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  • Julia Hadala
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  • 18.01.2021

Mein Klinikstart – einsam im Homeoffice

Julia hat sich in keinem Semester so alleine gefühlt, wie in diesem. Im Artikel erzählt sie, wie sie die Zeit im Homeoffice erlebt, wie Corona an ihren Nerven zehrt und was sie trotzdem motiviert.

 

Das 5.Semester neigt sich nun mit den letzten anstehenden Wochen seinem Ende zu. Was mir bleibt sind viele Fragezeichen, ein Motivationstief und eine Präsenzblockklausur. Am Anfang das Onlinesemester noch gefeiert, jetzt die Anstrengung verflucht, das Gelernte so tief zu verankern, wie es ein Präsenzsemester mit Praktika und Semester geschafft hätte.


Und obwohl das Studium in den letzten Wochen ausschließlich online war, wird die Klausur unter Hygienemaßnahmen in Präsenz stattfinden. Die Meinungen darüber scheiden sich, so wie sie es immer tun.
Meine Meinung? Wir haben in Zeiten von Corona andere Sorgen, als eine Präsenzklausur stattfinden lassen zu müssen; wenn wir online schummeln wollen, was wohl die größte Angst der Profs zu sein scheint, dann werden wir beim 2.Staatsexamen unsere Lücken bemerken.
Um das Lernen kommen wir damit nicht herum, aber durch eine Onlineklausur immerhin um ein Ansteckungsrisiko.
Doch es ist, wie es ist, die Präsenzklausur wird stattfinden und bei mir wohl ein ungutes Gefühl hinterlassen, auch wenn es nur subjektiv ist.

In diesem Semester hören wir das Wort „Eigenverantwortung“ auffällig oft – ständig kommt die Bitte und Aufforderung, Eigenverantwortung in diesem Semester zu übernehmen, Lücken selbstständig aufzufüllen und Themen nachzuholen, die aufgrund des Onlinesemesters nicht so gelehrt werden können. Ein Semester, das ohne Praktika und Seminare vor allem eins ist: etwas leer. Das soll also die berühmte Klinik sein, auf die ich mich die ersten vier Semester gefreut habe. Das Fünfti-Wochenende ist entfallen und ich weiß eigentlich nicht wirklich richtig, wer mit einem eigentlich studiert, wer in Rostock neu ist und wer in Rostock dabei geblieben ist.


Selbstverständlich sind alle Corona-Maßnahmen und Regeln sinnvoll, das steht hier nicht zur Debatte: Eingrenzung und Entlastung ist das, was unser Gesundheitssystem derzeit am meisten braucht, sodass ich vollends verstehen kann, dass vieles nicht stattfinden konnte und kann.

Trotzdem hilft es darüber zu reden: Ich habe mich in keinem Semester so alleine gefühlt, wie in diesem. In keinem Semester waren meine Gedanken zur Uni-Lehre kritischer und in keinem Semester war ich so niedergeschlagen.


Es liegt nicht gänzlich an der fehlenden Präsenzlehre, es liegt an der fehlenden Online-„Lehre“. Praktika, die ersatzlos ausfallen und Untersuchungskurse die in keiner Form stattfinden.
Vorlesungen haben zwar irgendwann ihr Ende, aber das Gefühl in diesem Semester nicht viel gelernt zu haben, bleibt – und da ist sie wieder die „Eigenverantwortung“ diese Lücken zu schließen.
Doch auch, wenn wir eine Menge an Online-Mikroskopen im Internet haben, um die Pathologie zu verstehen und etliche Bücher zu diversen Lücken lesen können, vergessen viele, dass zu Zeiten von Corona es nicht nur an Motivation mangelt, sondern irgendwie auch an Kraft, genau dies zu tun.

Ich kann mich noch gut an mein erstes Semester erinnern, man saß in der Vorlesung und warf seinen Kommilitonen ab und an genervte, gelangweilte oder sogar überraschte Blicke zu – und auch, wenn das die kleinste Form der Kommunikation war, war dies genug, um für den Rest der Vorlesung, lächelnd dazusitzen und sich anzuhören, was Herr Professor da vorne eigentlich sagt.


Man fühlte sich in irgendeiner Art und Weise verbunden, dass man kein Einzelkämpfer in diesem Studium war. Selbst ein trauriger Seitenblick in der Bibliothek half schon manchmal die Brille zu richten und zu erkennen, dass man in diesem Studium mit den Lernnächten, Sorgen und Ängsten nicht alleine ist.

Was kann ich also abschließend zu diesem 5.Semester sagen? Ich glaube, es hätte ein wirklich gutes Semester werden können, bis auf ein paar wenige Ausnahmen sind die Fächer deutlich relevanter für den Klinikalltag. In manchen Vorlesungen kann man sich glatt vorstellen, wie es ist, Patient X und Y mit diesen Blutwerten zu kriegen – und wie man therapieren könnte. Fächer wie Klinische Chemie und Pathologie, die einen wirklich faszinieren können, andere Fächer wie Epidemiologie, die wieder Oberstufen-Gefühle von Mathematik aufleben lassen, aber im Grunde ein Mix, der das Studium interessant gestaltet.

Mein Schlusswort: Corona lässt mich nicht am Studium zweifeln, aber es zehrt an meinen Kräften und an meiner Motivation. Bestimmt geht es vielen anderen ähnlich wie mir und ich hoffe, ich kann mit meinem Artikel zeigen: Nein, wir sind nicht alleine, auch wenn es sich gerade jetzt genau so anfühlt. Wir sind nicht alleine, im Gegenteil, wir stehen das gerade alle gemeinsam durch. Lasst uns versuchen, das Onlinesemester so gut wie möglich mitzunehmen und hoffnungsvoll zu bleiben.
ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir bald wieder in Hörsälen, Bibliotheken und Cafés sitzen können, uns Blicke zuwerfen können und beim Umherschauen vielleicht wieder, ohne Mund-Nasen-Schutz, das ein oder andere Lächeln erblicken können.

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