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  • Beyza Saritas
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  • 14.02.2022

Warum die Klinik nicht besser ist als die Vorklinik

Das Physikum, die ärztliche Zwischenprüfung, gilt als krönender Abschluss der stressigen Vorklinik. Doch was kommt danach? Unsere Lokalredakteurin Beyza berichtet, wie sie den Einstieg in die Klinik empfunden hat.

 

 

„Nach dem Physikum wird alles besser.“ Oder: „Wer das Physikum besteht, der wird auch Arzt.“ Solche und ähnliche Aussagen habe ich im Laufe meines Studiums nicht nur einmal gehört. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich nicht manchmal an diesen Hoffnungsschimmer geklammert habe. Die Vorklinik war zweifelsohne eine Achterbahnfahrt mit ihren Höhen und Tiefen. Bereits im ersten Semester hat mich das Studium teilweise an meine persönlichen Grenzen gebracht. Ich musste erst einmal verdauen, wie es ist, wenn Lernstrategien aus der Schule nicht funktionieren, und man plötzlich nicht mehr der Überflieger, sondern einer unter vielen fleißigen Studierenden ist. Dazu haben sich noch zahlreiche Gerüchte rund um den Schrecken der Vorklinik, das Physikum, gerankt. Zwischen Ursprüngen und Ansätzen, Histobildern, die für mich alle nur Pink waren, und chemischen Formeln, die aussahen wie chinesische Schriftzeichen, überwand ich das erste Semester.

Am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen, mein verzweifeltes Ersti-Ich fest an den Schultern packen und wieder zu Verstand schütteln. Aber wer hätte schon wissen können, dass man nicht den PROMETHEUS und die Duale Reihe auswendig lernen muss, um das erste Semester zu bestehen? Vor kurzem noch habe ich ein Mädchen in der Bib gesehen, voll bepackt mit zig Anatomiebüchern, und mich beim Schmunzeln ertappt. Sollte ich sie darauf hinweisen, dass sie all das nur als Deko und nicht zum Lernen braucht? Ich glaube, ich wäre, selbst wenn es mir jemand ausdrücklich gesagt hätte, den gleichen Weg gegangen. Nach dem Motto: Mehr ist mehr. Im Medizinstudium muss man doch unglaublich viel lernen? Dass dies nicht stimmt, musste ich am eigenen Leibe erfahren, als ich gemerkt habe, dass mein Lernaufwand überproportional im Gegensatz zu meinen Leistungen ist. Manchmal muss man halt selber hinfallen, seine eigenen Fehler machen, um an diesem Studium wachsen zu können –  und das wird man zweifelsohne.

Gefangen in meiner Vorklinik-Blase hatte ich besonders am Anfang des Studiums das Gefühl, dass ich neben dem Studium kein richtiges Leben mehr führen könnte. Mein ganzes strukturiertes Leben fiel in sich zusammen, vor allem da mir als Pendlerin noch mehr Zeit fehlte als meinen Kommilitonen. Neben Uni-Veranstaltungen bis 18 Uhr wusste ich nicht, wann ich jemals die Zeit zum Lernen finden sollte, geschweige denn Zeit für Familie und Freunde. Allen, die sich aktuell in solch einer Phase befinden, kann ich nur raten, erst einmal tief Luft zu holen: Die Erfahrung von sieben Semestern Studium zeigt, dass es möglich ist, zu studieren und zu pendeln, Zeit für Freunde und Familie und vor allem für sich selbst zu haben.

Ich weiß nicht, wann und wie so viel Zeit vergangen ist, dass ich bereits an der Schwelle zum achten Semester stehe. Es fühlt sich so an, als hätte jemand in den letzten vier Jahren mein Leben in 1,75-facher Geschwindigkeit abgespielt. Mein bisheriges Studium gleicht einem Screencast, in welchem der Dozent viel zu schnell spricht, aber man trotzdem verzweifelt versucht etwas zu verstehen. Zuhören in normaler Geschwindigkeit will man natürlich nicht, denn dann würde ja alles länger dauern als ohnehin schon.

Lange Rede kurzer Sinn: Drei Jahre Studium sind vergangen wie im Flug. Plötzlich klopfte das Physikum an der Tür und ich fühlte mich im Hinblick darauf genauso unvorbereitet wie ein Kind, das die Vokabeln für einen Überraschungstest nicht parat hat. In ca. 40 Tagen den ganzen Stoff der drei vorklinischen Fächer Anatomie, Biochemie und Physiologie plus ein ausgelostes klinisches Fach (Pharmakologie/Pathologie/Mikrobiologie) zu lernen, schien schier unmöglich und war ganz sicher kein Zuckerschlecken.


Ich weiß noch, wie ich – kurz vor der Physikumsprüfung – am Rande der Verzweiflung zahlreiche Foren und Webseiten nach Erfahrungsberichten abgesucht habe, wie die Klinik wird, statt meine Zeit zum effektiven Lernen zu nutzen. Meine Fähigkeiten zum Prokrastinieren habe ich in den letzten Jahren definitiv ausgebaut. Auch, wenn ich in zahlreichen Erfahrungsberichten las, dass die Klinik nicht wesentlich besser wird als die Vorklinik, sondern interessanter, wollte ich dem keinen Glauben schenken. Stattdessen glaubte ich fest hieran: „In der Klinik wird alles besser.“

Endlich den Patientenkontakt haben, der uns durch Corona bisher verwehrt geblieben war. Endlich einen Patienten nicht durch den Bildschirm sehen, sondern von Kopf bis Fuß untersuchen. Endlich spannende klinische Fächer, nachdem ich mich, wie viele andere, mit Chemie und Physik quälen musste. Hinfiebern auf Klinikluft, weiße Kittel. Plötzlich als Kollegin gelten und nicht als Studentin. Das erste Semester als cand. med. ist nur vor sich hingeflossen; drei weitere Semester warten noch auf mich, ehe es nächstes Jahr hoffentlich ins PJ geht.

Doch wird in der Klinik alles besser? Für mich gewiss nicht, aber definitiv anders. Wobei ich denke, dass es gar nicht unbedingt an den unterschiedlichen Fächern und dem Patientenkontakt liegt, sondern an meiner Sicht auf die Dinge. Mein verzweifeltes Ersti-Ich ist zu einem gelassenen Achti-Ich geworden und an diesem Studium gewachsen. Mein Umgang mit dem Studium ist besser geworden. Man muss und wird niemals alles können; das erwartet aber auch keiner. In einigen Dingen vermisse ich die Vorklinik sogar: Die Lehre war organisierter, die Dozierenden im Durchschnitt motivierter. In der Klinik findet man viele Ärzt*innen, die teils sehr gestresst, teils unmotiviert sind – wobei auch dies nicht die Regel sein muss.

Erstaunlicherweise erzählt mir jedes Semester jemand, dass die kommende Klausur oder der Studienabschnitt besonders „anstrengend“ seien, aber danach würde „alles besser“. Dieser Glaube hat mich zwar von Semester zu Semester gebracht, aber auch habe ich gemerkt, dass dem nicht so war. Wenn es eins gibt, was ich meinem verzweifelten Ersti-Ich sagen würde, wäre es: Genieße das Studium in jedem Abschnitt, statt darauf zu warten, dass es besser wird – alles hat seine Höhen und Tiefen, schönen und schlechten Seiten. Die Klinik ist nicht besser als die Vorklinik.

 

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