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  • 22.06.2015

Reist so viel ihr könnt – Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen

Dr. Eckart von Hirschhausen hat Medizin studiert und ist als Autor, Moderator und Kabarettist auf den Bühnen Deutschlands zu sehen. Wenn er nicht gerade das Publikum mit seinem Humor zum Lachen bringt, hält er Vorträge für Medizinstudenten. Lokalredakteurin Jing Wu erzählt er von seinen Erfahrungen im Ausland, seinem Engagement im Inland – und verrät seinen Lieblingswitz.

 

Dr. Eckart von Hirschhausen - Foto: Frank Eidel

Dr. Eckart von Hirschhausen - Foto: Frank Eidel

 

> Herr von Hirschhausen, warum beschlossen Sie, Medizin zu studieren?


Medizin, Biologie und Psychologie haben mich schon in der Schule fasziniert. Ich finde bis heute, dass der Arztberuf einer der schönsten Berufe ist, auch wenn ich meinen eigenen Weg gefunden habe, das Wissen weiterzugeben. Und irgendwie lag diese Berufung auch in der Familie: meine Tante war Radiologin, mein Opa Psychiater – was blieb mir also übrig (lacht).

 

> Sie haben in Berlin, Heidelberg und London studiert. Was war das schönste Erlebnis während Ihrer Studienzeit?

Im Nachhinein sind mir vor allem meine Auslandsaufenthalte in Erinnerung: Ich war für Famulaturen und im Praktischen Jahr viel unterwegs, in Brasilien, Südafrika und London. Krank werden Menschen überall, aber wie man damit umgeht ist sehr verschieden. Zum Beispiel bin ich Anfang der 90er in San Francisco auf einer der ersten Stationen gewesen, die HIV-Infizierte behandelt hat. Es war ein Erlebnis, wie optimistisch die Amerikaner die Sachen angegangen sind. Obwohl es noch wenige Medikamente gab, die wirklich gut wirkten und mit manchen Infekten keiner umzugehen wusste, lebten die Patienten dort in dem Gefühl: Wir sind Pioniere. Mir begegnete dort so viel Freude und Leichtigkeit und die Patienten strahlten die Haltung aus: ‚Ja wir sind die Ersten, die es trifft und gleichzeitig sammeln wir Erfahrungen, die noch vielen anderen Leuten helfen werden.’ Das war für mich sehr ermutigend. Ich kann nur jedem Studenten ans Herz legen, so viel herumzureisen, wie er kann. Das ist nicht so schwierig, denn der große Vorteil in der Medizin ist, dass man überall gebraucht wird. Die Auslandserfahrungen helfen, den Blick für die Realität zu schärfen, und wenn man zurückkommt, fragt man sich, worüber wir uns in Deutschland so aufregen ...


> Wie würden Sie Ihr Medizinstudium in einem Wort beschreiben?


A, B oder C? Oder ist die Verknüpfung falsch?

 

> Warum haben Sie Ihren weißen Kittel an den Nagel gehängt und sind medizinischer Kabarettist geworden?


‚Leben kann man nur vorwärts. Verstehen kann man es nur Rückwärts‘. Ich hatte nie das Gefühl eines dramatischen Wendepunktes, sondern eher von einem schleichenden Wechsel der Schwerpunkte. Ich habe ja nach meinem Medizinstudium zunächst im Krankenhaus gearbeitet. Damals gewann ich die Erkenntnis, dass man viele Krankheiten, mit denen ich dort konfrontiert wurde, leicht verhindern könnte. An diesem Wendepunkt habe ich mich gefragt, ob ich nicht besser früher ansetze, bevor die Menschen erkranken. Wenn ich heute auf der Bühne stehe und an einem Abend 3000 Menschen erreiche, dann ist das inhaltlich gar nicht so viel anderes, als wenn ich etwas den Patienten in einer Klinik für Psychosomatik erzählen würde. Doch dort müsste ich mit jedem einzeln reden, wofür ich einfach viel zu ungeduldig bin. Und wenn mir heute im Fernsehen Millionen Menschen zuhören, dann hätte ich für den gleichen Effekt in der Klinik sehr viele Jahre gebraucht. Ich habe also neue Verbreitungswege entwickelt, um Menschen klar zu machen: Viele unsere körperlichen und seelischen Probleme haben mit der Lebensführung zu tun, und damit, wie wir mit uns und anderen umgehen.

 

> Gibt es etwas, das Sie am Arzt-Dasein vermissen?


Klar! Ich vermisse die Intensität der Begegnung, das Um-die-Ecke-Denken bis zur Diagnose und auch die Freude, Menschen durch Zuhören, Fragen stellen und Strukturieren weiter zu helfen. Ich mochte auch das Sinnliche der Untersuchung, was eine ganz eigene Kunst ist, die zunehmend verloren geht. Heute nimmt sich kaum einer mehr die Zeit, selber abzuhören und abzuklopfen wenn es doch Röntgen und Sonografie gibt. Ich habe immer den Kontakt mit der Medizin behalten und jetzt wieder intensiviert. Ich engagiere mich hinter den Kulissen für die Deutsche Krebshilfe, in der Stiftung Depressionshilfe und für heilsame Stimmung im Krankenhaus mit HUMOR HILFT HEILEN. Wir hätten nie dieses Interview geführt, wäre ich in der Klinik geblieben. Ich bin froh, gehört zu werden und etwas zu bewirken. Und habe großen Respekt vor jedem, der seinen Beruf und seine Berufung im Gesundheitswesen gefunden hat.

