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  • Julia Marschall
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  • 23.05.2017

Be präpared!

Das Präpsemester hat Julia emotional, geistig und zwischenmenschlich an ihre Grenzen gebracht. Dennoch ist sie Dankbar dafür.

 

 

Die große orangene Tür zum Saal schwingt quietschend auf und mit klopfendem Herzen, dem Anatomieatlas und dem Präparierset unter dem Arm, betrete ich den Raum.
11 Metalltische sind zu beiden Seiten des Raumes hin angeordnet und mit Nummern ausgeschildert. Mein Tisch mit der Nummer 23 steht ganz hinten links bei den Waschbecken. Ich gehe den Gang entlang, an den anderen Tischen vorbei, ohne dabei auch nur einen Blick nach rechts oder links zu wagen. Unser “Präparat” ist noch zugedeckt und erst als alle Kommilitonen da sind, heben wir gemeinsam das blaue Tuch und legen es ordentlich gefaltet zur Seite.

Sofort steigt mir der beißende Geruch des Formalins in die Nase und meine Augen beginnen zu tränen. Um mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen, betrachte ich mit meinen Kommilitonen gemeinsam die Umrisse des toten Menschen unter dem weißen Baumwolltuch und wir versuchen zu erahnen, ob es sich um eine männliche oder weibliche Person handelt. Dann geht alles ganz schnell: noch bevor wir weitere Spekulationen über Alter, Geschlecht, Größe und Gewicht machen können, liegt unser Körperspender entblößt vor uns.
Tausende Gedanken rasen in diesem Moment durch meinen Kopf: Woran ist er gestorben? Wie hat er wohl geheißen? Hatte er eine Frau, Kinder, Enkelkinder? Was hat ihn dazu bewegt, seinen Körper der Wissenschaft zu spenden? Fragen über Fragen, von denen mir die meisten wohl niemals beantwortet werden.


Wenn ich jetzt, nach dem Ende des Präparierkurses  an die ersten Tage und Stunden im Saal zurückdenke, sehe ich nicht nur den enormen Wissensschatz, den ich mir im Laufe dieser Wochen aneignen konnte. Ich sehe vor allem, wie ich eine "Beziehung" zu dem Körperspender entwickelte, die gefühlsmäßig einer Achterbahnfahrt ähnelt. Das mag vielleicht komisch klingen, aber kein Medizinstudent kann sich der neuen ungewohnten Situation verschließen und jeder denkt zumindest einmal über die Persönlichkeit nach, die einmal den nun kalten, toten Körper mit Leben füllte.


Ich glaube, anfangs ist es völlig normal, dem toten Menschen mit Distanz und emotionaler Kälte zu begegnen. Für viele von uns war es die erste Konfrontation mit einem toten Menschen und so habe auch ich einige Zeit gebraucht, um mich an diesen Anblick zu gewöhnen. Wahrscheinlich ist es ein Schutzmechanismus während des Präpkurses, nicht von einem toten Menschen, sondern von seinem „Präparat“ zu sprechen und bewusst die emotionale Distanz zu wahren. Die ersten Tage des Kurses waren für mich besonders schlimm, vor allem als die ersten Hautschnitte gemacht wurden. Jedes einzelne Mal lief mir dabei ein kalter Schauer über den Rücken.


Mit der Zeit kommt aber auch die Routine und wenn man seine Begeisterung für ein Präparationsgebiet entdeckt, verdrängt man auch für einen Moment die Gedanken an den Tod und die Frage nach der Richtigkeit dessen, was man da tut. Richtig ist es für uns als Medizinstudenten, aber ist es auch richtig für die Angehörigen des Toten? Behandeln wir den Toten würdevoll genug? Ist es richtig, sich über die Freuden des Lebens zu unterhalten, während man an einer Leiche präpariert? Ich habe mir über diese Dinge geradezu den Kopf zerbrochen, aber letzten Endes musste ich mir eingestehen, dass ich all diese Fragen nicht zu beurteilen vermag. Denn – und das ist der entscheidende Punkt – jeder Medizinstudent und jeder Arzt, jeder Angehörige und jeder Mensch, der den Vertrag zur Körperspende unterschreibt, hat einen anderen Horizont und andere Grenzen in Anbetracht dieser ethischen Fragen.


Was ich beurteilen kann ist, dass ich stundenlang bis spätabends an unserem Tisch saß und die Hand unseres Toten präparierte. Ich legte Gefäße frei, definierte Muskeln, suchte Nerven und das alles faszinierte mich auf eine Art und Weise, mit der ich nie gerechnet hätte. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, angekommen zu sein und den Präparierkurs als solchen schätzen zu können. Ich empfand unserem Körperspender gegenüber eine tiefe Dankbarkeit.


Faszination hin oder her – kurz vor Weihnachten kam in unserer Gruppe die Frage auf, ob wir unserem Präparat einen Namen geben sollten, wie es andere Tische schon getan hatten. Das war ein weiterer Moment, der für mich den Präparierkurs gezeichnet hat. In einem Punkt waren sich meine 11 Kommilitonen und ich einig: wenn wir dem Präparat einen Namen geben, sollte es kein richtiger Name sein. Die Person, die ihren Körper der Wissenschaft vermacht hat, hatte einen Namen. Egal wie dieser Name lautet, es wäre falsch und pietätlos gewesen, einen zweiten Namen zu suchen. Aber weiter von „dem Präparat“ zu sprechen…das klang für mich auch nicht respektvoll. Wir diskutierten lange hin und her und man spürte, dass sich jeder Einzelne von uns anders mit dem Thema auseinandersetzte und einen anderen Bezug zu unserer Leiche hatte. Einigen konnten wir uns schließlich leider nicht.


Der Präparierkurs war schneller vorbei als gedacht. Denn hier in Homburg dauert der Präparierkurs, anders als an manchen Universitäten, nur ein Semester lang. Für mich war der Stichtag der 23. Januar, der Tag unserer Kopf-Hals-Prüfung. Ein letztes Mal standen wir aufgeregt und mit zittrigen Händen neben unserer Leiche und hofften, dass der Prüfer die richtigen Fragen stellte. Und das Glück war auf unserer Seite, denn unser kompletter Tisch hat diese letzte Prüfung bestanden. Das Hochgefühl, was uns alle in diesem Moment mitriss und die Euphorie, mit der wir durch die langen Flure im Keller des Anatomiegebäudes hüpften, war nicht mehr zu überbieten.


Mir wurde erst eine Woche später richtig bewusst, dass das der letzte Moment im Präpariersaal gewesen sein sollte, der letzte Kontakt zu unserem Körperspender und der Abschluss eines Semesters, das mich emotional, geistig und zwischenmenschlich an meine Grenzen gebracht hat. Trotz aller Herausforderungen und des enormen Lernpensums, war es für mich das beste Semester der Vorklinik und ich bin dankbar um die Erfahrungen. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Einzelne von uns diese wenigen Wochen seines Studiums in Erinnerung behalten wird. Ob positiv oder negativ, muss jeder für sich selbst wissen. Für mich sind es die positiven Erinnerungen, die überwiegen und ich merke heute, dass mich der Präparierkurs menschlich geformt und weitergebracht hat.
Deshalb gilt mein Dank und mein Respekt allen Menschen, die es uns Medizinstudenten möglich machen, die Anatomie „in Natura“ zu erlernen und zu erleben. Nur durch ihre Entscheidung zur Körperspende können wir den Grundstein legen für all das, was uns später zu guten Ärzten machen soll.

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