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  • Carina Feichtlbauer
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  • 12.01.2021

Medizinstudium – und das war's dann mit der Freizeit?

Das Medizinstudium gehört zu den anspruchsvollsten und zeitintensivsten Studiengängen überhaupt. Das hört man an jeder Ecke. Im nächsten Satz wird dann oft erwähnt, dass man sich direkt von seiner Freizeit verabschieden könne. Ab Studienbeginn kann man jeglichen Sport, Hobbys und Aktivitäten mit Freunden abschreiben. Stattdessen wird die Bibliothek deine zweite Heimat. Aber wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Klischees?

 

Zuallererst einmal: Medizin ist wirklich ein zeitintensives Fach, das lässt sich nicht schönreden. Wenn du dich dafür entscheidest, wirst du sicherlich in Summe einige Stunden mehr in der Bibliothek verbringen als deine Freunde aus anderen Fachrichtungen. Während man in anderen Fächern oft erst kurz vor der Klausurphase richtig mit dem Lernen anfängt, ist in der Medizin mehr Durchhaltevermögen gefragt. In der Vorklinik ist kontinuierliches Mitlernen des Stoffes beinahe unumgänglich.


Aber was hat ein Medizinstudierender während des Semesters überhaupt wirklich zu tun?
Ich werde das 2. Semester als Beispiel nehmen, weil es allgemein als sehr zeitintensiv beschrieben wird.  
Im 2. Semester stehen 4 Fächer auf dem Plan: Anatomie - der gefürchtete Präpkurs -, Histologie, Physiologie und Biochemie.


Es gibt in jedem Fach Vorlesungen, bei denen es sich wirklich lohnt, dabei zu bleiben. In Anatomie und Histologie sind das pro Woche in etwa 4 Vorlesungen, die meistens ca. 45 Minuten dauern. In Biochemie und Physiologie gibt es dagegen nur eine Vorlesung pro Woche.


Im aktuell rein online stattfindenden Semester ist hier aber der Vorteil, dass die meisten Vorlesungen voraufgezeichnet sind und man sich die Zeit für diese selbst einteilen kann. Das bedeutet: man muss nicht in jedem Fach dauerhaft up-to-date bleiben, sondern kann sich in stressigen Phasen auch einmal kurzzeitig auf einzelne Fächer konzentrieren.  


In Anatomie und Physiologie gibt es zusätzlich anwesenheitspflichtige Seminare über Zoom, in denen man in Kleingruppen die Themen der Woche noch einmal bespricht. In Anatomie sind es normalerweise zwei pro Woche, in Physiologie dagegen nur eines alle zwei Wochen. Diese sind zwar meistens sehr aufschlussreich, jedoch muss man dadurch stofftechnisch auch immer am Ball bleiben, um dem Seminarleiter folgen zu können.
Dazu kam noch die Zeit im Präpsaal, in dem man an einem Körperspender die anatomischen Strukturen in natura lernen darf. Dieser nimmt - in seiner wegen Corona eingeschränkten Form - pro Woche vier Stunden in Beschlag.


Und neben den ganzen Veranstaltungen müssen natürlich – ganz dem Klischee nach – diverse Fakten, Strukturen und Formeln mehr oder weniger stur auswendig gelernt werden.


Man hat also einiges zu tun während des Semesters. Aber was heißt das in Zahlen?


Zunächst noch einmal zu den Rahmenbedingungen: Mein Studium startete während des Corona Lockdowns, also komplett online. Dadurch gab es bis auf den Präpkurs im 2. Semester keine Pflichtveranstaltungen in Präsenz. Es war also sehr viel leichter sich die Vorlesungen und seine Zeit selbst einzuteilen.


Die individuelle Lernzeit ist sehr unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab. Entscheidet man sich dazu alle Vorlesungen anzusehen? Lernt man alles direkt mit oder schiebt man es mehr oder weniger bis zur Klausurphase auf? Will man auch die kleinsten Details beherrschen oder konzentriert man sich auf das große Ganze?


Es ist also nicht leicht den genauen zeitlichen Lernaufwand zu nennen, da jeder anders an die Sache herangeht. Meine persönliche Erfahrung ist aber, dass 3-4 Stunden am Tag konzentriertes Lernen inklusive Vorlesungen ausreichen. Die Zeit im Präpsaal habe ich hier nicht miteinberechnet. Kurz vor Klausuren oder Testaten kann sich die Zeit auch auf 5 h oder mehr am Tag erhöhen. Diese kurzen, sehr arbeitsintensiven Abschnitte findet man aber in fast jedem Studium. Natürlich gibt es auf der anderen Seite auch oft Tage, an denen überhaupt nicht gelernt wird.


Das klingt nicht gerade nach wenig. Die täglichen 8 Stunden in der Bibliothek sind aber nicht mehr als ein großes Vorurteil. Kaum jemand kann sich so lange am Stück konzentrieren, auch nicht die klischeebehafteten Medizinstudenten.


Wenn also in normalen Phasen in etwa 3 Stunden für Lernen geblockt werden müssen, was passiert dann mit der restlichen Zeit? Genau: Du kannst deinen Hobbys nachgehen, Freunde treffen, auf Partys gehen und all das tun, was dir laut den gängigen Medizin Klischees eigentlich überhaupt nicht mehr möglich ist.


Denn alle meiner Kommilitonen haben ein Sozialleben, treffen Freunde, machen Sport, viele arbeiten nebenher, einige haben sogar schon Kinder und müssen sich um diese kümmern. Das alles wäre nicht möglich, wenn das Medizinstudium ihre komplette Zeit fressen würde.


Die entscheidenden Punkte, um trotz eines Medizinstudiums seine Freizeit genießen zu können, sind gutes Zeitmanagement und zu den richtigen Zeiten die richtigen Prioritäten zu setzen.

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