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  • Bericht
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  • Eva-Maria Kollhoff
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  • 21.08.2012

Medi-O-Phase, schalalalala

Ein Ideal, das verbindet. Menschen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Auswendig lernen oder doch mehr? Und am allerwichtigsten - auch für Medizinstudenten gilt: Lebe! Das sind nur einige der Dinge, die Eva-Maria aus ihrer Einführungsphase in Göttingen in Erinnerung geblieben sind.

Die Studenten kommen in Turnschuhen und Jeans, Pumps und Ray-Ban-Brillen, grauen und blauen Kaputzensweatshirts, T-Shirts und bunten selbstgestrickten Pullis, Tommy-Hilfiger-Blusen, Eastpack-Rucksäcken und Longchamp-Taschen - die Kleidung von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Viele verschiedene Dialekte aus allen Ecken und Winkeln Deutschlands sind zu hören.

Es sind junge Einsnuller dabei und Langzeitwartende, Teenager ebenso wie Dreißigjährige, die es noch einmal wissen wollen, examinierte Krankenschwestern und Pfleger, Arzthelferinnen, Rettungsassistenten, Weltgereiste. Nur in einem gleichen wir uns: Für uns alle ist dieser Tag der erste unseres Medizinstudiums in Göttingen. Über vierzigtausend junge Menschen haben sich gleichzeitig mit uns um einen Medizinstudienplatz beworben - so viele wie nie zuvor. Ich glaube, wir alle waren glücklich und auch ein bisschen stolz, jetzt Studenten der Medizin zu sein. Uns verbindet das gleiche Ziel, das eher ein Ideal ist, als ein einmalig erreichbares Ziel: Jeder Einzelne von uns will ein guter Arzt oder eine gute Ärztin werden und das Leid von Menschen lindern - so wie Albert Schweitzer, Dr. Brinkmann von der Schwarzwaldklinik oder wie der eigene Vater - wenn dieser Arzt ist, versteht sich.

Wir alle treffen an diesem Tag vor dem Eingang des Anatomiegebäudes zusammen. Im Obergeschoss befindet sich der Präpsaal, was wir noch nicht wissen oder nur ahnen können. Hier steht der Tod im Dienst des Lebens - Anatomie, Schlüssel und Steuerruder der Medizin. Wir werden empfangen von fantasievoll gekleideten Studenten in bunt bemalten Kitteln, umgehängten Stethoskopen, Hüten und Sonnenbrillen, die uns lautstark singend mit Megaphonen begrüßen: "Medi-O-Phase, schalalalala!". Unsere Tutorengruppen haben Namen wie "Kommando Bollerwagen", "Die Kranken Schwestern", "Pseudo-Ärzte" und "Atzen ohne Grenzen". So wurde die legendäre, in Göttingen berühmt-berüchtigte "Medi-O-Phase" feucht-fröhlich eingeleitet, wie es seit vielen Jahren Tradition ist.

Wir Erstsemester wurden nicht nur von den älteren Studierenden gebührend empfangen, sondern auch vom Studiendekan und der Fachschaft. Der Studiendekan legte uns in seiner Begrüßungsrede ans Herz, dass vor allem Durchhaltevermögen für ein erfolgreiches Medizinstudium unentbehrlich sei. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, was für ein riesiger Berg von Arbeit auf uns zukommen würde. Auch unser Anatomieprofessor hatte nicht ganz Unrecht, als er uns den vielzierten Witz mit dem Auswendiglernen des Telefonbuchs erzählte: Ein Student der Sozialwissenschaften fragt "Warum?", während ein Medizinstudent fragt: "Bis wann?" Dass dies in Wirklichkeit nur ein Klischee ist und dass das Medizinstudium so viel mehr ausmacht als nur stupides Auswendiglernen, sollten wir in unserem ersten Semester auch erfahren.

"Studieren ist, was ihr draus macht!", "Lasst die Überflieger fliegen" und "Im Zweifel immer C ankreuzen!" (Oder war es D?) - diese Sätze sind mir von der Begrüßungsrede der Fachschaft ganz besonders in Erinnerung geblieben. Wir sollten neugierig sein, wie unser Studiendekan es in seiner Begrüßungsrede gesagt hat, neugierig auf unser Fach, auf unsere zukünftigen Patienten und nicht zuletzt auf die Welt, in der wir leben.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Ideale nie verlieren, auch wenn der Studienalltag mit all seinem Stress, dem Prüfungsdruck, dem ständigen schlechten Gewissen und unseren Zweifeln dies oft schwer erscheinen lässt. Schließlich ist das Studium vielleicht die schönste Zeit unseres Lebens! Und Klausuren kann man wiederholen.
Schon Voltaire hat gesagt: Man soll vor allem Mensch sein und dann erst Arzt.

Wer nie jetzt lebt, lebt nie - das sollte nicht nur das Motto jedes Medizinstudenten, sondern auch jedes Studenten und jedes Menschen überhaupt sein!

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