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  • Text und Foto Beyza Saritas
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  • 17.08.2022

Über die schönen Momente im Studium

So anstrengend das Medizinstudium auch sein mag, so viele schöne Seiten hat es auch. Beyza erzählt, welche tollen Momente ihr das Studium beschert haben und in ihrer Studienwahl immer wieder bestätigen.

 

"Du schreibst nur über die Dinge, die dich stören und kritisierst ständig das Medizinstudium." Mit dieser Aussage konfrontierte mich vor Kurzem mein Bruder, der – wie einige meiner Freunde – zumeist meine Artikel Korrektur liest, bevor ich sie an den Thieme Verlag schicke und damit dem Urteil der Öffentlichkeit aussetze. Seit etwas mehr als vier Jahren schreibe ich bereits als Lokalredakteurin für die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Ich bin dankbar für die Plattform, die mir hiermit geboten wird und auf der ich meine Gedanken und Erlebnisse niederschreiben kann. Eigentlich führe ich hier eine Art digitales Tagebuch, nur, dass vermutlich der ein oder andere Mitstudierende mitliest und sich vielleicht sogar in meinen Worten wiederfindet.

Ich habe einige Zeit über diese Aussage nachgedacht und musste mir nach anfänglichem Kopfschütteln dann eingestehen, dass sie doch irgendwie stimmt. Meine Sicht auf das Medizinstudium hat sich gewandelt, und damit auch die Zeiten, in denen ich von diesem Studium geschwärmt und es in den schönsten Worten in meinen Artikeln verpackt habe. Mittlerweile mag ich die rosarote Brille abgelegt und der Realität ins Auge geblickt haben, und dennoch gibt es vermutlich nichts, was ich lieber studieren würde. Deswegen habe ich in diesem Artikel meine bisher schönsten Momente für meine Leser:innen zusammengefasst.

 

Die Zulassung

Alles im Leben hat zumeist einen Beginn und ein Ende. Auch wenn ich noch nicht am Ende meiner Reise angekommen sein mag, so hat alles seinen Beginn mit einer E-Mail gefunden, die sich unscheinbar in meinem überfüllten E-Mail-Postfach versteckt hat. Nachdem ich über die Abibestenquuote keinen Platz erhalten habe, weil es zu viele Bewerber mit dem selben Abischnitt gab, war das Warten auf das AdH-Verfahren wahrlich eine Geduldsprobe. Ich habe mitten im Pflegepraktikum gesteckt, wie eine Verrückte ständig meine Mails gecheckt und auf diese eine erlösende E-Mail gewartet, das Ticket ins Medizinstudium, auf das ich so lange hingearbeitet hatte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die kommenden Jahre einer Achterbahnfahrt gleichen würden, aber ich wusste, dass ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen hatte, dessen leere Seiten ich nun füllen würde.
 

Das Pflegepraktikum

Ich weiß, dass das Pflegepraktikum ein leidiges Thema ist und uns die ein oder anderen Semesterferien raubt, die wir dringend bräuchten, um uns vom Semesterstress zu erhohlen. Auch, wenn ich bestimmt kein Fan von dem Konzept Pflegepraktikum bin, dass ich größtenteils Kaffee-kochend und Betten-beziehend – fernab vom Patienten – verbracht habe, war es doch eine prägende Zeit, an die ich mich mal mehr, mal weniger gerne zurückerinnere. Ich habe mein Pflegepraktikum vollständig vor dem Studium abgeleistet – rückblickend eine sehr gute Entscheidung – und war quasi zum ersten Mal in meinem Leben in einem Krankenhaus tätig. Der erste Einblick in meinen späteren Arbeitsbereich hat mich mit so Eindrücken überflutet, die ich in meinen ganzen 18 Jahren davor nicht gewonnen habe.

