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  • 05.11.2015

Leben im Leichensaal - Bericht über den Präparierkurs an der LMU

"Hast du schon eine … Leiche gesehen?" - spätestens nach dem Präparierkurs können Medizinstudenten diese Frage mit "Ja" beantworten. Was sie im Präpkurs erleben und welche Gedanken sie danach noch begleiten.

 

Leiche - Foto: ©Photographee.eu/Fotolia.com

In der Vorklinik treffen die Erstsemester zum ersten Mal auf "ihre" Leiche. - Foto: ©Photographee.eu/Fotolia.com

 

 

Mai 2015. Spätestens jetzt klappen die Barbesitzer ihre Stühle für den Außenbereich auf, vor den Eisdielen bilden sich Menschenschlangen und ein Blick durch die Menge zeigt, dass viele Leute ihre dicken Jacken gegen einen Hauch von Nichts eingetauscht haben. Der Sommer ist bei den Menschen schon angekommen, und so sitze auch ich an einem sonnigen Samstag mit einer Freundin, die ich lange nicht mehr gesehen habe, auf der Terrasse eines Münchener Cafés.

Anna und ich unterhalten uns über unser Leben nach dem Abitur. Sie erzählt mir begeistert von ihrem Studium der Psychologie und fragt mich dann, was ich so mache. „Ich studiere jetzt Medizin“, sage ich und starte in meinem Kopf schon mal die Stoppuhr, um die Zeit zu messen, die Anna für ihre nächste Frage braucht. Eine Frage, die nach dem „Ich studiere jetzt Medizin“-Statement immer folgt, egal ob mir Anna, Stephan oder Leonie gegenüber sitzt. Ich kenne das Prozedere mittlerweile. Zuerst heben sich die Augenbrauen meines Gesprächspartners, darauf folgt ein höfliches „Oh, das ist bestimmt spannend“, meistens begleitet von einem anerkennenden Kopfnicken, um die Ernsthaftigkeit ihrer Aussage zu unterstreichen. Dann eine kurze Pause, in der mein Gegenüber überlegt, wie er oder sie die nächste Frage am besten formulieren soll.

Anna enttäuscht mich nicht. „Medizin!“, sagt sie und hebt ihre Augenbrauen. „Oh, das ist bestimmt spannend!“, fügt sie hinzu und bestätigt den Satz mit einem Kopfnicken. Daraufhin ein kurzes Schweigen, bei Anna dauert es exakt fünf Komma drei Sekunden. Dann beugt sie sich verschwörerisch zu mir vor und flüstert: „Und? Hast du schon eine … Leiche gesehen?“

„In der Tat“, antworte ich. „Wir haben im Präparierkurs bereits das meiste besprochen, uns fehlen nur noch wenige Organe. Gestern erst habe ich den Dickdarm meiner Leiche herausgenommen und sauber gemacht und –“. An dieser Stelle mache ich gezwungenermaßen eine Pause, denn Anna hat sich an ihrem Eistee verschluckt. Nachdem sie sich wieder beruhigt hat, schaut sie mich mit großen Augen an und sagt: „Deine Leiche?!“ – „Ja genau, also die Leiche, die auf meinem Präpariertisch liegt. Wir sind zu zehnt an dem Tisch und lernen die ganze Zeit an ihrem Körper, also an unserer Leiche.“. „Du klingst, als würdest du über etwas ganz Normales reden“, sagt Anna. Wie recht sie doch hat.

 

 

Die erste Präparierstunde

Als ich im Oktober mein Studium angefangen hatte, hätte ich nie geglaubt, dass das Präparieren so schnell zu einem normalen und festen Bestandteil meines Alltags werden würde.
Ich weiß noch genau, wie aufgeregt wir alle vor unserer ersten Präparierstunde waren. Wir, eine Horde angespannter Erstsemestler, von denen einige schon einmal um die halbe Welt gereist sind und andere gerade erst frisch das Abitur gemacht haben. Nicht wenige haben schon eine Ausbildung zum Krankenpfleger oder zum Rettungssanitäter in der Tasche und somit einen medizinischen Hintergrund. Aber dennoch – eine Leiche zu sehen und gar an ihr zu arbeiten und zu lernen war für die allermeisten von uns eine große Premiere.

