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  • 14.10.2013

Interview mit Jan Dieter Schneider

2012 studiert Jan Dieter Schneider gerade ein Jahr Medizin in Mainz. Und schon nimmt er sich ein Semester Auszeit, um Hauptdarsteller in Edgar Reitz´ Film "Die andere Heimat" zu werden. Lokalredakteurin Kirstin durfte ihm Fragen zu dieser aufregenden Zeit stellen.

 

> „Die andere Heimat“ - worum geht es?

Jan Dieter Schneider: Ein Hunsrückdorf im 19. Jahrhundert: Die Menschen leiden unter großer Armut, Hunger und Willkürherrschaft, viele wandern nach Südamerika aus. Der Film erzählt die Geschichte des Bauernjungen Jakob, den ich spielen durfte, der von einer Zukunft in Brasilien träumt...

 

> Und wie bist du an die Hauptrolle gekommen?

Jakob sollte von einem etwa 20 Jahre alten schlanken Jungen gespielt werden. Die Ausschreibung ging an alle deutschsprachigen Schauspielschulen und Agenturen. 800 Schauspieler haben sich vorgestellt, keiner konnte den Regisseur von sich überzeugen. Deshalb durften dann auch Bewerber für Komparsen-Rollen Vorsprechen – und in dieser Kartei war ich gelistet. Noch mitten im Anatomiesemester wurde ich zu einem Gespräch eingeladen, dann zu einem Probedreh, dann zu einem weiteren Probedreh. Und auf einmal war das Angebot da: Möchtest du Jakob spielen?

 

 Jan als Haupprotaonist "Jakob" im Film "Die andere Heimat" - Foto: Christian Lüdecke

Jan als Hauptprotagonist "Jakob" im Film "Die andere Heimat" - Foto: Christian Lüdecke

 

> Du bist schon seit einigen Jahren als Schauspieler aktiv. Was ist „Schauspiel“ für dich?

Vorher hatte ich nur auf Bühnen gespielt, an der Schule oder an der Uni. Das ist nicht vergleichbar mit dem Schauspiel vor einer Filmkamera. Auf der Bühne ist große Präsenz angesagt, der Darsteller muss die letzten Sitzplätze erreichen. Die Kamera nimmt jedoch kleinste Veränderungen war – hier ist ein reduziertes Spiel gefragt. Das war für mich völlig neu!

 

> Bist du Medizinstudent und Schauspieler oder Schauspieler und Medizinstudent?

Ich bin Medizinstudent. Schauspielkunst suggeriert mir ein Repertoire von verschiedenen Charakteren und Fähigkeiten, auf der Bühne sowie im Film. Jakob war für mich die ideale Figur, wir haben viele Gemeinsamkeiten. Doch um auch die Unterschiede zwischen Jakob und Jan zu verdeutlichen, brauche ich die Schauspielkunst. Es wäre jetzt aber töricht von mir, mich als Profi zu bezeichnen.

 

> War eine Schauspielschule eine Alternative zum Medizinstudium?

Nach dem Abitur schon. Ich war sogar bei einem Casting an der Ernst-Busch-Schule in Berlin. Aber ich bin nicht weitergekommen. Ich sollte noch reifen und Lebenserfahrung sammeln. Viele denken, man müsse möglichst viele Sachen erlebt haben, um authentisch zu wirken. Diese Ansicht des Spielens finde ich fragwürdig. Nichtsdestotrotz war ich froh, dass mir diese Leute die Entscheidung abnahmen und mein Weg frei war fürs Medizinstudium. Eigentlich trieb mich auch nur eine große Neugier nach Berlin.

 

> Ein Semester Schauspieler, dann zurück an die Uni. Wie war das für dich?

Nicht sehr schön. An einem Filmset ist der Schauspieler der Mittelpunkt. Jedes Ressort, also Maske, Kostüm, Regie, Kamera und so weiter, versucht das Beste aus ihm herauszuholen. Deshalb leben die Schauspieler dort sehr geschützt. Mein erster Tag an der Uni war das komplette Gegenteil. Dort war wieder kämpfen angesagt, die Professoren interessiert es wenig, wie es einem geht. Manche Studenten fahren Ellenbogen aus. Es gibt unangekündigte Testate. Es zählt viele Punkte zu sammeln, viel Stoff zu lernen. Für Austausch und Freizeit ist wenig Zeit. Ich brauchte viele Wochen, um mich wieder an diesen Rhythmus zu gewöhnen.

 

> Als du zurück gekommen bist, warteten viele neue Gesichter in den Kursen auf dich. War es schwierig, Anschluss zu finden?

Mein altes Semester war in den Physikumsvorbereitungen, die Kommilitonen waren sehr beschäftigt. Und die Studenten im neuen Semester waren im berüchtigten Mainzer Stress-Semester: Die gesamte Anatomie und Physiologie in einem Semester. Alle standen unter Strom. Ich bin direkt in eine Theatergruppe gegangen und dort habe ich mich ausgetobt. Aber natürlich habe ich viele neue tolle Kommilitonen kennen gelernt.

 

> Jan in zehn Jahren: Schauspieler oder Arzt?

Vielleicht gar nichts von beidem. Mal sehen! Erst einmal will ich die Klinik genießen und die Vorklinik vergessen. Wenn mir dieser Film eines beigebracht hat: Es kommt alles anders, als man denkt.

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