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  • Anne Schneider
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  • 31.03.2017

Organspendeausweis - Die Qual der Wahl?

Seit Jahren ringe ich nun mit mir. Ich überlege hin und her – bislang noch immer ohne Ergebnis. Für viele meiner Freunde und Verwandten ist die Sache längst klar. Aber jeder soll für sich selbst entscheiden und sollte sich daher unbedingt mit dem Thema auseinandersetzen, bevor es zu spät ist: dem Organspendeausweis.

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Zugegeben, Gedanken rund um das Thema Organspende sind nicht unbedingt diejenigen, die man ständig im Kopf haben möchte. Schnell wird man dabei von der Angst ereilt, zu sterben. Der Angst, dass alles von jetzt auf gleich vorbei sein könnte und man keine Zeit mehr hatte, seine Träume zu verwirklichen, Vorhaben umzusetzen und genügend schöne Momente zu erleben. Kurzum: das Leben vollends zu genießen. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, verspüren seine Angehörigen Trauer, Verzweiflung und oft auch Unverständnis – zum Beispiel dann, wenn eine Mutter ihr Kind verliert oder eine junge Studentin ihren Bruder oder ihre Schwester. Die meisten Trauernden stellen sich dann die Frage: Welchen Sinn hat der Tod dieses jungen Menschen, der noch so viel vor sich hatte?

Niemand verdient den Verlust eines geliebten Menschen. Kaum jemand denkt in dieser schlimmen Situation daran, dass eine solche Tragik auch etwas Gutes haben kann, weil der Verlust einfach zu schmerzhaft und ungerecht ist. Aber kann ich als junger, gesunder Mensch, der wahrscheinlich noch weit vom Sterben entfernt ist, meinem Tod nicht im Vorfeld eine Art Sinn geben? Angenommen, ich werde nach einem schweren Unfall ins Krankenhaus gebracht, versterbe dort aber schnell am hohen Blutverlust. Mein Herz ist jedoch noch funktionsfähig. In meinem Portemonnaie liegt mein Organspendeausweis und ich habe meinen Eltern einige Wochen zuvor erzählt, dass ich im Fall der Fälle mein Herz spenden würde.

Auf der anderen Seite des Geschehens, sagen wir, in Berlin, lebt eine junge Frau, die ebenfalls Medizinstudentin ist. Allerdings hat sie zahlreiche Einschränkungen, die bedingt sind durch einen angeborenen Herzfehler. Sie kann zwar damit leben, wünscht sich aber nichts sehnlicher, als ein unbeschwertes Leben zu führen. Eines, wie ich es vor meinem (zum Glück nur gedachten) Unfall geführt habe. Seit Jahren ist sie, zusammen mit Tausenden anderen Menschen, auf der Warteliste von Eurotransplant. Am Tag meines Todes bekommt sie den entscheidenden Anruf: Wir haben ein passendes Spenderherz gefunden. Für mich und vor allem für meine Angehörigen wäre der Tag eines solchen Unfalls der schrecklichste überhaupt, für die Empfängerin des gesunden Herzens und ihre Familie wahrscheinlich der allerschönste.

Selbstverständlich ist dieses Szenario in der Realität mit weitaus mehr Hindernissen verbunden, wie zum Beispiel der Übereinstimmung der Blutgruppen und aller anderen Werte, was leider viel zu selten gegeben ist, oder der Tatsache, dass eine Herztransplantation riskant für die Empfängerin wäre.

Was mir und wahrscheinlich auch dir als Leser/in aber mit dem Gedankenspiel klar wird, ist: Es ist wichtig, dass ich mich entscheide. Wenn ich (unerwartet) sterbe, will ich meinen Eltern neben dem Begräbnis ihres Kindes nicht auch noch die Entscheidung über eine mögliche Organspende zumuten müssen. Es soll klar sein, ob meine Organe gespendet werden sollen oder nicht, denn wie schon oben erwähnt, sieht man als Trauernder nicht die Vorzüge des Todes, sondern spürt nur die dadurch entstehende Leere.

Während ich an das obige Szenario denke, verspüre ich fast schon den Drang, meinen Ausweis auszufüllen und darauf anzukreuzen, dass ich im Falle meines Todes all meine Organe spenden würde. Wenn ein mir nahe stehender Freund oder Verwandter ein Organ bräuchte, würde ich mir für ihn ja auch die Spende eines Fremden erhoffen.

