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  • Luise Eberlein
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  • 19.09.2022

Die Hausarztfamulatur – mehr als nur Pflicht

Im Rahmen des Medizinstudiums müssen Studierende von den insgesamt vier Monaten Famulatur auch einen Monat bei einem/einer Hausarzt/-ärztin bzw. einem/einer Arzt/Ärztin in der primärärztlichen Versorgung abzuleisten. Diese Famulatur habe ich in den Sommersemesterferien 2022 bei einem Hausarzt in der Nähe meiner Uni Stadt Gießen absolviert und möchte euch nun hiervon berichten.

 

 

Bevor ich euch nun aber ausführlich erzähle, wie es mir in meiner Hausarztfamulatur erging, soll es erst einmal um die Planung dieser Famulatur gehen. Wann der richtige Zeitpunkt für diese Famulatur ist, das ist wohl jedem selbst überlassen. In Gießen findet zum Beispiel das Blockpraktikum Allgemeinmedizin erst im 9. Semester statt, also relativ spät, und da ich bislang noch nicht so viele klinische Fächer hatte, war mein Plan zuerst die Famulatur bei einem Hausarzt/-ärztin zu machen. Aufgrund der zu kurzen Semesterferien zwischen dem Wintersemester und Sommersemester konnte ich sie nun aber erst jetzt nach dem 6. Semester absolvieren. Ich kenne aber auch viele Studierende, die die Hausarztfamulatur ganz zum Schluss machen, das ist dir persönlich überlassen, wann du sie lieber machen möchtest.

Ich habe mich vorher bei einigen Kommilitonen umgehört, in welche Praxis man am besten gehen sollte. Ein gutes Klima, kein weiter Anfahrweg und ein motiviertes Team waren einige meiner Ansprüche. Bei “kein weiter Anfahrweg” denkt ihr euch jetzt bestimmt: Gibt es denn in Gießen nicht genug Hausärzte/-ärztinnen, da müsste doch der Weg sehr kurz sein. Das ist richtig, aber im Bundesland Hessen wird man aktuell mit 595€ gefördert, wenn man seine Hausarztfamulatur auf dem “Land” absolviert. Also in einer Gemeinde, die unter 25.000 Einwohner hat. Diese Förderung wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, aber gleichzeitig sollte das Geld nicht nur für den Anfahrweg genutzt werden und ich auch die Möglichkeit haben, etwas lernen zu können.

Die beliebten Hausärzte/-ärztinnen waren, als ich mich ca. im Februar/März um einen Platz gekümmert habe, alle schon bis zum nächsten Jahr verplant mit Famulanten. Dank meiner Arbeit im OP in einer Klinik in Gießen und dem Kontakt der Mitarbeiter, habe ich jedoch einen Hausarzt in einer Gemeinde ca. 8 km von Gießen entfernt gefunden. Es handelte sich hierbei um eine Gemeinschaftspraxis, ein Besitzer, ein angestellter Facharzt und eine Ärztin in Weiterbildung. Bis jetzt kann ich euch keine Tipps zum Thema Bewerbung schreiben geben, denn ich hatte auch hier das Glück, dass ich durch den Kontakt eines anderen Kollegen an den Platz gekommen bin und so nur einmal angerufen habe und die Zeit für die Famulatur festgelegt habe.

Eine Woche vor der Famulatur war ich dann auch einmal kurz in der Praxis, um die Unterlagen für die Famulatur Förderung von der KV (Kassenärztliche Vereinigung) Hessen unterschreiben zu lassen. Dabei wurde mir dann auch gesagt: “Am Montag um 8 Uhr da sein, Kittel und Stethoskop mitbringen – und gute Laune”.
Gesagt, getan und so stand ich knapp eine Woche später mit guter Laune in der Eingangstür und habe mich zuallererst bei den MFAs am Eingang vorgestellt mit: “Guten Morgen, ich bin Luise Eberlein, Medizinstudentin und jetzt für 4 Wochen als Famulantin hier in der Praxis”. Ich möchte diese Vorstellung jedem ans Herz legen, der irgendwo für ein Praktikum hinkommt, es wird euch so viel mehr die Arbeit und die Zeit erleichtern, wenn ihr am ersten Tag freundlich auftretet und euch richtig vorstellt.
Daraufhin wurden mir alle Räume gezeigt und ich konnte mich noch schnell umziehen in weiße Jeans, weißes T-Shirt und Turnschuhe sowie einen Kittel. Neben meinem Stethoskop hatte ich auch immer einen Stift, eine Lampe und einen Reflexhammer dabei, die letzten beiden habe ich aber eigentlich nicht genutzt. In meinem Rucksack hatte ich außerdem die Heidelberger Standarduntersuchungen, aber auch da habe ich eher weniger reingeschaut.

Während meiner Zeit waren wir immer zwei Studierende, wir haben uns dann aufgeteilt, wer wo mitläuft oder eben auch mal bei den Blutentnahmen unterstützt, EKGs schreibt oder bei den sehr seltenen Lungenfunktionen zuguckt. Ansonsten ist man bei einem Arzt mitgelaufen und hat die Untersuchungen und Anamnesegespräche miterlebt. Wenn es ein interessanter Fall war, wurden danach schon mal die weiteren Schritte besprochen, wie man bei dieser oder jener Diagnose vorgeht, ansonsten gab es auf jeden Fall mittags die Möglichkeit, noch mal Fragen zu stellen. Wenn ich während eines Gespräches an eine ganz andere Diagnose gedacht habe, habe ich auch spätestens nach dem Gespräch gefragt, warum es das nicht sein könnte oder warum eben diese Untersuchung nicht gemacht wurde. Mir persönlich hilft das auch schon, um vieles zu lernen. Bei den Untersuchungen konnte ich ansonsten auch viel mit abhören oder eben selbst untersuchen. Ist man einen Tag beim Chef der Praxis mitgelaufen, konnte man auch viel eigenständig machen, Patienten ins Zimmer holen, untersuchen, dann den Fall vorstellen und im Anschluss Rezepte oder Krankschreibungen vorbereiten.

Während meiner Famulatur bin ich auch regelmäßig mit auf die Hausbesuche gefahren und konnte mir so davon ein Bild machen. Generell habe ich während der Zeit viel sehen dürfen – von der normalen Erkältung, über Kontrolluntersuchungen, neudiagnostizierte Erkrankungen, akute Situationen und rätselhafte Fälle. Von allem war definitiv etwas dabei.
Dennoch sehe ich mich derzeit nicht als Ärztin in der primärärztlichen Versorgung. Wir brauchen definitiv eine gute und kompetente Grundversorgung hier in Deutschland. Aber sollte ich mich jemals dafür entscheiden, Hausärztin zu werden, möchte ich erst einmal eine Menge Erfahrung in der Klinik sammeln. Zumindest aktuell noch.

Meine Highlights in der Famulatur möchte ich euch natürlich auch nicht vorenthalten: zum ersten Mal Klammern und Nähte selbst entfernen, ein ungewöhnliches Atemgeräusch als erste auskultieren und zuletzt darf natürlich nicht fehlen die Arbeit im Team, dass ich meine Ideen mitdiskutieren konnte und auch das ein oder andere Mal mit meiner Diagnose schon richtig lag.  

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