines Schlafes und damit für das nächste Lehrbuch oder das nächste Lernvideo. Denn es dauert nicht lange bis die ersten Gedanken kommen, die ungefähr so lauten:
Was, wenn ich auf eine Frage nicht vorbereitet bin? Was, wenn ich ein paar Kreuze falsch setzen werde? Was, wenn ich einen thematischen Schwerpunkt vergessen habe zu lernen? Kurzum: Was, wenn ich durchfalle?

Durchfallen. Ein „Nicht bestanden“. Ein Weltuntergang – oder etwa doch nicht?

Komischerweise ist es immer das erste Mal, vor dem man am meisten Angst hat. Das erste Mal bei einer Prüfung durchzufallen fühlte sich für mich wirklich wie ein Weltuntergang an: Ich saß nach der Prüfung weinend auf dem Boden, sah aus wie ein kleines Häufchen Elend und fühlte mich auch exakt so. Ich habe doch so viel für dieses Anatomietestat gelernt! Oder habe ich mir etwa die Stunden und das ganze Markieren etlicher Bücher eingebildet?


Was ich aber nach ein paar Stunden Weinen gemerkt habe: Die Welt existiert immer noch – sie ist, so irrational es mir schien, nicht untergegangen. Nach dieser Erkenntnis begann ich wieder auf die rationale Ebene zu kommen. Gut, ich habe die Prüfung in der ersten Runde nicht bestanden. Bringt es etwas, mich jetzt stundenlang schlecht zu fühlen und mir zu sagen, dass ich es hätte besser machen müssen? Nein. Ich habe mein bestes gegeben und wenn es für das erste Mal nicht gereicht hat, dann probiere ich es noch einmal, gebe ein Stückchen mehr hinzu und schaffe es. Und sollte es selbst beim zweiten Mal nicht klappen, dann gibt es oftmals noch zig weitere Versuche.

Um jedoch in der Prüfungsvorbereitung nicht die gleichen Fehler nochmal zu begehen, ist es wichtig sich zu fragen, woran es lag. War man zu nervös? Hat man auf die Fragen nicht direkt geantwortet, sondern versucht die Frage thematisch in eine andere Richtung zu lenken? Hat man möglicherweise einen Schwerpunkt zu ungenau gelernt? Hat man versucht mit viel zu vielen Büchern zu arbeiten, anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren?
Wenn man weiß woran es lag, kann man auch genau dort ansetzen und daran arbeiten.
Lektion gelernt, heißt das, wenn auch auf eine unschöne Weise. Interessanterweise waren es immer die Fragen, die ich zuerst nicht beantworten konnte, dessen Antworten ich mir danach umso besser gemerkt habe und welche umso besser im deklarativen Gedächtnis gespeichert wurden. „Wiederholung“ – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich habe im zweiten Semester nicht nur einmal die Situation eines „Nicht Bestanden“ in einer Prüfung erleben dürfen und natürlich ist es immer wieder aufs Neue ein unschönes Gefühl in die zweite oder gar dritte Wiederholung gehen zu müssen. Aber es ist nicht mehr der große Weltuntergang, den ich bei meinem ersten Fehltritt erlebte. Das eine Mal habe ich zugegeben „falsch“ gelernt, das andere Mal hatte ich einfach einen Black-Out.
Wichtig ist, sich selbst klar zu machen: Durchfallen - das kann jedem mal passieren. Sich jedoch selbst deswegen noch weiter fertig zu machen, muss nicht sein. Es bringt schlichtweg nichts.


Die Durchfallquoten im Medizinstudium sind hoch. Gehört durchfallen also dazu? Ich weiß es nicht. Ich habe in manchen Praktika schon mit dem einen oder anderen PJler geredet und fast immer dasselbe gehört: Mal durchzufallen gehört im Medizinstudium dazu, genauso wie das Auswendiglernen von Stoffkreislaufzyklen und den Abgängen der Arterien.

Denn so klischeemäßig sich das anhören mag, so wahr ist es:
Es geht nicht darum, nie zu fallen, sondern darum, immer wieder aufzustehen.

 

Mehr zum Thema

Artikel: So war meine Vorklinik Zeit

Artikel: Vergesse nicht zu leben

Artikel: Wiederholen? Halb so wild!

Schlagworte