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  • Daniel Soriano
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  • 02.03.2016

Das Märchen vom Staatsexamen (M2)

Begebe dich in eine Welt voller Fantasie und tauche ein in das Abenteuer Stex.

© Ivonne Wierink / Fotolia.com

Vor langer langer Zeit, in einer weit entfernten Galaxis. So scheint es mir zumindest im Moment. Wie auch immer: es begab sich also zu der Zeit, da sich drei Musketiere aufmachten, das böse Monster Stex zu bezwingen. Man nannte das Ungetüm auch Staatsexamen, Freizeittöterin, Lebenszeitfresser oder Erwürgerin des Täubchens meines inneren Friedens.

Die drei Musketiere hatten unterschiedliche Waffen, mit denen sie dem Monstrum zu Leibe rücken wollten: Da war zuerst der Schmied, der täglich seine Waffen auf dem Amboss hämmerte - im Schweiße seines Angesichtes sollte das Biest seinem geschärften Verstand zum Opfer fallen.
Der zweite Recke war der Sprinter - so flink und ausdauernd hatte er trainiert, dass ihn kein Ungetüm jemals fangen würde. Und zu guter letzt: Allex, der Umfassende. Also ich. Also - das ist ne Metapher. Ein metaphorisches Märchen also.

Jene Helden aber fürchteten sich vor der Begegnung und trainerten hart, jeder auf seine Weise, jeder überzeugt, dass seine Methode die richtige sei. Verbissen erklärten sie ihren Kampfgefährten, welche Fortschritte sie gemacht und welche Zwischenhürden sie hatten meistern können. Verbittert bemerkten sie dabei, dass die jeweils anderen anscheinend immer einen Schritt voraus waren. Der Schmied bemerkte, dass ihm ein wenig Auslauf gut tun könnte und der Sprinter und Allex wollten sich an der gemütlichen Glut wärmen. Da die Rittersleut einen gemeinsamen Feind hatten, trösteten sie sich in stiller Umarmung über aseptische Knochennekrosen der Fußknöchelchen, Klassifikationssysteme der rheumatologischen Erkrankungen und genetischen Irrgestalten hinweg. Es erwuchs eine wunderbare Freundschaft.

Schon bald war eine Brücke zwischen den Inseln der Inneren und der Chirurgie geschlagen und die gewaltige Kluft der sechzig Hundertstel überschritten. Von hier aus ging es steil bergauf. Unnützer Ballast, wie soziale Kontakte, sommerliche Schwimmbadbesuche und Intimrasur wurden über Bord geworfen und schon hing unsere Abenteuergruppe am 70%-Felsen.

Von dort war die Aussicht gigantisch: Die Felder der Unwissenheit waren links liegen gelassen, der Flickenteppich der einzelnen Fächer wandte sich von Picassos Guernica zu Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle. Hier verwoben sich die Einzelstücke zu einem Teppich des Verständnisses und unser Herz begann im Rhythmus der Medizin zu pulsieren. Es ertönte ein dramatischer Trommelwirbel aus dem Off.

Nach 80 Tagen ohne Schlaf begann der Endspurt, die Kletterpartie zu den höheren Lagen, hinauf bis zur Burg, wo die Abscheulichkeit lauerte, wo Fallen die Wege spickten, wo einladende Obstbäume von Gift durchflossen waren. Der Schmied sprang den Weg hinauf von einem großen Meilenstein zum nächsten, wohingegen ich als Allex Umwege bevorzugte und so hier und dort geschickt auch kleine Gedankenvorsprünge nutzte. Der Sprinter tat sein übriges und hielt stets mit uns beiden Schritt.

Dann – nach Tagen der Plackerei kamen sie auf dem Hochplateu der 90% an. Der Ort, von dem sie aufgebrochen sind, wirkte fern und surreal. Einstige Freunde verblassten am Horizont. Menschliche Bedürfnisse verspürten wir nicht mehr. Es zählte nur noch das hier und jetzt. Vor uns ragte ein Schloss in die Höhe, mit tausend Türmen und abertausend hell erleuchteten Fenstern. Auf einem Balkon stand eine Prinzessin und winkte uns Rittern zu: „Wer das Glück hat, mich zu befreien, der darf mich als Freier beglücken!“ So verstanden wir Recken sie zumindest in unserer Trance. Wir hetzten ohne Halt in die Burg.
Doch, oh weh - eine Falle! Die Prinzessin entpuppte sich als Skylla und Charybdis zugleich. Ihre Augen so groß wie MRT-Geräte, die Zähne so scharf wie Skalpelle, die Krallen hyperkeratotisch.

Der Schmied warf sogleich einen scharfkantigen Lernkarten-Shuriken nach dem anderen, doch die Prinzessin wich gekonnt mit mehreren Flick-Flacks aus. Im Vorbeihuschen schaffte ich es, ihr mit dem Allex eins überzuziehen – sie strauchelte, fiel. Harr! Wir stürzten uns in den Nahkampf. Blut spritzte. Wir hatten glücklicherweise Latex-Handschuhe dabei. Eiter floss in Strömen. Wir drainierten und behandelten antibiotisch. Knochen brachen. Wir nutzten winkelstabile Platten. Fast geschafft, wir triumphierten! Denkste – das Monster gebar im Eifer des Gefechts Drillinge, die mit Masern, Mumps, Röteln, Varizellen, Keuchhusten, Polio, Diphterie, HIV, HAV, HBV, HCV, EBV, CD, DVD, HIFI und MFG infiziert waren.
Es war ein Gemetzel. Als der Abend dämmerte und ein blutroter Mond aufging, erkannten wir: wir hatten überlebt.

Doch es bleibt noch eine Aufgabe. Wir wischten uns gegenseitig die Gedärme aus dem Gesicht, um die Prophezeiung zu erfüllen: „Nehmt die Zähne des Drachens und bestellt damit ein Feld!“ Wir taten, wie es uns befohlen war. Doch welch Unglück erblickte unser Auge? Aus jedem einzelnen der Zähne erwuchs ein Krieger, ein schrecklicher Haufen bewaffneter Soldaten, die sofort begannen, sich gegenseitig totzuschlagen. Übrig blieb allein der stärkste und größte und mächtigste und schrecklichste und grausamste und fürchterlichste und mit weiteren Adjektiven zu belegende. Dieser starrte uns mit seinen blutleeren Augen an.

„Wer seid ihr, Finsterlichkeit?“, fragte ich.

„ICH“, sprach die Gestalt, „ICH BIN DIE M3, MUAHAHAHA!“

„NEEEEEIIIIINNNN!!!“, schreie ich. In Zeitlupe versteht sich.

 

* Der Autor beteuert, dass sich dies alles genau in jener geschilderten Weise zugetragen haben soll. Du glaubst es nicht? Begib dich selbst auf die Reise…

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