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  • Miriam Heuser
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  • 03.04.2018

Zwischen Sucht und Suche nach Normalität

30 Tage lang erhält Miriam einen Einblick in die Welt der Substitutionsmedizin – ein Fachbereich, der Menschen einen Weg aus der Heroinabhängigkeit anbietet. Und eine Patientengruppe, mit der man sonst kaum in Kontakt kommt.

 

 

Um kurz vor acht stehen wir zu fünft vor der geschlossenen Praxistüre. Ich, etwas aufgeregt, weil heute der erste Tag meiner Hausarztfamulatur ist. Die vier anderen wirken routiniert. In den folgenden Tagen erfahre ich, warum: Sie sind heroinabhängig und kommen täglich in die Praxis, wo ihre Suchtkrankheit therapiert wird. Wobei – kann man hier wirklich von einer Therapie im Sinne einer Heilung sprechen?


Mir kommen Phrasen wie „staatlich finanzierter Drogenkonsum“, „Rausch auf Kosten der Krankenkasse“ in den Kopf, die ich wohl aus Überschriften provokativer Zeitungsartikel aufgeschnappt habe. Hier in der Praxis hängt niemand berauscht auf einem Stuhl in der Wartezimmerecke. Die Patienten kommen jeden Tag, schlucken ihr Medikament unter Aufsicht, geben einmal im Monat eine unangekündigte Urinprobe ab, sprechen jede Woche mit dem Arzt und gehen wieder – manche zur Arbeit, andere zur psychosozialen Beratung oder zum Arbeitsamt, bei manchen erfahre ich nicht, was sie den restlichen Tag machen.


Ihre Therapie ist extrem zeitaufwändig. Bei welcher Erkrankung gehen Patienten sonst jeden Tag zum Hausarzt, Wochenende inbegriffen? Das restliche Leben muss um die Praxisöffnungszeiten herum organisieren, Urlaube rechtzeitig beim Arzt angefragt werden. Nach spaßigem Partydrogenkonsum sieht der Praxisalltag für mich nicht aus. Eher wie ein ganzes Stück Arbeit.


Zu dritt sind wir im Untersuchungszimmer und versuchen schon seit einer Viertelstunde, irgendwie an genug Blut für eine vollständige Diagnostik zu kommen. Die erfahrene Arzthelferin, der die Patienten bei den Blutabnahmen blind vertrauen, eine Patientin, bei der die letzte Blutentnahme schon so lange her ist, dass sie nervös auf Untersuchungsergebnisse hofft – und ich. Wir können einfach keine brauchbare Vene tasten – Schuld ist jahrelanger intravenöser Heroinkonsum. An den Händen und Armen hat sich ein feines Netz von Kollateralgefäßen ausgebildet, welche die Blutversorgung übernehmen, aber von jeder noch so dünnen Nadel durchbohrt würden.


Wir versuchen es an den Beinen. Stauen, tasten, weitersuchen. Die Venen, die dick genug für eine Blutabnahme wären, sind derb und hart. Eine Reaktion der Gefäße auf die toxischen injizierten Substanzen, erklärt mir die Arzthelferin. Die Patientin überlegt mit, an welchen Stellen sie früher kein Heroin injiziert hat. Sie erzählt, dass manche, deren Standard-Venen unbrauchbar geworden sind, Heroin in die Venen unter der Zunge oder am Hals spritzen. Schließlich gelingt es uns, in Teamarbeit aus einer Vene an der Brust Blut abzunehmen. Die vier vollen Röhrchen fühlen sich wie ein Sieg an.


Ja, die Medikamente, die Heroinabhängige als Ersatz-, also Substitutionsmittel erhalten, sind Opiate, machen dementsprechend abhängig und fallen unter das Betäubungsmittelgesetz. Ein Patient erzählt mir, dass man Straßenheroin schon für 10€ kaufen kann – Heroin sei darin aber nur zu maximal zehn Prozent erhalten. Der Rest werde gestreckt: Mit Talkum, günstigeren Suchtmitteln mit teils gegenteiliger Wirkung, irgendwelchen Pudern. Neunzig Prozent unbekannter Inhalt also, von dem nicht sicher ist, aus was er besteht und welche oft gesundheitsschädliche Wirkung er auf den Körper hat. Ein paar Stunden halte die Wirkung an, bevor die Suche nach dem nächsten Kick weitergeht. Immer getrieben von der Angst, nicht schnell genug das nötige Geld beisammen zu haben, bis die körperlichen Entzugssymptome einsetzen. Beschaffungsdruck nennt der Arzt dieses Verhalten.


