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  • 21.05.2014

"Mein Herz schlägt für die Musik und die Medizin" – Interview mit Pia Stüssel

Pia Stüssel (20) studiert im 4. Semester Medizin in Lübeck und hat bis vor kurzem noch parallel am Mozarteum in Salzburg Klavier studiert. Wie sie diese Doppelbelastung und die Distanz von knapp 1000 km geschafft hat, erzählt sie euch im Interview.

 

Pia Stüssel - Foto: P. Stüssel

Pia Stüssel, die jetzt im 4. Semester Medizin studiert - Foto: privat

 

> Wie lange spielst du schon Klavier und Geige?

Mit Klavier habe ich in der 1. Klasse angefangen, mit Geige zwei Jahre später – da wollte ich ins Orchester. Nach dem Abitur habe ich dann ein Jahr in Salzburg studiert, bevor ich 2012 in Lübeck mit Medizin angefangen habe.

 

> Wann hast du das erste Mal überlegt, dass Musik mehr für dich sein soll als ein Hobby?

Bevor ich angefangen habe, Klavier zu studieren, habe ich einen Meisterkurs bei meinem Prof. gemacht. Wenn man Musik studiert, wählt man den Studienort nach dem Professor, da man zu diesem ein sehr persönliches Verhältnis hat. Mit meinem verstehe ich mich sehr gut, ich mag die Art, wie er spielt, und er unterstützt mich nach wie vor, auch wenn ich jetzt nicht mehr voll bei ihm studiere. Ich bin sehr dankbar dafür, dass sich seine Art, mich zu unterrichten, trotzdem nicht verändert hat.

 

> Wie hast du das von der praktischen Seite her umgesetzt, in zwei so weit voneinander entfernten Städten zwei völlig unterschiedliche Sachen zu studieren?

In den Semesterferien habe ich ein Pflegepraktikum in Salzburg gemacht. Das war toll, vormittags habe ich im Frühdienst auf Station gearbeitet, mich danach kurz ausgeruht und hatte nachmittags und abends Zeit zum Üben und für den Unterricht. Während des Semesters war ich alle 1-2 Monate in Salzburg, da es sich nur lohnt, wenn ich mehrere Tage am Stück Unterricht nehmen kann. Gewohnt habe ich dann bei Freunden, da ich natürlich keine Wohnung mehr in Salzburg hatte.

 

> Was unterscheidet Medizin- und Musikstudium aus deiner Perspektive am meisten?

Musik studiert man im Gegensatz zu Medizin nicht für den Abschluss, sondern für das Studium selbst. Damit ist die Motivation eine ganz andere als bei Medizin: dort hat man, insbesondere in der Vorklinik, eher das Zukunftsbild des Arztberufes vor Augen. Der molekulare Aufbau verschiedener Kanäle in der Physiologie interessieren einen da manchmal eher weniger. Außerdem ist der Tagesablauf ein ganz anderer, man hat viel weniger Vorlesungen und ist selbständiger.

 

Pia beim Konzert  - Foto: Bjarne Andersen

Pia beim Konzert am 14. Februar im Lübecker Kolosseum. Auf dem Programm standen übrigens das Klavierkonzert in A-Dur von Mozart, Festive Overture und Jazz Suite No. 2 von Schostakowitsch sowie Dvoraks American Suite - Foto: Bjarne Andersen

 

> Hattest du denn in Lübeck genug Zeit zum Üben, vor allem während der Klausurenphasen?

Klavier übe ich je nach Bedürfnis, ich mache mir da keine Vorsätze. Natürlich übe ich manchmal wenig, aber das liegt dann nicht unbedingt daran, dass ich den ganzen Tag an der Uni bin. Ich brauche für das Klavierspielen volle Konzentration, das heißt, wenn ich zwei Stunden konzentriert Biochemie gelernt habe, kann ich danach keine zwei Stunden ebenso konzentriert Klavier üben. Es ist also weniger eine zeitliche Einschränkung als eine innere.  

 

> Gab es Nachteile bei deinem Doppelstudium?

Vor allem unter bildenden Künstlern gibt es viele, die verlangen, dass man sein Leben komplett auf die Kunst ausrichtet. Maximal darf man noch Taxifahrer werden, um sich Staffelei und Pinsel zu finanzieren, aber wenn ich nebenher Medizin studiere oder als Arzt arbeite, würden manche das kritisieren und mich nicht als Pianistin ansehen. Gleichermaßen mag ich es nicht, wenn Leute sagen: „Dafür, dass du Medizin studierst, spielst du aber gut Klavier“. Das ärgert mich, das ist kein entweder /oder. Denn am Klavier bin ich die Künstlerin, nicht die Medizinerin.

 

> Und doch hast du dich entschieden, für das Medizinstudium vollständig nach Lübeck zu ziehen und damit auch in Kauf zu nehmen, weniger Zeit für die Musik in Salzburg aufwenden zu können.

Ich entscheide mich damit nicht gegen die Musik. Salzburg hat kulturell unglaublich viel zu bieten, ist aber auch etwas überladen mit Musik und Musikern. Hier in Lübeck besuche ich ab und zu die Musikhochschule, die viele Konzerte anbietet, und spiele hier im Orchester. Es war mir sehr wichtig, in einer Stadt zu studieren, die eine Musikhochschule hat. An der Uni kenne ich hier allerdings kaum jemanden, der sich vorstellen kann, etwas anderes als Arzt zu werden. Das beunruhigt mich manchmal schon – bin ich die einzige in meinem Semester, die nicht dieses konkrete Ziel vor Augen hat? Trotzdem sind die Leute hier aufgeschlossen und man merkt, dass viele Leute auch neben dem Studium breit gefächerte Interessen haben.

 

> Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Ganz ehrlich: ich weiß es nicht. Früher waren gebildete Leute gleichzeitig Philosophen, Astronomen und Dichter, heutzutage darf man sich nur für einen Beruf entscheiden. Zwei Sachen zu machen wäre unvorstellbar. Man muss sich immer weiter spezialisieren, auch wenn das nicht alle Aspekte an einem Menschen abdeckt. Das Medizinstudium ist ein naturwissenschaftliches Studium, doch was machen Leute, die auch gerne schreiben oder eine Begabung für Sprachen haben? Ich hoffe, dass sich noch vieles ergibt, denn derzeit existieren nicht viele Möglichkeiten, Musik und Medizin gleichermaßen in einem Berufsbild zu vereinen. Ich weiß nur, dass ich auf keins von beidem verzichten kann.

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