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  • Franziska Müller
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  • 15.09.2016

Praxis in der Vorklinik?

Praxiserfahrungen, bereits ab dem ersten Semester? Wo man sich als frisch gebackener Medizinstudent mit Physik und Chemie quält und vom Medizinischen noch keine Ahnung hat? Ein paar Beispiele, wie an der Uni Köln die Studenten an die Zeit am Krankenbett herangeführt werden.

Medizinstudenten im 1. Semester schlagen sich mit Physik und Chemie rum. Von der Medizin haben sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch überhaupt keine Ahnung. In Köln sollen sie trotzdem schon Praxiserfahrungen sammeln. Wie soll das gehen?

Die Uni Köln hat einen Kurs konzipiert, der Medizinstudenten die erste Angst vorm Patientenkontakt nehmen soll. In Kleingruppen von 20 Studenten werden zusammen mit Tutoren aus höheren Semestern die Struktur und der Inhalt eines guten Arzt-Patienten-Gesprächs erarbeitet und zunächst in Rollenspielen miteinander und schließlich mit Schauspielpatienten geübt. Auf das Fachliche kommt es dabei gar nicht unbedingt an – die „Bauchschmerzen“ des hilfesuchenden Patienten lassen sich leicht dem Stress auf der Arbeit, den Problemen zu Hause oder den Geldsorgen zuordnen, von denen die Patienten direkt im Anschluss an die gesundheitlichen Beschwerden berichten. Es geht also mehr um das Setting und das Gespräch an sich als um die Diagnose. Für die Medizinstudenten, die das erste Mal den berühmtberüchtigten weißen Kittel tragen, ist es wichtig, sich in die Rolle des Gesprächsleiters einzufinden und aus dem Umgang mit den Patienten zu lernen.


Im 2. und 3. Semester, in denen hauptsächlich die Anatomie behandelt wird, bemühen sich die Professoren klinische Bezüge wie Krankheitsbilder und Fallbeispiele in ihre Vorlesungen zu integrieren. Obwohl man als Student so manches Mal stöhnt, wenn noch mehr Lernstoff dazukommt, ist es tatsächlich sehr hilfreich, schon das ein oder andere klinische Bild zu kennen. So merkt man schnell, warum man die ganzen Grundlagen bis tief in die Nacht lernt!


Um praktische Fertigkeiten in dieser Zeit nicht zu kurz kommen zu lassen, besuchen die Studenten einen „Punktionen“-Kurs. Hier werden die intravenöse Blutentnahme, das Katheterisieren und die intramuskuläre Injektion erlernt und zum Abschluss gibt es über alle Themen eine praktische Prüfung – alles am Modell natürlich.
Parallel zu diesen beschriebenen Pflichtkursen kann sich jeder Student selbst aussuchen, ob er an freiwilligen Lehrveranstaltungen teilnimmt. In diesen sogenannten „Peer-Teaching“-Kursen erklären Studenten aus höheren Semestern praktische Abläufe wie die Venenverweilkanülierung oder den Ultraschall – anschließend wird geübt am Modell und untereinander an den Kommilitonen. Ich kann diese Kurse nur wärmstens empfehlen!

Im 4. Semester, kurz vor der Klinik also, nimmt jeder Student an einem Kern-Untersuchungskurs teil. Das Ziel dabei ist, dass jeder Student bei Eintritt in die Klinik eine grundlegende körperliche Untersuchung durchführen kann. Das Motto: Sehen, Hören, Fühlen – immer in dieser Reihenfolge, streng nach Schema. Vom Beurteilen der Schilddrüsengröße über Abhören der Lunge bis zum Abtasten des Bauches, alles wird durchgesprochen und gegenseitig ausprobiert. Hat man Glück, darf man auch mal an der Seite eines Arztes durchs Krankenhaus marschieren und „echten“ Patienten begegnen. Die sind auch meistens glücklich, als Leerobjekt Aufmerksamkeit zu genießen und lassen sich gern abhorchen.
Und da in der Medizin – wie fast überall – das altbekannte Sprichwort „Übung macht den Meister“ gilt, sollte man hier jede Möglichkeit ausnutzen, Fragen zu stellen und an den Patienten zu üben.


Alles in allem hat sich die Uni Köln Mühe gegeben, den Studenten von Anfang an Einblicke in die Klinik zu ermöglichen. Wie viel Energie man als Student in die Kurse investiert, bleibt jedem selbst überlassen. Mir haben sie jedenfalls große Lust auf die Klinik gemacht und ich weiß jetzt, dass es sich lohnt die Hürden der Vorklinik zu meistern.

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