Doch nicht umsonst habe ich schon etliche Male vor dem kleinen Papierkärtchen gesessen und es leer wieder zurück in die Schreibtischschublade gelegt. Stand jetzt möchte ich nach meinem Tod meinen Angehörigen die Chance geben, sich ein letztes Mal von mir zu verabschieden. Und zwar so, wie sie mich kannten, sprich nicht „zerstückelt“. Daher käme es für mich zum Beispiel nicht in Frage, meine Gesichts- oder Augenhornhaut zu spenden. Hier kann man natürlich dagegen argumentieren, dass ich meine Haut nicht mehr brauche, wenn ich tot bin, aber ich finde, dass auch „irrationale“, persönliche Bedenken bei der Diskussion um die Organspende berücksichtigt werden sollten.

Schließlich ist es für viele Menschen ein merkwürdiges oder sogar unheimliches Gefühl, wenn sie sich vorstellen, dass sie nach ihrem Tod von einem Chirurgen komplett auseinander geschnitten und ihre Einzelteile dann an Patienten verteilt werden sollen. Meiner Meinung nach ist es sehr bewundernswert, wenn jemand kein Problem mit diesem Gedanken hat und einwilligt, all seine gesunden Körperbestandteile weiterzugeben, aber auch absolut verständlich, wenn jemand anderes sich nicht mit dieser Vorstellung anfreunden kann.

Außerdem kenne ich einige Menschen, die sich davor fürchten, dass sie doch noch nicht ganz tot sein könnten, wenn ihre Organe zum Spenden entnommen werden, und dies in einem „halbtoten Zustand“ zu spüren bekommen könnten. Eine solche Katastrophe wird jedoch durch die Feststellung des „unumkehrbaren Hirntods“ verhindert. Dank dieser sicheren diagnostischen Methode muss man sich eigentlich keine Sorgen darüber machen, ob man eine Organentnahme spüren könnte.

Andere wiederum haben Angst davor, dass im Krankheitsfall nicht mehr alles Mögliche für sie getan wird, weil ein Arzt ihre zu spendenden Organe als wertvoller für Menschen auf der Warteliste erachtet und womöglich sogar für viel Geld verkauft. Derartige Fälle sind jedoch höchst selten, bzw. passiert es wenn überhaupt eher, dass ein Arzt für Geld seinen Patienten als kranker einstuft als er ist, damit dieser auf der Warteliste weiter nach oben rückt. Zweifelsohne sind solche Vorkommnisse moralisch unvertretbar. Die meisten Ärzte und natürlich auch das Pflegepersonal sind sehr gewissenhaft und versuchen, jeden noch so schwer erkrankten Patienten zu retten. Zudem arbeiten sie ja im Team und können sich gegenseitig „auf die Finger schauen“. Das Wohl des Patienten steht also im Vordergrund und der Tod eines Patienten wird verhindert, so gut es geht – egal, wie seine Meinung zur Organspende ist.

Insgesamt bleibt der Organspendeausweis ein umstrittenes und für viele auch heikles Thema, zu dem es die verschiedensten Meinungen und Bedenken gibt. Ich bewundere jeden, der keine Argumente gegen das bedingungslose Spenden all seiner Organe und Gewebe sieht und einen dementsprechend ausgefüllten Ausweis mit sich führt. Genauso kann ich es aber nachvollziehen, wenn jemand anderes moralische, religiöse oder andere persönliche Gründe dagegen hat und nicht spenden möchte. Der springende Punkt ist: Wir müssen unsere Meinung irgendwo festhalten. Daher werde ich heute endlich meinen Ausweis ausfüllen und so bald wie möglich meine engsten Familienmitglieder über meine derzeitige Entscheidung in Kenntnis setzen. Ändern kann ich sie in ein paar Jahren immer noch und mir dann einen neuen Ausweis zulegen, den ich anders ausfülle. Wichtig ist nur, dass wir heute gewissenhaft für unseren eigenen Körper entscheiden. Nur für den Fall der Fälle. Damit es morgen niemand anderes für uns tun muss.

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