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  • Paulina Salaske
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  • 15.10.2013

Keine Angst vorm Präp-Saal

Für viele Studenten ist der Präp-Kurs einer der spannendsten Abschnitte im Medizinstudium. Dennoch sind mit dem Arbeiten an einer Leiche viele Ängste verbunden. Damit die Studenten am ersten Tag des Kurses nicht "ins kalte Wasser" geworfen werden, bietet die Uni Göttingen verschiedene Kurse zur Vorbereitung an. Unsere Lokalredakteurin Paulina berichtet aus eigener Erfahrung, warum man diese Veranstaltungen auf keinen Fall verpassen sollte.

Ist das nicht voll eklig? Ist dir gar nicht schlecht geworden? Hast du keine Albträume gehabt? Da haben sich bestimmt viele übergeben oder? All diese Fragen von Freunden und Bekannten konnte ich schon nach wenigen Wochen verneinen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es für die rund 200 Studenten unseres Semesters letztendlich völlig unkompliziert gewesen ist, Leichen zu sezieren. Es klingt tatsächlich makaberer als es ist. Das weiß ein Studienanfänger natürlich noch nicht. Aber zum Glück wurden unsere Bedenken und Ängste hinsichtlich des anstehenden Anatomie-Semesters aus dem Weg geschafft, weil wir auf unseren zukünftigen Job als „Aufschneider“ vorbereitet waren.

 

Die Vorbereitung

Das Zentrum für Anatomie in Göttingen bietet Erstsemestlern zum Ende ihres Semesters an, die momentan präparierenden Studenten bei sogenannten „anatomischen Demonstrationen“ zu begleiten. Die Veranstaltung umfasst mehrere Termine und zählt nicht zu denPflichtveranstaltungen. Hierbei bekommt man die Möglichkeit, den Präpariersaal zu betreten, sich mit der dort herrschenden Atmosphäre vertraut zu machen, an den Geruch nach Formalin zugewöhnen und nicht zuletzt einen Blick auf die Leichen zu werfen, anhand derer die zuständigen Studenten verschiedene Grundlagen der Anatomie erklärten.

Mein erster Gedanke war, dass die Körper weit vom Aussehen eines lebendigen Menschen entfernt waren. Die Haut war blassgrau und starr, die meisten Haare fehlten, die Augen waren geschlossen, am Ohr oder Zeh befand sich ein Clip mit der für jeden der Körper spezifischen Identifikationsnummer. Kurzum, die Leichen hatten im Zuge der jahrelangen Fixierung in Formalin äußerlich große Teile ihrer Individualität und Persönlichkeit verloren. Diese Tatsache erleichtert es später wesentlich, die Präparierarbeiten mit der nötigen Portion an Distanz vorzunehmen.

Zusätzlich wird vom Institut für Medizinische Psychologie und Soziologie vor Beginn des Präparierkurses das Seminar „Tod und Sterben“ angeboten. Auch diese Veranstaltung ist freiwillig, lässt sich aber im 3. Semester anrechnen, d.h. die Anzahl an Pflichtlehrstunden des Psychologie-Kurses wird für Teilnehmer des „Tod und Sterben“-Seminars entsprechend herabgesetzt. Im Zuge dieser Veranstaltung werden die Studenten für die Thematik der Körperspende und den Umgang mit den Leichen sensibilisiert. Das Seminar wird als offene Diskussion zwischen einer Lehrperson der Psychologie und einer Gruppe von 10-15 Studenten gestaltet. Es ist sehr interessant zu erfahren, dass Körperspender gewisse Voraussetzungen wie Mindestalter und weitgehende körperliche Integrität erfüllen müssen und mittlerweile sogar einen finanziellen Beitragleisten müssen, um ihr höchstes Gut, ihren Körper, dem medizinischen Nachwuchs zur Verfügungstellen zu können. Der Schwerpunkt des Seminars liegt auf unseren persönlichen Erfahrungen und bisherigen Kontakten mit dem Tod und auf der Erörterung eines angemessenen Verhaltens im Präpariersaal. Darf gescherzt werden? Ist es respektvoll seinem Donator gegenüber, inhaltlich nicht angemessen vorbereitet an seinen Leichnam zu gehen?

 

Der erste Tag

Als wir also am ersten Tag unseres Präparierkurses den Saal betraten und das Leichentuch von unserem Leichnam entfernten, war niemand unter uns, der noch keinen Fuß in diesen Saal gesetzt hatte und völlig unvorbereitet mit dem Anblick der Leichen konfrontiert wurde. Niemand fiel in Ohnmacht, niemand musste an die frische Luft und niemand war überfordert. Deshalb rate ich euch, die Angebote wahrzunehmen und euch frühzeitig mit den neuen Umständen vertraut zu machen, unter denen ihr das kommende Semester verbringen werdet. Aufregend bleibt es bis zum letzten Tag.

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