 

> Sie sprechen sich mit Ihrer Stiftung HUMOR HILFT HEILEN für mehr Lachen im Krankenhaus aus. Was ist das bisher beeindruckendste Ergebnis, das Sie mit Ihrer Stiftung erreicht haben?


Mein größtes Aha-Erlebnis hatte ich, als ich 1997 als Zauberer auf einer Tour durch Krankenhäuser für einen Radiosender unterwegs war. Ein Junge war schon länger in Behandlung mit „selektivem Mutismus“, einer seelischen Störung bei der Kinder aufhören zu sprechen. Dieser Junge war Teil der Gruppe, für die ich auftrat. Und alle Kinder wurden involviert in die Zauberei, mussten laut zählen, pusten und mitmachen. Der Junge „vergaß“ seine Störung und machte munter mit. Ich bilde mir nicht ein, dass es der entscheidende Moment für ihn war, dazu hat es viel gebraucht. Aber vielleicht war es genau der kleine Anstoß, der noch fehlte, um seine Heilung voranzubringen. Seitdem nehme ich die Rolle von Humor, Musik, Kunst und anderen Wegen uns zu „verzaubern“ in ihrer Bedeutung für die Heilung viel ernster. Inzwischen haben wir über 100 Projekte unterstützt und über eine Million Euro bewegen können. Insbesondere die Vorlesungen für die nächste Generation machen mir Freude. Und wir finanzieren und evaluieren viele Workshops für Pflegende. Ich kann nur jedem Studierenden raten, sich als Teil eines Teams zu begreifen und nicht als Einzelkämpfer. In deinen ersten Nachtdiensten wird die wichtigste Frage sein: Wer ist von der Station mit im Nachtdienst! Wenn alle von „personalisierter“ Medizin reden, sollte es nicht nur um rezeptorgenaue Antikörper gehen, sondern auch um die schlichte Tatsache, dass man für noch so wirksame Mittel immer Personen braucht, die sie an den Patienten bringen und maßgeblich über den Erfolg der Therapie mit entscheiden.

 

> Was ist für Sie die wichtigste Eigenschaft, die ein Arzt neben seiner fachlichen Kompetenz mitbringen sollte?


Die Bereitschaft zuzuhören! Leider wird heute immer mehr geröntgt als geredet. Dabei wirkt Sprache in der Medizin wie ein Medikament. Ein guter Arzt ist auch immer ein guter Kommunikator. Zuhören, die wichtigen Fragen stellen und dann Klarheit und Hoffnung zu vermitteln, das ist die Kunst. Sprache ist hierfür das entscheidende Werkzeug. Aber da wird in der Ausbildung so getan, als ob das jeder könnte - Unsinn! Auch später bekommen Ärzte leider zu wenig Rückmeldung über ihr Handeln. Das wäre aber sehr wichtig, um zu überprüfen, wie gut oder eben nicht gut ein Arzt behandelt. Beispiel: Nur weil sich keiner beschweren kommt, heißt es nicht, dass alle Fallschirme funktionieren. Daher hoffe ich, dass jeder Student ein Leben lang kritisch und wach seinem Handeln und dem Handeln anderer gegenüber bleibt! Oder, um mit den Worten aus „House of God“ zu sprechen: „The Art of Medicine is to do as much NOTHING as possible!“

 

> In der von Ihnen erwähnten Studie des amerikanischen Chirurgen Bruce Moseley stellt sich heraus, dass Patienten, die am Knie operiert wurden, mit dem Ergebnis genau so zufrieden waren wie Patienten, denen lediglich eine Knie-OP vorgetäuscht wurde. Wie bewerten Sie das Ergebnis und was kann man daraus lernen?


Wir brauchen evidenzbasierte Medizin! Ein guter Teil von Behandlungsmethoden bis hin zu Operationen ist nicht besser als Voodoo. Und wir sollten ein Interesse daran haben, herauszufinden was wirkt und was man besser lässt. Wir erleben gerade bei Knie- und Rückenleiden eine Über- und Fehlversorgung, dafür fehlen in anderen Bereichen massiv Ressourcen. Das Fallpauschalen-System setzt finanzielle Fehlanreize. Ärzte dürfen das Vertrauen der Patienten durch unnötige Untersuchungen und Eingriffe nicht verspielen. Die „Choosing wisely“-Idee aus den USA zieht jetzt auch in Deutschland erste Kreise, mehr davon!

 

> Wie kann man Sie zum Lachen bringen?


Ich bin ein großer Loriot-Fan. Aber in Deutschland gibt es noch unglaublich viele gute Komiker und witzige Autoren, die man am besten live auf der Bühne und nicht „nur“ im Fernsehen erlebt. Also, wer in Deutschland nichts zu lachen hat, ist selber schuld. Positive Gemeinschaftserlebnisse wie Konzerte, Public Viewing oder auch Live-Kabarett erleben eine unglaubliche Renaissance. Wir können uns halt nicht selber kitzeln. Aber uns gegenseitig anstecken mit unserer Laune – und am besten mit guter!

 

> Das Beste kommt zum Schluss: Wie lautet Ihr persönlicher Lieblingswitz?


Mein Lieblings-Medizinerwitz lautet: In den vier Ecken eines Fußballfeldes stehen vier Ärzte: ein guter Orthopäde, ein schlechter Orthopäde, ein Radiologe und ein Chirurg. In der Mitte des Spielfelds liegen 50.000 Euro – nach dem Startschuss sollen alle losrennen. Wer ist zuerst am Geld? Die Antwort: der schlechte Orthopäde. Warum: Gute Orthopäden gibt es nicht, dem Chirurgen waren die Regeln zu kompliziert und ein Radiologe rennt nicht los für 50.000.

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