Zurück zu Erlangen
  • Artikel
  • |
  • Petra Ludwig
  • |
  • 27.10.2021

Sag mal, du studierst doch Medizin ...?

Petra hat gerade erst mit dem Medizinstudium begonnen und wird jetzt schon gelöchert mit Fragen zu Gesundheit und Medizin. Wie sie damit umgeht und was sie antwortet, erzählt sie hier.

 

 

Wir schreiben das Jahr 2020. Die Zeit, bis mein erstes Semester des Medizinstudiums begonnen hatte, kam mir endlos vor. Nun war es endlich soweit! Es gab viele Dinge zu erledigen und viele Dinge zu lernen: den (virtuellen) Vorlesungsraum finden, Bücher kaufen, Klausurtermine abchecken, Anatomie lernen – und meiner Oma erklären, dass ich eben noch nicht Ärztin bin.


Dabei ist es ehrlich gesagt nicht nur meine Oma, die alles zur Medizin wissen möchte, auch meine Eltern, Freunde und Kollegen sehen mich auf einmal anders; sogar meine Katze scheint mich mit höheren Erwartungen zu bedenken als noch vor zwei Wochen (wenn du ein Haustier hast, weißt du wahrscheinlich genau, was ich meine).


Meine Oma fragt mich, was ich davon halte, dass sie da unten an der Lendenwirbelsäule jeden dritten Dienstag dumpfe Rückenschmerzen hat. Mein Kollege aus dem Rettungsdienst möchte gezeigt bekommen, wie man auf einem EKG einen kompletten Linksschenkelblock erkennt und ihn von einem partiellen unterscheiden kann. Dann will mein Freund wissen, wie Sildenafil wirkt. Und jede – und damit meine ich jede – dieser Fragen beginnt mit: „Sag mal, du studierst doch Medizin …“


Es dauert nicht lange und ich habe die Nase irgendwie voll. Klar ist es cool, Medizin zu studieren und solche Sachen gefragt zu werden, aber ich bin einfach völlig überfordert! Woher um alles in der Welt soll ich solche Sachen denn wissen? Niemand hat mir bisher erklärt, wie Rückenschmerzen entstehen, von EKGs verstehe ich nur die aller aller grundlegendsten Grundlagen aus dem Rettungssanitäter-Kurs und Sildenafil muss ich auch erst mal googeln (damit du es nicht tun musst: es ist Viagra). Ich habe im Studium gerade mal gelernt, was der Unterschied zwischen einem einreihigen und einem mehrreihigen Epithel ist …


Ok, einmal tief durchschnaufen. Es hilft ja nichts, nur weil ich heillos überfordert bin, heißt es ja nicht, dass weniger Menschen etwas von mir wissen wollen. Und außerdem würde ich ja super gerne eine einfache Antwort geben. Es fühlt sich echt gut an, mal etwas angeben zu können und das auch zu dürfen!
Also: Was antworte ich jetzt auf all diese Fragen und Bitten um Erklärung? Erst mal unterscheide ich, ob jemand etwas Medizinischer erklärt haben möchte, oder ob er mich um medizinischen Rat fragt.
Wenn mich mein Freund aus Interesse fragt, wie denn jetzt Sildenafil genau wirkt, kann ich ihm entweder direkt eine Antwort geben oder schlage das ganze einfach nach. Ein Wort der Warnung: Derartige Dinge nachzuschlagen kann schnell ausarten. Erst will ich wissen, wie das Medikament wirkt, daraufhin verstehe ich die geschilderten Abläufe dann aber doch nicht so genau, schlage in einem Buch nach, suche mir eine Grafik heraus, werde im Internet weitergeleitet auf die Seite der glatten Gefäßmuskulatur und ich verstricke mich immer tiefer im unendlichen Netz des potenziellen Wissens. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung, wenn man etwas nicht direkt für die Uni lernen muss, ist mit einem Mal alles interessant. Letztlich fühle ich mich aber nicht schlecht, wenn ich einen genauen Mechanismus nicht erklären kann (Ärzte können das doch auch nicht alles einfach aus dem Ärmel schütteln, oder? Hoffe ich...), oder einen medizinischen Rat nicht geben kann.
Von vielen Dingen kann ich auch einfach noch gar keine Ahnung haben, weil ich ja in einem traditionellen, in Vorklinik und Klinik unterteilten, Studiengang studiere. Gleichzeitig wäre meine Oma extrem enttäuscht, wenn ihr liebes Enkelkind ihr nicht helfen kann.

Was tun? Zum Glück weiß ich dank meines gesunden Menschenverstandes ein bisschen etwas über den menschlichen Körper und andererseits hilft mir meine Rettungssanitäter-Ausbildung sehr dabei einzuschätzen, ob ein Problem jetzt sofortiger Aufmerksamkeit von einer Ärztin/ einem Arzt bedarf, oder ob das alles noch ein bisschen warten kann. So oder so, muss ich leider immer wieder meiner Oma erklären, dass ich (noch) keine Ärztin bin und sie für jede zuverlässige Antwort ihren eigenen Arzt fragen muss, selbst wenn ich ihr empfehlen kann, bei Rückenschmerzen je nach Befinden zu kühlen oder zu wärmen, um den Schmerz auch ohne Medikamente zu lindern.


Mittlerweile habe ich mich an die ganzen Fragen gewöhnt und auch daran, dass ich (noch) nicht alles wissen kann, selbst wenn ich es mir wünsche. Gleichzeitig studiere ich nun auch schon im vierten Semester Medizin und habe fachlich einiges dazugelernt! Immer öfter kann ich auch mal mein Wissen anwenden, wie zum Beispiel bei meiner Mutter, als sie Anfang des Jahres wegen ihrem schlecht einstellbaren Bluthochdruck öfter beim Hausarzt ist und mir eines Tages einen Laborbericht vorlegt, den ich mir mal anschauen soll. Wie diese Geschichte weitergeht, erzähle ich dir im zweiten Teil.

Mehr zum Thema

Artikel: Mister Conn, meine Mutter und ich

Artikel: Wie schwer ist das Medizinstudium wirklich?

Artikel: Von Lockdown und Einsamkeit

Schlagworte