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  • Julia Hadala
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  • 07.05.2021

Das Online-Dilemma

Seit anderthalb Jahrem im Online-Unterricht – und noch immer kein Ende. Wie es sich anfühlt, wenn man das Gefühl hat, die beste Zeit im Studium zu verpassen.

 

Als vor drei Jahren mein 1. Semester begann, hatte ich eine ganz genaue Vorstellung davon, wie meine Klinik-Unitage aussehen würden. Ich freute mich auf Fächer wie Radiologie, klinische Untersuchungstechniken und selbst auf die Pharma.
Ich freute mich darauf, mein Wissen in Famulaturen anwenden zu können, mich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen in der Bibliothek zu treffen und nach dem Physikum ausgiebig den Start in das 5.Semester zu feiern. Endlich Klinikluft schnuppern!

Jetzt, drei Jahre später, prägt ein einziger Begriff flächendeckend alle Studiengänge Deutschlands: Online Uni.

Ein Begriff, den ich weder hören kann, noch jemals vermissen werde – und nicht etwa, weil ich die Vorzüge eines Online-Semesters nicht schätzen kann; denn seien wir mal ehrlich: An Regentagen würden wir uns eher an den PC, als nach draußen wagen und so gibt es natürlich auch im Online-Semester Vorzüge, die das Studieren schön machen. Nein, was mich so unsagbar ärgert, ist die Gleichgültigkeit von manch Lehrenden. Seminare, die ersatzlos ausfallen, hochgeladene Vorlesungen und Videos, aus dem letzten Jahr, die man kaum verstehen noch erkennen kann und Professoren, die immer noch nicht wissen, wie man online lehrt.


Und so ist es fast der Lauf der Dinge, dass sich bei Studierenden das Gefühl von Planlosigkeit breit macht.
Eigenstudium heißt es. Es läge nun an uns, die Fächer zu lernen und unsere Selbstdisziplin zu schulen. Doch was viele bei dieser erkenntniserweiternden Floskel vergessen, ist die Tatsache, dass das Medizinstudium schon immer ein Eigenstudium war und es in diesem Studiengang bereits seit Beginn um Eigenverantwortung geht. Ich glaube, jeder kann mich in dieser Aussage bekräftigen, wenn ich sage, dass ich noch nie das Gefühl hatte, dass man uns Wissen hinterhergetragen hätte – im Gegenteil, in der Vorklinik setzte sich sogar das Gefühl fest, dass, egal wie viel man lernte, das Ende des Marathons nie ersichtlich werden würde und in jedem Fach noch Lücken übrig blieben.
Kurz: Ja, diese Lage bedarf Selbstinitiative und Disziplin – noch mehr, als es das Studium ohnehin bereits verlangt hat. Aber Corona existiert nicht erst seit heute und trotzdem lassen sich technische Probleme in der Vorlesung immer noch nicht beheben und Online-Kurse sich nicht organisieren. Online-Studium? Okay – aber bitte kein völliges Eigenstudium ohne Anweisung, ohne Unterstützung und ohne Online- und Diskussionsmöglichkeiten.

Was sich also festsetzt ist Planlosigkeit – das erste Gefühl, das seit dem ersten Online-Semester aufgekommen ist. Das zweite Gefühl, das nun mit der Zeit ein weiterer Begleiter wurde? Angst.
Angst, dass bestimmte Fächer an mir vorbeirauschen und sie es eigentlich nicht sollten. Angst, seit anderthalb Jahren zwar Dinge zu lernen, diese aber nach einem halben Jahr wieder vergessen sind.
Angst, dass die vergessenen Dinge für den Beruf relevant sind. Angst, dass ich in Famulaturen viel Wissen aufzuholen habe – und es in Hausarztpraxen und Kliniken fast so wirkt, als hätten wir in den letzten anderthalb Jahren nicht studiert und nichts gelernt.

Dieser Artikel soll kein Gejammer sein. Dieser Artikel soll eine kleine Erinnerung daran sein, dass wir alle im selben Boot stecken – und es okay ist, nicht zu wissen, wie man mit dieser Situation umgeht.
Eine Erinnerung daran, dass Studierende auch nur Menschen sind und sich Motivationstiefen, Sorgen und Ängste in jedem Punkt vom Studium bemerkbar machen dürfen, ohne als schlechter oder unfähiger Studierender zu gelten. Studierende, die sich im Stich gelassen fühlen, mit Wunsch nach Kommunikation, die nicht stattfindet und mit Befürchtungen, die Hälfte ihres Studiums online studiert zu haben.
Eine Erinnerung daran, dass manches vielleicht bald ein Ende hat – und die Hoffnung zu bewahren, daran zu glauben.

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