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  • Bericht
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  • Maximiliane Ahsbahs
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  • 07.01.2014

Die Anamnesegruppe in Kiel

Das Medizinstudium ist prall gefüllt mit Theorie. Wie ein Anamnesegespräch geführt wird, lernt man jedoch nur nebenbei. Zum Glück gibt es in Kiel eine Anamnesegruppe.

 

Studenten am Tisch - Foto: istockphoto/photostorm

Foto: istockphoto/photostorm

 

Die Neurologie Vorlesung beginnt wie immer. Das heutige Thema ist Parkinson. Alle hören gespannt zu, notieren sich die wichtigsten Aspekte zu Pathomechanismus, Symptomen und Therapie. Dann kündigt der Professor eine Patientin an, bei der unerwartet einer von uns Studenten die Anamnese durchführen soll. Wie meist in solchen Momenten, versucht sich fast jeder in meinem Semester unauffällig zu verhalten. Zwar haben wir in drei Jahren Studium schon viel Theorie gelernt und können mit Fachbegriffen und komplizierten Diagnosen umgehen, aber wenn es dazu kommt, dass wir selbst eine Anamnese (also ein Patientengespräch) durchführen sollen, dann sind wir mit unserem Latein am Ende. Eine Hand zumindest geht nach oben, meine ganze Reihe atmet erleichtert auf und auch ich denke – Blamage für heute abgewandt.

Die Kommilitonin, die das Gespräch führt, wirkt hingegen sicher und selbstbewusst. Ein roter Faden zieht sich durch ihre Anamnese und die Fragen sind gut auf die Patientin abgestimmt.

Die 23-jährige Studentin heißt Clara und wie ich nach der Vorlesung erfahre, ist sie seit dem ersten Fachsemester in einer sogenannten Anamnesegruppe aktiv. Clara erzählt: „Wir lernen dort ein Arzt-Patienten-Gespräch zu führen. Also wie man eine strukturierte und vollständige Anamnese durchführt. Wir diskutieren über die Krankheitsbilder der Patienten und sprechen darüber, wie man kritische Thematiken im Dialog anspricht“.

 

Die Anamnesegruppe in Kiel

In Kiel gibt es die Anamnesegruppe seit zwei Jahren. Die Medizinstudenten treffen sich wöchentlich, um im Wechsel eine etwa einstündige Anamnese durchzuführen, bei der neben den Krankheitsbildern vor allem die psychischen und sozialen Aspekte des Patienten hinterfragt werden sollen. Im Anschluss an das Gespräch findet eine Feedback-Runde statt. „In unserem Stundenplan kommt die Anamnese einfach zu kurz“, meint Clara. „So ist es wichtig, dass es einen Rahmen gibt, wo wir uns selbst im Arzt-Patienten-Gespräch ausprobieren können und Verbesserungsvorschläge bekommen.“

Geleitet werden die aus fünf bis zwölf Teilnehmern bestehenden Gruppen von je zwei Tutoren. Diese sind selbst Medizinstudenten und wurden in Schulungen auf die Arbeit vorbereitet. Auch Clara ist seit diesem Semester Tutorin, denn sie möchte das, was sie bis jetzt gelernt hat, an andere weitergeben. Deswegen ermutigt sie jeden Kieler Medizinstudenten, egal ob im ersten Semester oder kurz vor dem Staatsexamen, mitzumachen.

Mich hat sie in jedem Fall überzeugt. Denn die reine Theorie in den dicken Medizinbüchern hilft garantiert nicht dabei, mir die Unsicherheit vor dem Patientengespräch zu nehmen.   Im kommenden Semester will ich mich nicht mehr hinter meinem Vordermann verstecken, wenn wir mal wieder selbst die Anamnese übernehmen müssen – oder vielleicht besser: Wenn wir Üben dürfen empathische Ärzte zu werden.  

 

 

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