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  • Bericht
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  • Robin Charlotte Rätz
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  • 11.08.2014

Vom Stolpern und der heilsamen Wirkung gebrochener Beine

Das Medizinstudium ist kein Zuckerschlecken. Was, wenn du die Ansprüche nicht erfüllen kannst? Robin erzählt, welche Möglichkeiten es gibt, Rat und Hilfe zu bekommen.

 

Medizinstudentin - Foto: istockphoto

Foto: istockphoto

 

Endlich, endlich ist sie da: die Zusage der ZVS! Das Medizinstudium kann kommen! Egal welchen Weg du in dieses Studium gewählt hast, die Ansprüche an dich selbst sind hoch, die Spannung bereits vor Studienstart spürbar. Dann kommt die OE (Orientierungseinheit) und wenn es so läuft wie bei mir, dann fühlst du dich bereits nach wenigen „orientierenden Einheiten“ wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg.

Denn neben lustigen Kennenlernspielen, Kleiderketten und dem OE‐Grillen stehen bereits die ersten exemplarischen Vorlesungen auf dem Plan. Sicherlich hat die Uni die spritzigsten Koryphäen ihrer Institute nur für euch eingeplant; der Trost hingegen ist schwach im Angesicht der ganzen Fachtermini, die medizinisch Gebildete so beiläufig in ihre Geschichten einbauen, als sei es das Normalste der Welt. Doch statt zu verzweifeln solltest du dich entspannt zurücklehnen und auf einen der wohl sinnvollsten Mechanismen des menschlichen Miteinanders vertrauen: die Fähigkeit zur Assimilation. Bei mir hat es beim Wechsel vom dritten ins vierte Semester geschnackelt: ich fühlte mich zugehörig, mit einem Mal angekommen, war endlich im Flow.

Doch was ist, wenn sich der Knoten einfach nicht lösen will? Wenn die Spannung statt ab immer weiter zunimmt? Die Ansprüche nicht erfüllt werden und sich eine Kluft auftut zwischen dir und deinen Kommilitonen? Oder wenn äußere Umstände plötzlich dringlicher werden als das so lang erstrebte Studium?

Zunächst einmal gilt es Ruhe zu bewahren: es gibt für alles eine Lösung und der Weg geht auch hinter einem Stolperstein nachweislich noch weiter! Du stehst, auch wenn du dich manchmal so fühlen magst, nie allein mit deinen Bedenken, Sorgen und Problemen. Vielleicht gibt es sogar Kommilitonen, die gerade eine ähnliche Phase durchmachen. In jedem Falle kannst du davon ausgehen, dass du weder der Erste, noch der Einzige und erst recht nicht der Letzte sein wirst, der im Medizinstudium strauchelt. Nimm dir Zeit und überdenke deine Möglichkeiten:

• Du kannst jederzeit mit Freunden, deiner Familie und Kommilitonen sprechen und dir Rat von außen holen; manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Unter Umständen hilft es dir schon, wenn du deine Gedanken in Worte fasst und damit „nach außen verlagerst“.

• Möchtest du erst einmal anonym bleiben, dann bieten sich verschiedene Anlaufstellen deiner Uni an. An der Charité gibt es bspw. Medi Coach: das sind ausgebildete Psychologen, die sich anonym und kostenlos Zeit für dich und deine Sorgen nehmen und dich bei Bedarf auch längerfristig unterstützen. Unter Umständen ist die Frauenbeauftragte zuständig, evtl. auch das Familienbüro. Oder ProMediKids. Sieh dich einmal um auf der Website deiner Uni, google nach „psychologischer Studienberatung“ und scheue dich nicht aktiv nach Ansprechpartnern zu suchen. Alternativ lohnt sich das Eintragen der eigenen Emailadresse in den Univerteiler: Hier werden regelmäßig Informationen zu u.a. diversen Hilfsangeboten rumgeschickt.

• Nutze Lerngruppen, wenn du Schwierigkeiten beim Lernen hast. Manchmal werden auch Gruppentreffen von Universitätsseite aus angeboten, bei denen Lerntechniken vermittelt werden.

• Manche Unis machen es dir mit sehr strukturierten Kursplänen schwer, im Krankheitsfalle o.ä. noch auf deine Mindestanwesenheit zu kommen. Erfahrungsgemäß sind die Damen in den Lehr/Modulsekretariaten unheimlich nett und helfen dir bei der Planung von Ersatzveranstaltungen/Ersatzleistungen. Es ist sogar möglich Veranstaltungen im folgenden Semester noch „ebenbei“zu belegen und so nicht „sitzenbleiben“zu müssen.

• Last but not least solltest du als angehender Mediziner ein Hämatom von einem gebrochenen Bein unterscheiden können. Stell dir vor du bist dein Arzt und beschaust dir deine Situation von außen: ist es hier mit einem Pflaster getan oder bedarf es einer längerfristigen Ruhigstellung? 15 ‐ 20% meines Semesters hat sich aus verschiedenen Gründen für eine Auszeit entschieden. Sei es um zu promovieren oder weil der Worst Case einer zweifach verhauenen Prüfung eingetreten ist und nun Raum geschaffen werden muss für die Hardcore‐Büffelei. Egal ob psychische Überforderung, Krankheit, familiäre Erfordernisse: Du hast stets die Möglichkeit zu pausieren. Erkundige dich nach Urlaubssemstern, Freisemestern (und deren Unterschiede!) und ob du splitten kannst. Beachte hierbei, dass Studiengelder (Bafög, KfW etc.) nicht in jedem Falle weitergezahlt werden und überlege dir ggf. Alternativen. Eine wichtige Regel beim Bafög ist zum Beispiel, dass du, um Anspruch auf weitere Förderung zu haben, im Semester mindestens 1/3 der Veranstaltungen wahrnehmen musst. Die Antwort auf viele Fragen findet man auch bei http://www.studis‐online.de/.

• Schlussendlich ist es nie verkehrt die „Erste Hilfe“ der Charité zur Hand zu haben, die engagierte Kommilitonen für dich erstellt haben und jedes Semester aktualisieren. Unter den Punkten „Anwesenheiten“ und „112 – Für den Notfall“ findest du wichtige Informationen, Ansprechpartner und Öffnungszeiten übersichtlich zusammengefasst.

Ich wünsche dir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die du nicht ändern kannst, Mut, Dinge zu ändern, die du ändern kannst und Weisheit, um das eine vom anderen zu unterscheiden :) Dann lässt sich auch ein Medizinstudium meistern!

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