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  • Julia Hadala
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  • 26.11.2020

2020 – Meine Höhen und Tiefen

Selten haben ich in einem Jahr so viel übers Leben gelernt als im Jahr 2020. Hier erzähle ich euch von diesem turbulenten Jahr und was ich daraus mitgenommen habe.


2020 war ein einzigartiges Jahr. Wahrscheinlich für jeden von uns. Ein Jahr, in dem ich gleichzeitig durchs Physikum gefallen bin und es im zweiten Versuch doch noch bestanden habe. Das Jahr, in dem ich vor dem 5. Semester die erste Famulatur absolviert habe und dabei erkannte: Ich bin noch lange keine Ärztin. Fünf Uhr aufstehen, sechs Uhr umziehen, Kittel an. Fühle ich mich wie eine Ärztin? Nein. Wie auch! Ich bin immer noch Studentin, versage öfter bei den Braunülen, als dass ich sie erfolgreich lege und anstatt mir selbst zu sagen „das mit dem Blut abnehmen klappt schon noch“, versteckt sich irgendwo der Gedanke, den ich bereits aus der Vorklinik kannte: „Was, wenn ich das nie hinkriegen werde?“.

Der große Unterschied? In der Vorklinik blieb es bei dem Gedanken, während ich jetzt weiß, wie übertrieben das doch ist. Und das ist genau das, was mir nach der Vorklinik bewusst ist: Die Gewissheit, weder alles jetzt wissen zu müssen, noch alles zu können – und dass das total okay ist.
Was ich damals noch nicht wissen konnte? Dass ich eines Tages im OP stehen werde und das Foramen obturatorium im lebendigen Körper sehe und mir im dem Augenblick die Relevanz der Lerntage und Lernnächte über anatomische Strukturen bewusst geworden ist.
Was mir genauso ungewiss war? Dass ich danach rausgehen würde und mir denken würde: „Das war verdammt cool!“ Und ich glaube, ich schaue nach der einen nicht beantworteten Frage des Oberarztes doch noch einmal in das Anatomiebuch.

Und dann kam es: das 5.Semester. Die pure Vorfreude und Motivation mich endlich in klinische Fächer zu stürzen – und die Realität, dass es sich dabei überwiegend um Pharmakologie, Epidemiologie, Klinischer Chemie, Gesundheitsökonomie und Pathologie handelt; als wäre das Semester noch mit einem Fingerzeig betonter: „Alles mit der Ruhe.“
Wobei genau das auch der größte Unterschied im Vergleich zur Vorklinik war: Während ich in der Vorklinik permanent von dem Gefühl verfolgt war, mein Tag sei viel zu kurz für dieses Studium und noch viel kürzer für das eigentliche Leben nach dem Studium, habe ich auf einmal in der Klinik relativ viel Zeit. In der Vorklinik kaum mit dem Stoff hinterhergekommen, habe ich jetzt schon mit den Klausurvorbereitungen anfangen können und habe währenddessen noch genug Zeit für Sport, dekorieren und Weihnachtsstimmung verbreiten – während ich in der Vorklinik weder Zeit, noch wirklich Lust dafür hatte.

Da wären wir schon bei dem letzten Thema, das ich in diesem Artikel ansprechen möchte.
Ja – Weihnachten. Auch wenn die Meisten „Last Christmas“ von Wham anscheinend nicht mehr hören können – und ich von diesem Song kaum genug hören kann, ist ein bisschen Weihnachtsstimmung weder verkehrt, noch verfrüht. Und positive Stimmung genau das, was wir jetzt benötigen. Genauso wie Hoffnung und Motivation, denn für manche wird es im nächsten Jahr mit großen Schritten in Richtung Physikum gehen und wenn es eines gibt, was ich euch mit der Hand auf das Herz sagen kann, dann ist es:
Die Klinik wird besser. Auch wenn man teilweise das Gefühl hat, dass sich Pharmakologie wie Biochemie 2.0 anfühlt und erkennt, dass Pathologie, die kranke Histologie ist, ist die Klinik deutlich motivierender.


Das 5.Semester: Das 1.Mal ein Stethoskop in der Hand und in den Ohren und zum ersten Mal bemerken, dass man mehr als nur ein 'BoomBoom' hört. Erkennen, dass man Vorklinik-Wissen anwenden kann und dass in den Notizen nun zig Mal häufiger Krankheiten vertreten sind als in der Vorklinik; Lernnächte endlich abnehmen, weil die Tage auf einmal länger werden und selbst Pharma-Vorlesungen verdammt interessant sein können.
Und das Wichtigste: Erkennen, dass man sich selbst motivieren muss; dass es zwar hilft, Motivationstexte zu lesen und sich von anderen motivieren zu lassen – man aber selbst versuchen muss, sich für Fächer und Themen zu begeistern und man jeden kleinsten Nährboden finden sollte, um sich eine gehörige Menge an Motivation züchten zu lassen.
Und weil Weihnachtsstimmung, wenn man es nur zulässt, den Rest tun kann.

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