Fragen über Fragen schwirrten in unseren Köpfen herum. Die Studenten aus den höheren Semestern versuchten uns zu beruhigen. „Man gewöhnt sich total schnell daran und dann macht es sogar Spaß.“- „Der Formalingeruch ist etwas süßlich und ziemlich gewöhnungsbedürftig, aber Tigerbalm unter der Nase wirkt Wunder.“-„Keine Angst, es ist noch niemand umgekippt.“
Zumindest noch nicht. Was ist, wenn ich die Erste wäre?

Ich öffnete meinen Spind und holte meinen weißen Präparierkittel heraus, zusammen mit Handschuhen, meinem Präparierbesteck und einer Dose Tigerbalm – nur für alle Fälle.

Dann war es soweit und die Menschenmenge trieb mich in den sagenumwobenen Präpariersaal, um den sich so viele Geschichten rankten. Zum ersten Mal in unserem Leben betraten wir den kühlen Raum und sahen die vielen metallenen Tische, die in den Nischen im Halbkreis aufgestellt waren. Auf ihnen lagen blaue Plastikplanen – was darunter war, wussten wir alle. Und doch hatten wir keine genaue Vorstellung, wie die uns zugeteilte Leiche wohl aussehen mochte.

 

 

Kennenlernen "unserer Leiche"

Ich ging mit neun weiteren Studenten zu unserem Präptisch. Unser Dozent deckte mit unserer Präparierassistentin Marie, einer Studentin aus dem dritten Semester, die blaue Plane von unten her auf, sodass zunächst die Füße zum Vorschein kamen. Nach und nach erblickten wir die Beine, den Rumpf und die Arme und Hände. „Ich lasse den Kopf erstmal bedeckt, wir beginnen ganz langsam.“ Da lag sie also, unsere Leiche. Später würden wir sie einmal „unsere Omi“ nennen, aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen starrten wir auf die Leiche, an der wir nun fast jeden zweiten Tag stehen und präparieren würden. Zehn Paar Augen blickten stumm auf den Menschen, der vor seinem Tod seinen Körper der Anatomie vermacht hatte.

Es kam mir vor, als starrten wir sie stundenlang an, unwissend, wie genau wir uns ihr annähern sollten und darauf wartend, dass jemand den ersten Schritt machte. Zu meiner Linken ging ein Kommilitone näher zu dem Tisch und legte seine Hand auf ihren Arm. Ich konnte spüren, wie wir alle den Atem anhielten. Dann befühlte er ihre Hand, ihren Bauch – und wir taten es ihm gleich.

Zuerst tippte ich sie nur vorsichtig an und nahm meine Hand reflexartig zurück. Nun hatte ich es also getan, nun hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Leiche angefasst. Sie fühlte sich kalt und starr an. Die Haut war blassgrau und hart. Ich konnte nicht genau beschreiben, was ich erwartet hätte. Wahrscheinlich hatte ich mir im Kopf zusammengeschustert, dass die Leiche anzufassen etwas total Merkwürdiges und Fremdes sein würde, aber nein, es fühlte sich bei Weitem nicht so außergewöhnlich an wie gedacht. Ich legte meine Hand nochmal auf ihren Körper, diesmal ruhte sie darauf.

„Seid ihr bereit?“, fragte uns unser Dozent. Seine Hände lagen auf der blauen Plane, die noch den Kopf der Leiche bedeckten. Wir machten ein Geräusch, das man als Zustimmung interpretieren konnte und er deckte sie sanft auf. Die Augen der Frau waren geschlossen, den Mund hatte sie leicht geöffnet. Sie schien in einen starren Schlaf verfallen zu sein.

 

 

Wer war die Frau, die uns ihren Körper zur Verfügung stellt?

