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  • Text und Fotos: Thomas Hofstätter
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  • 07.04.2008

Aller Anfang ist schwer... besonders in Graz

Was das Medizinstudium in Graz betrifft, ist seit dem EuGH-Urteil alles anders. Durch den gewaltigen Ansturm und die selektive Aufnahmeprüfung sind die Chancen, einen Studienplatz zu bekommen, auf mikroskopische Größe geschrumpft. Der Traum vom Medizinstudium rückt für die Mehrheit der knapp 3000 Neuanfänger in fast unerreichbare Ferne.

 

Wo geht´s hier zum Krankenhaus?

 

Für Andreas K. stand es eigentlich schon seit seiner Kindheit fest, dass er einmal Arzt werden würde. Schon in der Oberstufe hat Andreas sich auf das Medizinstudium in Graz gefreut und sich deshalb in der Schule ganz besonders angestrengt, um sein Ziel so schnell als möglich zu erreichen. In weiser Voraussicht hat er eine längst ausgestorbene Sprache als Unterrichtsgegenstand gewählt, damit er später das Latinum nicht nachmachen müsste. Im Juni 2005 bestand er die Matura sogar mit Auszeichnung und versuchte sich gleich ein paar Wochen danach an der Medizinischen Universität Graz zu inskribieren. Doch plötzlich war alles anders als in den Jahren zuvor. Ein EuGH-Urteil bewirkte einen Ansturm von Deutschen auf die österreichischen Universitäten.

 

Verwirrung um den Eignungstest

Die MedUni Graz reagierte mit einer rasch beschlossenen Zugangsbeschränkung, wonach nur noch die besten 100 eines Studienjahrgangs das Medizinstudium fortsetzen dürfen. Noch dazu musste Andreas erfahren, dass die Zahl der Erstinskribienten auf ungefähr 3000 gestiegen ist. "So chaotisch habe ich mir das nicht vorgestellt. Die Vorlesungen finden größtenteils nur noch per Internet statt und nicht einmal die Professoren wissen, wie die Aufnahmeprüfung im Jänner aufgebaut sein wird.", äußert sich Andreas ziemlich aufgebracht. "Einmal heißt es, dass der EMS fixer Bestandteil der Aufnahmeprüfung ist, dann plötzlich kursiert wieder das Gerücht, dass der EMS-Teil entweder vollständig gestrichen wird oder nicht so stark gewertet wird. Ich habe mir in den Ferien extra ein EMS-Trainingsbuch gekauft und mich vorbereitet... Das hätte ich mir womöglich sparen können!" Tatsächlich ist es so, dass bereits verschiedene Lerninstitute bereits teure Vorbereitungskurse für den EMS-Test anbieten. Dem Rektorat sind solche kommerziellen Prüfungsvorbereitungen ein Dorn im Auge, weswegen man über die Sinnhaftigkeit des EMS noch einmal nachdenken möchte.

 

Gleich ein anderes Studium mitbelegen?

"Die Chance doch noch Medizin studieren zu dürfen, sind mittlerweile auf 1:30 gesunken", meint Andreas auf die Frage, ob seine Träume vom Medizinstudium überhaupt noch realistisch sind. Bei der Hochschülerschaft geht man davon aus, dass längst nicht alle 3000 Medizin-Anfänger letztlich an der großen Aufnahmeprüfung im Jänner teilnehmen werden. Ein Teil der Erstinskribienten dürfte sich nämlich an mehreren Universitäten gleichzeitig angemeldet haben oder im Laufe des Wintersemesters das Interesse an den via Internet abgehaltenen Vorlesungen verlieren. "Um den eventuellen Verlust der Familienbeihilfe vorzubeugen, hat mir das Sozialreferat der ÖH geraten, ein zweites Studium zu inskribieren und dieses als Hauptstudium anzugeben. Darum habe ich mich jetzt zusätzlich zu Humanmedizin für Biologie entschieden. Hier gibt es zwar auch eine Aufnahmeprüfung, jedoch ist dieses Fach weit nicht so überlaufen.", meint Andreas. "Außerdem kann ich auf diese Weise andere Mitstudenten, denen ein ähnliches Schicksal wie mir widerfährt, kennen lernen. Ich kenne mittlerweile schon ein paar Leute, die so wie ich Biologie und Medizin inskribiert haben. Die medizinischen Internetvorlesungen stell ich mir zwar sehr interessant vor, jedoch ergeben sich zuhause vor dem Bildschirm keine Lernpartnerschaften und lernt nicht einmal seine Studienkollegen kennen." Ansonsten sieht Andreas den Großteil seiner Mitstudenten zum ersten Mal bei der Aufnahmeprüfung, wenn er mit ungefähr 3000 Kommilitonen um die begehrten 100 Studienplätze im zweiten Semester kämpft.

 

Studieren - Nur noch mit PC und Internet

 

Medizinstudium ohne Anwesenheitspflicht

"Durch die hauptsächliche Lehre per Internet über den sogenannten virtuellen medizinischen Campus ist das Medizinstudium in der Eingangsphase zum Fernstudium umkonzipiert worden. Wenn ich nicht zusätzlich ein zweites Studium mit regulärem Vorlesungsbetrieb machen würde, hätte ich mir eigentlich das Zimmer im Studentenheim sparen können. Ich könnte eigentlich genauso das Medizinstudium im Burgenland von zuhause aus betreiben". Übrigens lässt sich an der kürzlich veröffentlichten Inskriptionsstatistik erkennen, dass der Grund für die hohe Zahl an Studienanfängern nicht nur im Ansturm der Deutschen, sondern zum Teil an den Österreichern selbst liegt. So gibt es gegenüber den Vorjahren einen Zuwachs an Medizinstudenten aus Österreich um fast 50 Prozent. Trotzdem stammt heuer der Löwenanteil der Neuanfänger aus Deutschland. Über 1900 Studenten aus Deutschland und ungefähr 900 Österreicher wollen demnach einen der heiß begehrten 100 Studienplätze ergattern.

 

Besseres Maturanoten - höhere Chancen?

Aufgrund der deutschen Überzahl und rechnerischer Überlegungen erwartet man, dass rund doppelt soviel Deutsche wie Österreicher unter den besten hundert Studenten sein werden. Trotz der fast ausweglosen Situation, bleibt Andreas optimistisch: "Von der ÖH habe ich gehört, dass bei grenzwertiger Punktegleichheit im Multiple-Choice-Test unter Umständen der Notendurchschnitt im Maturazeugnis ausschlaggebend sein könnte, wer schließlich weiter studieren darf. Vielleicht könnten mir ja meine guten Maturanoten helfen..." Wegen der zu geringen Raumkapazität der Hörsäle hat laut Vizerektor Gilbert Reibnegger die Medizin-Uni sich dazu entschlossen, den Aufnahmetest in der dafür extra angemieteten Grazer Stadthalle am 16. und 17. Jänner 2005 durchzuführen.

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