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  • Elise Betz
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  • 07.10.2013

Mit Hammer und Meißel – Ein Knochenjob

Elise Betz hat ihr Pflegepraktikum nicht ohne Grund auf der Chirurgischen Station absolviert: Sie wollte unbedingt bei einer OP dabei sein. Schon in der ersten Woche erfüllte sich ihr Wunsch und die junge Studentin durfte bei einer Hüft-TEP zuschauen.

Arzt mit Röntgenbild - Foto: istockphoto    

 

Willst du heute mal mit in den OP?“ Was für eine Frage! Sie kommt von der Leitung der Chirurgischen Station im Klinikum Schlüchtern. Natürlich möchte ich mit! Darauf habe ich mich doch schon im Vorfeld die ganze Zeit gefreut und mir extra eine chirurgische Station für mein Krankenpflegepraktikum ausgesucht. Da die Schwester das natürlich nicht wissen kann, antworte ich mit einem euphorischen „Super gerne!“. Und schon nimmt alles seinen Gang: Der Chefarzt wird gefragt, ob ich zusehen darf. Er hat nichts dagegen und so lande ich gleich in meiner ersten Woche auf Station im OP. Es steht eine Hüft-TEP auf dem Plan. Bevor es endlich losgeht, schickt mich eine Schwester mit dem Satz „nicht, dass du im OP noch umkippst“ noch zum Frühstück. Ich schlinge schnell mein mitgebrachtes Essen hinunter, ich will ja nichts verpassen, und eile in den OP-Bereich.

 

Intubieren sieht so einfach aus

Nach dem Einkleiden in modischem Grün mit Haube und Mundschutz stehe ich neben dem Anästhesisten und lasse mir erklären, wie man eine Narkose einleitet. Erst verabreicht man ein Schlafmittel und anschließend ein Muskelrelaxans. Ich bin verblüfft, wie schnell der Patient einschläft. Ein paar Atemzüge nach der Gabe des Schlafmittels und schon fallen ihm die Augen zu. Sobald er nicht mehr selbstständig atmen kann, wird intubiert. Bei Anästhesisten sieht das Intubieren so kinderleicht aus, denke ich mir. Man muss einfach nur den schwarzen Racheneingang treffen und schon sitzt der Tubus. Aber der Anästhesist hat das natürlich schon unzählige Male gemacht. Der Patient ist mittlerweile im Operationssaal angelangt und an alle Monitore zur Überwachung angeschlossen. Jetzt kommen auch der Chefarzt mit dem Oberarzt und einer Assistenzärztin nach minutenlangem Hände- und Unterarmdesinfizieren in den Saal. Sie beginnen ihre Arbeit mit dem  unspektakulären Waschen des OP-Feldes. Als dann der ganze Saal nach Alkohol riecht, das Bein und der halbe Oberkörper des Patienten von Desinfektionsmittel orange-braun gefärbt sind und alle Akteure ihre sterilen Kittel und Handschuhe tragen, kann die OP beginnen und ich werde in die Position gebracht, wo ich möglichst gut sehe und keinen störe.

 

Das Handwerk beginnt

Mit dem Eröffnen der Haut über dem Trochanter Major mit einem ca. 15 cm langen Schnitt fängt alles an. Nach dem Durchtrennen der Muskeln, bietet sich mir ein blutiger Blick auf das im Verborgenen liegende Hüftgelenk. Wenn alle Blutungen gestoppt sind und man gute Sicht auf den Trochanter Major und den Hüftkopf hat, beginnt das Handwerk. Mit einer elektrischen Säge wird nun der Hüftkopf abgetrennt. Das Kreischen der Säge durchdringt den Raum. Ich fühle mich, als stünde ich mitten auf einer Baustelle. Der Schnitt verläuft oberhalb des Trochanter Majors geradewegs zum Trochanter Minor. Der Chefarzt zeigt mir den von der Arthrose deformierten Hüftkopf. Auf dem Röntgenbild an der Wand erkenne ich, dass er gar nicht mehr rund, sondern eher elliptisch ist. Nachdem der Hüftkopf entfernt wurde, habe ich freie Sicht auf die Gelenkpfanne, deren weiße Knorpelfläche schon ganz zerstört ist. Nun beginnt der Arzt, mit einer herkömmlich anmutenden Bohrmaschine und einem entsprechenden runden Aufsatz die Gelenkpfanne in die für die Prothese gewünschte Form zu fräsen. Hierbei ist wahrer Körpereinsatz gefragt, da der Knochen so hart ist, dass sich der Operateur mit seiner ganzen Kraft auf den Bohrer stemmt.

 

Die letzten Handgriffe

Einige Minuten und sukzessiv größer werdende Fräsaufsätze später ist die gewünschte Größe erreicht und die Pfannenprothese wird gebracht. Es handelt sich um eine zementfreie Hüft-TEP, weshalb die Metallpfanne nur mit einem Hammer in der richtigen Position in den Knochen geschlagen wird. Die Metallpfanne wird dann mit dem Knochen verwachsen. Es folgt das Inlay, eine Plastikgelenkfläche, die mit einem kurzen Schlag in die Pfanne getrieben wird. Der erste Teil ist damit geschafft und es folgt der Einbau des Schaftes. Hierzu wird ins Mark der Oberschenkelknochens gebohrt und anschließend ein Probeschaft mit rauer Oberfläche, wie die einer Raspel, entlang des Loches mit einem Hammer ins Mark getrieben. Nach etlichem Hämmern und Raspeln mit immer größer werdenden Schäften ist man schließlich bei der zuvor errechneten Schaftgröße angelangt. Mit aufgesetztem Probekopf wird dieser in die fertige Pfanne manövriert und ein Kontrollröntgen durchgeführt. Dieses fällt so aus, wie man es sich im Vorfeld vorgestellt hatte. Also wird der Probeschaft wieder heraus genommen, die entsprechende steril verpackte Prothese geöffnet und an Stelle der Probe in den Knochen gehauen. Mit dem aufgesetzten Kunststoffkopf ist das Gelenk schon so gut wie fertig und muss lediglich noch zusammen gefügt werden.

Der Assistent zieht ein wenig am Bein und dreht es nach innen, woraufhin der Kopf mit einem leisen „Ploppen“ in der Pfanne gleitet. Anschließend wird getestet, ob das Gelenk bei Bewegung luxiert. Da dies nicht passiert, kann der Patient wieder zugenäht werden. Die Baustelle ist passé und mein erster Aufenthalt im OP nach etwa 3 Stunden ebenfalls.

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