Der Unterricht begann. Wir lernten, wie wir das Skalpell richtig in die Klinge einsetzten und wie man die Pinzette hielt, wie man vorsichtig schnitt und wie man am besten das Fett unter der Haut wegschabte. Unser Dozent und Marie machten es vor – und schon bald sah man zehn Studenten um den Tisch verteilt stehen – jeder hatte seinen eigenen kleinen Bereich, jeder machte Schnitte und schabte das gelbe Fett weg.

Wir vertieften uns schnell in die Arbeit und in das Lernen. Nach und nach legten wir innerhalb eines dreiviertel Jahres alle Strukturen im Körper frei. Wir begutachteten die Leber, nahmen ihr Herz in die Hand, schnitten das Gehirn in Scheiben, während wir die anatomischen Grundlagen durchgingen und uns gegenseitig abfragten. Bei all dem Lernstoff und all der Wissenschaft blendeten wir oft während des Präparierkurses die Fragen aus, die wir an die Person hatten, welche sich einverstanden erklärt hatte, dass wir an ihrem Körper lernten. Und doch existierten diese Fragen, nur zu gerne hätten wir mehr über sie gewusst. Wer war diese Frau, deren Inneres wir bis ins Detail kannten und von der wir dennoch aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht den Namen wussten? Was hatte sie für ein Leben gehabt und was hatte sie dazu bewogen, sich bei der Anatomie zu melden und uns ihren Körper zur Verfügung zu stellen?

„Ich glaube, das könnte ich nicht.“, sagt Anna und blickt nachdenklich in die Ferne. „Meinen Körper später der Wissenschaft vermachen, wenn ich sterbe.“ Auch ich bin mir nicht sicher, ob ich es gut finden würde, eines Tages meinen eigenen Körper auf einen Präpariertisch legen zu lassen. Umso mehr bin ich den Menschen dankbar, die sich zu Lebzeiten dafür entschieden haben.

 

 

Am Ende heißt es Abschied nehmen

12. Mai 2015. Das letzte Testat ist bestanden, ich habe das Fach der Anatomie abgeschlossen und werde unsere Leiche, unsere Omi nicht mehr wiedersehen. Ihr Körper wird verbrannt, ebenso wie die anderen Körper, die nun ein Dreivierteljahr im Präpariersaal gelegen haben. Ich bin die Letzte in meiner Gruppe, die an diesem Tag geprüft wird. Nach meinem Testat decken mein Dozent und ich die Leiche wieder zu und normalerweise stehe ich nicht auf Pathos, aber diese Tat hat für mich ganz klare Symbolik. Jetzt hat sie, unsere Omi, deren Körper wir so viele Stunden studiert haben und die uns doch in gewisser Weise fremd ist, ihren letzten Dienst für die Menschheit, ihren letzten Dienst für die Medizin getan. Jetzt wird ihr Körper verbrannt und nicht nur sie, sondern auch ihre Angehörigen können endgültig Abschied nehmen.

Ich versuche der Leiche ein „Dankeschön“ zuzuflüstern, aber weil noch andere Menschen um mich herumstehen, komme ich mir etwas merkwürdig vor und das Wort bleibt mir im Hals stecken. Und vielleicht reicht ein einfaches „Danke“ auch nicht aus, um die Wertschätzung zu beschreiben, die nicht nur mich, sondern auch viele meiner Kommilitonen erfüllt, wenn wir uns bewusst werden, dass der Präparierkurs erst dank all der Körperspender realisiert werden kann. Wenn ich daran denke, dass dies alles Personen waren, die uns nicht gekannt haben und uns trotzdem ihren Körper anvertraut haben, damit wir zu Ärztinnen und Ärzten ausgebildet werden können, halte ich für einen Moment inne und mir wird deutlich, wie wichtig es ist, dass es solche Menschen gibt.

Manchmal stelle ich mir vor, was ich zu unserer Omi gesagt hätte, wenn ich sie zu Lebzeiten gekannt hätte. Es gibt so viele Gefühle, die nicht in Worte gefasst werden können und so viel Dankbarkeit, die sich nicht in fünf Buchstaben beschreiben lässt. Aber sie sind zumindest ein Anfang und bringen die Botschaft auf den Punkt. In diesem Sinne:

Danke.

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