Wöchentliches Arztgespräch. Ein Patient sitzt frustriert im Sprechzimmer und erzählt, dass er diese Woche schon bei vier Psychiatern war, weil er sich endlich wegen seiner schweren Depression behandeln lassen möchte. Die Antwort lautet für ihn immer: Kommen Sie wieder, wenn Sie entgiftet sind. Mit einem Ex-Junkie möchte niemand zu tun haben, auch wenn er seit drei Jahren in Substitutionstherapie ist. Er erzählt, wie zufrieden er war, als er zu Beginn seiner Therapie den Substitutionsausweis seiner Praxis erhalten hat. Endlich keine Probleme bei Polizeikontrollen mehr, hat er gedacht. Mittlerweile versteckt er den Ausweis in einem Zweitgeldbeutel: Wenn bei Kontrollen der Substitutionsausweis auffällt, gäbe es nur Probleme.


Ein anderer möchte endlich die Dosis seines Substitutionsmittels senken, bis Ende des Jahres will er clean sein. Er ist noch relativ neu in der Praxis, seit ein paar Wochen erst ist in seinen Urinproben kein zusätzlicher Konsum von Straßenheroin nachweisbar. Der Arzt wiegelt ab, gibt zu bedenken: Ein hoher Blutspiegel des Substitutionsmittels verhindert nicht nur den Entzug, sondern schirmt auch vor dem Craving ab, dem Verlangen nach der Heroinwirkung. Erst, wenn man mehrere Monate lang beikonsumfrei ist, also kein zusätzliches Heroin oder andere Substanzen konsumiert hat, sei es realistisch, nach einer Abdosierung dauerhaft clean zu bleiben. Eine Woche später bedankt sich der Patient für das Gespräch: Seine Dosis wurde noch etwas gesteigert und er meint, dass er endlich nicht mehr ständig ans Konsumieren denken muss und wieder Platz im Kopf für seine Jobsuche hat.


Die in Deutschland zur Substitutionstherapie zugelassenen Medikamente – Wirkstoffe D-L-Methadon, L-Methadon, Buprenorphin oder retardierte Morphine – lösen die Suchterkrankung nicht in Luft auf, die Abhängigkeit bleibt. Aber die Patienten sind abhängig von Stoffen, die sie nur einmal täglich einnehmen müssen, die langsamer als Heroin anfluten und deshalb keinen Rausch und weniger Bewusstseinsveränderung auslösen, bei denen sie im Gegensatz zum Straßenheroin genau wissen, wieviel Wirkstoff enthalten ist, die keine anderen gesundheitsschädlichen Substanzen oder Krankheitserreger enthalten und die von der Krankenkasse bezahlt werden. Und: Sie sind eingebunden in ein engmaschiges ärztliches und psychologisches Betreuungssystem. Sie erhalten die Chance, ihr Leben in der Drogenszene gegen ein geregelteres Leben einzutauschen.


Das schaffen bei weitem nicht alle Patienten. In Gesprächen fällt mir immer wieder die geringe Frustrationstoleranz auf: Probleme auf der Arbeit oder Streit mit der Freundin führen direkt zum Beikonsum. Manchmal, wenn es gerade aufwärts zu gehen scheint und eine Lockerung der Therapieauflagen im Raum steht, kommt just die nächste positive Urinkontrolle. Oder ein altes Verfahren wird wieder aufgerollt, weil sie beim Schwarzfahren erwischt wurden. Selbstsabotage? Pech? Andere versuchen, irgendwie Tabletten mitgehen zu lassen, um sie dann auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, fälschen Urinkontrollen, werden beim Dealen von der Polizei erwischt.


Eine Patientin sagt mit zum Abschied: „Ich hoffe, dass Sie vielleicht ein etwas anderes Bild von Menschen wie uns bekommen haben. Und dass Sie daran denken, wenn Sie später im Krankenhaus einen Junkie behandeln sollen. Wir sind ja auch nur Menschen, die unser Päckchen zu tragen haben.“ Und was für ein Päckchen, denke ich, während ich die Praxistür hinter mir schließe.

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