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  • Melanie Poloczek
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  • 16.08.2019

Famulatur auf der Palliativstation

Die Medizin kann vieles, doch nicht immer kann sie heilen. Wenn Heilung nicht mehr möglich ist, hilft die Palliativmedizin. Von einer Famulatur, nicht über medizinische Spektakel, sondern über Menschlichkeit.

 

Sechstes Semester, Tumormedizin. Vier Wochen Vorlesungen, von A wie Astrozytom bis Z wie Zervixkarzinom studieren wir Tumorerkrankungen im Schnelldurchlauf. Erprobte Zytostatika und neue Immunmodulatoren fluten die Folien, von Klassifikationen und Prognosen ist die Rede, so manches Tumorstadium bei Diagnose längst unheilbar, oft Todesursache - und zwischendrin eine einzige, 45-minütige Vorlesung zur Palliativmedizin.
Das steht in keinem Verhältnis, denke ich, die stiefmütterliche Behandlung der Palliativmedizin im Medizinstudium bringt mich auf eine neue Idee: Famulieren auf einer Palliativstation. Wie hilft Medizin am Lebensende? Wie behandelt man Patienten und nicht den Tumor? Was kann ich lernen - von und über Sterbende?

Falsche Vorstellungen


Über kaum einen Ort im Krankenhaus herrschen so viele falsche Vorstellungen wie über eine Palliativstation. Die Annahme: Wer auf einer Palliativstation liegt, wird sterben - und zwar hier und bald. Nicht selten sträuben sich Patienten gegen die Aufnahme auf eine Palliativstation, vermuten dort ihr Grab geschaufelt, bis sie irgendwann zaghaft einwilligen - und sich nachher selbst ärgern, nicht schon früher zugestimmt zu haben.
Es stimmt, auf einer Palliativstation sterben Menschen. Einige Patienten werden die Station bis zu ihrem Lebensende nicht verlassen. Die meisten Patienten aber kehren noch einmal nach Hause zurück, oder entscheiden sich für ein Hospiz. Die Palliativstation ist nur ein Zwischenhalt - und Palliativmedizin nicht gleichzusetzen mit Sterbebegleitung.
Stattdessen: Symptomlinderung - darunter fällt das große Thema Schmerzen. Aber oft sind da auch Atemnot, Übelkeit, und Obstipation, das Bedürfnis nach Ruhe, die Entlastung von Angehörigen, der Wunsch nach Wiedererlangung von etwas Mobilität. Viele Umstände rechtfertigen die Aufnahme auf eine Palliativstation.

Alles andere als normal


Es ist erst mein zweiter Famulaturtag als ich morgens die Station betrete, am Schwesternzimmer vorbeigehe, fröhlich ein „Guten Morgen!“ in den Raum rufe. Die Schwester erwidert sachte meinen Morgengruß - sachte, das heißt leise. Und im Grunde ist hier alles ruhiger.
Das Personal strahlt eine Ruhe aus, ist immer freundlich, ohne Hektik, ohne Eile. Personal, das sind Ärzte und Pfleger, aber auch Psychoonkologen, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten, Seelsorger und Ehrenamtliche. Man schätzt einander, von den gewohnten Krankenhaushierarchien hier keine Spur, Teamsitzungen beginnen damit, dass jeder sagt, wie es ihm geht.
Neben der kleinen Bettenzahl, dem hohen Pflegeschlüssel (nicht zwei Schwestern für fünfzig, eher für fünf Patienten), neben den warmen Farbe, den Bildern und Blumen, dem Gedenkbuch auf dem Gang (mit Fotos Verstorbener, der Tod kriegt ein Gesicht), neben der Gemeinschaftsküche (samt Sekt, und Bier, und Wein, und Cola), der Dachterrasse (auf der Patienten rauchen, die ihr Lungenkrebs hierher geführt hat), neben all diesen Besonderheiten beruft sich Palliativmedizin auf die einfachsten Mittel, das lerne ich hier schnell.

Weniger ist mehr


Welche Aufgaben haben Ärzte einer Palliativstation, auf der keine Chemotherapien verabreicht, keine operativen Eingriffe erwägt, keine bildgebende Diagnostik angeordnet und keine Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt werden? Mal wird Blut abgenommen oder transfundiert - weil auch ein Schwerstkranker Recht auf gute Eisenwerte hat- oder ein Plauraerguss punktiert, damit das Atmen leichter fällt. Ausnahmslos jeder Patient aber nimmt Medikamente, deren tägliche Kontrolle, Anpassung, und auch Bedarfsplanung Aufgabe des Palliativmediziners ist.
„Absetzen, absetzen, absetzen“ - mit der Palliativärztin gehe ich den Medikamentenplan einer Neuaufnahme durch, schon bald ist von dem Dutzend Medikamente lediglich eine Handvoll übrig. Noch in der letzten Klausur musste ich ankreuzen, dass Herzpatienten lebenslang ASS zu nehmen haben, schon ist der Blutverdünner abgesetzt, mit ihm Statine, und ACE-Hemmer. Sogenannte Prognoseverbesserer spielen in der Palliativmedizin keine Rolle mehr, das Reinfarktrisiko der nächsten zehn Jahre ist irrelevant. Zehn Jahre bleiben dem Patienten nicht, es ist sein Grundleiden, das ihn das Leben kosten wird.
Sinnvoll sind Schmerzmittel, etwa Morphin; abführende Medikamente gegen Morphin-Nebenwirkungen, Schlafmittel, Mittel gegen Übelkeit und - für den Fall der Fälle - auch Sedativa. Wer grausam sterben muss, etwa weil ihn seine Erkrankung eines Tages ersticken lassen wird, muss diesen letzten Moment nicht mitbekommen.