 

Meine erste OP

Selten war ich so aufgeregt, wie ich es das erste Mal im OP war. Da ich mein Pflegepraktikum größtenteils in der Thoraxchirurgie abgeleistet habe, durfte ich nach einiger Zeit auf Station auch ab und zu mit in die OPs gehen. Vor der ersten OP-Erfahrung habe ich vor Aufregung keinen Bissen herunterbekommen – nicht empfehlenswert! – und konnte kaum wahrhaben, was da auf mich zukommen würde, da meine bisherige OP-Erfahrung größtenteils aus Serienwissen bestand. Das erste Mal zu sehen, wie ein Skalpell über die Haut glitt, der Thorax eröffnet, eine Lunge lobektomiert und Hautschichten zusammengenäht wurden, war eine Erfahrung, die sich wahrlich nicht einfach in Worte fassen lässt, aber sich tief in meine Gedanken eingebrannt hat.
 

Die erste bestandene Klausur

Von der Schule in die Uni – vermutlich war das eine der größten und prägendsten Veränderungen in meinem bisherigen Leben. Am mitunter befremdlichsten fand ich es, nicht mehr im gleichen Klassenzimmer mit den Leuten zu sitzen, die ich seit der fünften Klasse kenne. Zu dem neuen Umfeld hinzu kam die Fülle an Wissen, die mich zu erschlagen drohte und die gefühlt nie weniger wurde. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, wie wenig ich gelernt hatte und wie viel mehr ich noch lernen sollte. Die erste Klausur im Medizinstudium war spannend, besonders, und sie zu bestehen vielleicht auch ein Zeichen, dass man dort angekommen war, wo man ist.

 

Das Physikum

Der Schrecken der Vorklinik suchte auch mich, ebenso wie meine unzähligen Kommilitoninnen und Kommilitonen am Ende des dritten Studienjahres heim. Selten habe ich derartig Respekt vor einer Prüfung gehabt. Eine Prüfung, die entscheiden sollte, ob ich weiter studieren kann, eine Prüfung, die zeigen sollte, ob ich genug gelernt hatte, um auf Patienten losgelassen zu werden. Der Sommer 2021 war wahrlich nicht der schönste meines Lebens und ich würde ihn auch ungern erneut erleben wollen. Aber das Ziel – die Klinik – war zum Greifen nahe und die Mühen wert.

 

Die Klinik

Nach dem Physikum hieß es: Hallo Klinik, hier bin ich! Ausgestattet mit Stethoskop und Kittel habe ich mich dem Arztsein selten so nah gefühlt, um dann zu merken, dass ich wegen der Corona-Pandemie höchstens Patientenkontakt durch den Bildschirm haben werde. Auch, wenn wir durch den Modellstudiengang in Düsseldorf bereits sehr früh Patientenkontakt haben, war der Eintritt in den klinischen Studienabschnitt besonders. Schließlich heißt es ja bekanntlich: “Wer das Physikum besteht, der wird Arzt!”

 

Die erste Geburt

Eine meiner Famulaturen habe ich in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe absolviert. Auch, wenn ich in diesem Leben vermutlich eher keine Gynäkologin werde, behalte ich diese Famulatur sicherlich stets als prägend in Erinnerung. Oft habe ich durch mein Pflegepraktikum oder die Famulaturen mitbekommen, wie ein Mensch diese Welt verlassen hat. Während meiner Famulatur in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe durfte ich Zeuge davon werden, wie ein neues Leben auf die Welt kam. Das erste Schreien eines Babys findet definitiv Platz auf der Liste meiner Highlights des Medizinstudiums.

 

Meine Freunde

Medizin zu studieren ist schön, aber nur halb so schön ohne die richtigen Menschen. Die meisten meiner Freunde habe ich tatsächlich am Anfang meines Studiums kennengelernt, teilweise sogar in der Straßenbahn auf dem Weg zur ersten Vorlesung. Leute zu haben, die verstehen, was man durchmacht, die sich mit einem freuen und mit einem bangen, ist vielleicht sogar das Wichtigste, was ich im Verlauf des Studiums mitnehmen konnte.

Ich könnte diese Liste bestimmt noch ewig fortsetzen, weil es viele Dinge gibt, die ich als selbstverständlich angesehen habe und die doch so bedeutungsvoll für mich waren. Auch, wenn ich meinen kritischen Blick auf dieses Studium vermutlich nicht verliere, sind es doch die schönen Momente, die meine Leidenschaft für die Medizin entfachen, mich aus meinem Motivationsloch holen und aufgrund derer es mehr als Wert ist, die ein oder andere Strapaze über sich ergehen zu lassen.

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