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  • Julia Hadala
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  • 11.06.2019

Vergesse nicht zu leben

Der Druck im Medizinstudium ist groß und man muss aufpassen, dass man neben der vielen Lernerei nicht vergisst zu leben. Julia erzählt, wie sie das 4. Semester menschlich verändert hat.

 

Herzphysiologie, Nierenphysiologie, Druck-Volumen-Kurven – wenn ich darüber nachdenke, was ich im 4.Semester alles gelernt habe, ist die Menge unbeschreiblich groß.

Das Wichtigste, was ich jedoch in diesem Semester gelernt habe, ist es Schwächen zuzugeben. Ich weiß nicht, wieso es anscheinend üblich ist, dass Medizinstudierende sich lieber selbst fertig machen, anstatt einen Gang herunterzuschalten. Und dabei sollen wir uns doch später um die Gesundheit anderer kümmern, wieso also nicht bei unserer eigenen anfangen?

Klar ist es wundervoll, das Physikum in der regulären Studienzeit zu machen - und selbstverständlich gibt es genug Gründe, die dafür sprechen. Aber erzähle ich Kommilitonen, dass ich wiederholen werde oder das Physikum nicht schreibe, kommt oft dieses milde Lächeln, was auf ihre Meinung dazu schließen lässt.

Eine Erklärung liefere ich schon längst nicht mehr. Ich muss mich nicht rechtfertigen, weshalb ich die Prüfung nicht bestanden, das Seminar nicht besucht, für die Prüfung nicht wochenlang gelernt habe oder zur 8 Uhr Vorlesung gegangen bin. Wenn es eine Sache gibt, die wichtiger als all das ist, dann ist es meine Gesundheit. Und gerade Mediziner, sollten doch eigentlich wissen, dass es neben der physischen Gesundheit auch die mentale Gesundheit gibt und man diese in keiner Weise auch nur ansatzweise herunter werten sollte. Ich bin offen: Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu studieren. Auch wenn ich mich über manche Themen beklage und mir manchmal denke, dass ich das doch niemals im Leben benötigen werde (was in leider viel zu vielen Fällen auch stimmt), liebe ich dieses Studium.

Das 4.Semester war für mich ein kleiner Sturm der Gefühle. Begonnen mit einem schrecklichen Selbstbild, gelernt, mit permanenten Versagensängsten, geschlafen und von Physio-Fragen geträumt, beende ich das Semester mit einem viel besseren Gefühl, als mit welchem ich das Semester begonnen habe. Die Erkenntnis ist: Das Leben ist leider nicht so planbar, wie man denkt. Manchmal würde man gerne alleine mit allem fertig werden - aber manchmal ist es das Beste, jemanden anzurufen und zu sagen „Ich brauche dich“ (auch wenn ich das anscheinend immer noch nicht ganz verinnerlicht habe). Manchmal ist es das Beste zuzugeben, dass man andere Prioritäten gesetzt hat, zum Beispiel sich lieber auf ein Fach konzentriert hat und das andere Fach deswegen aufschiebt. Und wenn es mir zu viel wird, dann greife ich zum Telefon und sage ehrlich  „Mir geht es nicht gut.“.

Was ich auch für alle Zeiten gelernt habe: Es ist wichtig zu realisieren, wann man alleine sein will – und wann man es ist, aber nicht sein möchte; dass es Stärke zeigt, Schwächen zuzugeben und das die Menschen, die dich lieben, partout für dich da sein möchten, aber einfach keine Gedanken lesen können.

Während ich das Semester damit begonnen habe, mich darüber zu ärgern, das Physikum erst im nächsten Jahr machen zu können, beende ich es jetzt damit, mich vielleicht nicht darüber zu freuen, mich aber mit diesem Gedanken angefreundet zu haben. Ich fühle mich noch nicht bereit für das Staatsexamen; ich bin noch nicht bereit, mich mit ausgemerzten Nerven, der nächsten großen Prüfung und dem Lernmarathon zu stellen – und das möchte ich auch gar nicht. Die Zeit rennt mir nicht davon und es ist weitaus gesünder, Gesundheit über Stolz zu stellen.


Um meine kurze Semesterzusammenfassung zu beenden: Manchmal prokrastiniert man mehr als man sollte und vielleicht fallen die Prüfungsresultate dementsprechend auch manchmal aus. Vielleicht wird man das eine oder andere Thema nie wirklich verstehen und vielleicht prüft dich das Studium auch auf Strapazierfähigkeit. Vielleicht ist es völlig okay, sich gegen die Regulärzeit zu entscheiden - und völlig okay, durch die ein oder andere Prüfung zu fallen und sie dann zu wiederholen. Vielleicht ist es vollkommen okay zu sagen, dass man psychisch gerade fertig ist und es sogar ziemlich wichtig ist, jemanden zu haben, den man einfach so anrufen kann und auf dessen Hilfe man sich verlassen kann. Vielleicht ist es wichtig, zu realisieren, dass man nicht alles immer alleine hinkriegen kann - und es da draußen, diesen einen Menschen gibt, der dazu führt, dass du es auch nicht musst. Vielleicht kann ein Kuss dich wirklich mehr beruhigen, als du zugeben möchtest und vielleicht sollte man öfter sagen, wie viel einer einem bedeutet.

Möglicherweise sollte sich das „Lebe jeden Tag als wäre er dein letzter“ darauf beziehen, wie man mit sich selbst und mit anderen umgeht - und man sich immer ein Stückchen verbessern kann. Vielleicht ist diese stressige Vorklinik mit der Liebe einfach leichter zu überstehen. Vielleicht sollte man dafür einfach mal Danke sagen.
Und vielleicht ist es nicht nur vielleicht so.

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