Richtig gute Gespräche führen


Zeit spielt auf der Palliativstation dadurch eine Rolle, dass sie keine Rolle spielt. Es ist Luxus: Ärzte und Pfleger haben ausreichend Zeit und nicht selten dauert die Visite eine halbe Stunde - pro Patient! Gespräche drehen sich um das, was der Patient bereden möchte. Mal um Schmerzen und Schlafstörungen, mal um Mundtrockenheit (hier hilf Wassereis in allen Sorten) und ums Essen (Phänomen: erstaunlich viele Patienten sehen Kochsendungen an, obwohl sie selbst keinen Appetit mehr haben), mal um „das Babygeschrei“ (direkt unter der Station liegt der Kreißsaal, vielen Patienten und Angehörigen hilft der Gedanke, dass für jeden neuen Menschen ein anderer geht).
Ich erlebe auch Gespräche, in denen Patienten ein Vermächtnis schaffen - uns stolz Fotos zeigen aus dem eigenen Garten, mit Blumenbeeten und spielenden Kindern, ihr Lebenswerk.
Die Ärztin, der ich in den zwei Wochen über die Schulter schaue, beeindruckt mich. Ich habe nie zuvor Patientengespräche miterlebt, die so herzlich und ehrlich und patientengerecht geführt werden. Eine Famulatur auf der Palliativstation bietet viel Gelegenheit, etwas über Kommunikation zu lernen, und über die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Dies ist die Basis der Medizin, jede Diagnostik und Therapie ohne Patientenkontakt nichtig.

Aushalten


Und dann sind da Gespräche, die nicht leicht fallen, weder dem Patienten, noch dem Palliativteam. Viele wollen wissen, wieviel Zeit noch bleibt, oder wie es sich anfühlen wird zu sterben. Manche Patienten wünschen sich den Tod. Fragen, ob man sie nicht erschießen könne, oder drohen mit Selbstmord. Brechen aus, in Tränen und in Wut, weil „Leben unfair ist, und Sterben erst recht“. Auf so manche Frage gibt es keine Antwort, manchmal erwarten Patienten auch keine. Pausen zulassen und aushalten. Gemeinsam aushalten.
Manchmal bringt mich das Beiwohnen von Gesprächen an meine Grenzen, einmal weine ich still und heimlich mit. Wie distanziert man sich in diesem Beruf?
„Die Lösung liegt darin, dass jeder von uns mal traurig sein darf, wir aber nie alle gleichzeitig traurig sind - uns so gegenseitig unterstützen können“, sagt man mir.
Ein Patient entscheidet sich im Beisein seiner Töchter gegen ein Medikament, ohne das er sicher sterben wird. Nebenan besucht ein altes Ehepaar „ihr Kind“, jeden Tag, auch bei über vierzig Grad. An meinem letzten Tag auf der Station spricht die Ärztin mit den Söhnen einer Frau, die im Sterben liegt. Angereist aus entfernten Städten, wollen sie die ungeschönte Wahrheit hören, den Ernst der Lage begreifen. Plötzlich fragen sie mich, die Medizinstudentin: „Palliativstation, das alles hier, wie ist das für Sie?“.

Appell


Es wird der Tag kommen, an dem ich durch ein Krankenhaus hechte und Patienten nicht die Zeit widmen darf, die sie verdienen. Schnell blendet man aus, dass hinter Röntgenbildern und Laborbefunden echte Menschen stehen. Schwierig hat es derjenige am Ende der Kette, der große Diagnosen überbringen muss.
Ich habe mich für eine Famulatur auf der Palliativstation entschieden, um meine Aufmerksamkeit auf Zwischenmenschliches zu richten. Palliativmedizin kann eine ganze Menge, kann zwar nicht heilen, aber helfen. „Wir können nichts mehr für Sie tun“ ist eine Lüge.
Auch bedeutet Sterben nicht Versagen. Ich habe gelernt, dass der Tod kein Zustand ist, sondern ein Weg.
Empathie hat Grenzen, niemals werde ich mich in einen Sterbenden hineinversetzen können. Palliativmedizin kehrt das Arzt-Patienten-Verhältnis also um, denn „nicht ich zeige dem Patienten, sondern der Patient zeigt mir, wie es geht“.
Zweieinhalb Wochen auf der Palliativstation waren die intimsten zweieinhalb Wochen meines Medizinstudiums. Zweieinhalb Wochen, die in den Fokus gerückt haben, wofür ich diesen Weg hier gehe - nicht für den Kick im OP, nicht für Status und Geld, nicht für Interesse allein - für den Patienten.

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