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  • Robin Charlotte Rätz
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  • 04.11.2014

Medizin studieren mit Asperger-Syndrom

Lokalredakteurin Robin Charlotte Rätz hat Caro getroffen, die am Asperger-Syndrom leidet. Im Interview erzählt Sie über Ihr Leben als Medizinstudentin.

 

Das Medizinstudium als solches ist bekanntermaßen kein Zuckerschlecken. Und jeder, der sich seinen Lebensunterhalt daneben noch selbst verdienen muss oder Kinder zu betreuen hat, der weiß, um wie viel beschwerlicher es noch werden kann. Auf die Hürden, die damit einhergehen, sind Betroffene meist vorbereitet: sei es durch Austausch mit anderen, Informationen seitens der Universität, durch Artikel oder gar ganze Bücher. Einige Studenten haben jedoch ganz andere Päcklein zu tragen, die eine individuelle Studienplanung und teilweise viel Unterstützung von außen bedürfen. Eine dieser Studentinnen ist Caro, die anonym bleiben möchte und deshalb um die Verwendung eines Pseudonyms bat.

 

> Hallo Caro, du bist mittlerweile im achten Semester des Medizinstudiums an der Charité Berlin angekommen und hast im letzten Semester die Diagnose Asperger erhalten. Möchtest du vielleicht kurz erläutern, was dieses Krankheitsbild ausmacht?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Zunächst ist mir wichtig zu betonen, dass das Aspergersyndrom keine Krankheit im eigentlichen Sinne ist, sondern eine neurologische Variante. Die meisten anderen Menschen sind neurotypisch, ich bin es nicht. Asperger gehört mit in das Autismusspektrum und wie die Bezeichnung Spektrum schon sagt, sind die Ausprägungen dabei teilweise sehr unterschiedlich. Nahezu allen Betroffenen ist aber gemein, dass sie schon immer das Gefühl hatten, mit ihnen stimme etwas nicht. Im englischen Sprachraum wird Asperger auch oft als Wrong Planet Syndrome bezeichnet. Nicht wenige wurden wie ich während der Schulzeit auch aktiv gemobbt, ohne je gewusst zu haben wie es dazu kam. Heute weiß ich, dass mein Verhalten die anderen Schüler irritiert hat und dass Anderssein oft als Grund zum gemobbt werden schon ausreicht.

Aber du meintest bestimmt so was wie typische Symptome, oder? Viele Betroffene haben, so wie ich, Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen Bereich. Viele soziale Interaktionen erschließen sich uns nicht intuitiv, sondern rein kognitiv, müssen also erst gelernt werden. Was nicht heißt, dass wir nichts empfinden. Ich liebe meinen Mann und mein Kind sehr, auch wenn ich wohl zu den wenigen Ausnahmen gehöre, die eine funktionierende Partnerschaft haben. Das ist auch so ein Punkt. Beziehungen zu NTs – zu Neurotypischen – funktionieren in der Regel nur schwierig, da wir irgendwie so ganz anders ticken. Damit meine ich auch Freundschaften.

Oft sind die Sinne sehr empfindlich, überempfindlich. Ein Zuviel kann da auch mal zum Overload führen, auf den wir ganz unterschiedlich reagieren. Ich muss dann meist ganz schnell weg, am besten heim, mache alles halbdunkel, um den Lichtreiz abzustellen und schlafe. Schlafen funktioniert wie ein Resetknopf, aber ob das bei anderen auch so ist, das weiß ich nicht. Grundsätzlich mögen wir immer gleich bleibende Abläufe, weil das Sicherheit vermittelt. Sich schnell auf neue Situationen einzustellen liegt uns meist nicht. Du kannst dir vorstellen, dass das für andere Menschen schon sehr anstrengend sein kann.

 

> Du hast meine nächste Frage damit schon vorweg genommen. Du bist verheiratet und hast ein Kind. Das ist an sich ja schon schwer mit dem Studium zu vereinbaren. Wie klappt das bei euch?

Ich glaube so, wie überall. Mal besser und mal schlechter. Mittlerweile sind wir ein ziemlich gut eingespieltes Team. Sachen, die ich nicht gut kann, wie zum Beispiel telefonieren oder Smalltalk halten, übernimmt mein Mann. Das entlastet mich sehr und macht mich im Studium belastbarer. Ich kann mich auch jederzeit zurückziehen, was wirklich sehr wichtig ist. Wenn ich mich nämlich überfordere, dann falle ich schon mal ein paar Tage lang aus. Im Gegenzug übernehme ich zum Beispiel den ganzen Schreibkram, das kann ich nämlich richtig gut.

 

> Die Diagnose hast du erst in diesem Jahr erhalten. Das heißt, du hattest zu dem Zeitpunkt schon mehr als die Hälfte des Studiums hinter dir. Hattest du jemals Zweifel an deiner Studienwahl?

Ja natürlich. Aber wer hat die nicht? Ich habe oft gezweifelt, ob der Beruf nun ausgerechnet für mich etwas ist. Auch vor der Diagnose schon. Danach natürlich noch mal verstärkt. Ich habe aber viel darüber nachgedacht und auch Gespräche geführt, die mich in meinem ursprünglichen Entschluss wieder bestärkt haben. Als Asperger verfällt man meiner Meinung nach nämlich schnell dem Glauben, dass man sich nur durch seine Defizite definiert. Das ist aber Quatsch. Jeder von uns hat auch seine ganz eigenen Talente, so wie jeder andere Mensch auch. Man sollte sich seiner Grenzen und vor allem seiner Stärken bewusst sein, dann kann man wirklich viel erreichen. Für mich bedeutet das konkret, dass ich bestimmte Arbeitsplätze für mich von Vornherein ausschließe und auch gewisse Fachärzte weniger für mich infrage kommen als andere. Aber die Medizin ist ja zum Glück sehr breit gefächert.

 

> Hast du einen Notfallplan?

Jein. Ich habe nie in Erwägung gezogen, dass es schiefgehen könnte. Ich bin sehr dickköpfig, wenn ich mir etwas vorgenommen habe. Heute habe ich zwei Notfallpläne. Falls die Tätigkeit als Arzt für mich wirklich gar nichts sein sollte, womit ich aber nicht rechne, dann möchte ich entweder in die Forschung oder ich werde Schriftstellerin. Tess Gerritsen war auch Ärztin, bevor sie angefangen hat ganz tolle Medical Thriller zu schreiben.

 

> Hast du in deinem Studium schon andere wie dich kennengelernt?

Nicht direkt. Es gibt zugegeben den ein oder anderen, bei dem ich eine ähnliche Symptomatik vermute. Aber das ist ja nichts, worauf man sich einfach so anspricht. Ich würde das bei mir zumindest gar nicht wollen, glaube ich. Aber ich hatte schon Kontakt zu Christine Preißmann - das ist eine Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Sie hat auch sehr spät erst ihre Diagnose erhalten und geht damit total offen um. Das könnte ich so nicht, da hätte ich zu viel Angst vor der Reaktion der anderen. Sie hält aber auch Reden über Asperger und Autismus und schreibt Bücher. Und sie liebt Weihnachten und Weihnachtsmärkte auch über alles, genau wie ich.

Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, ob ich eine Art Gruppe gründen soll. Nicht unbedingt einen Selbsthilfeverein. Aber eine Anlaufstelle für andere Betroffene an der Charité. Bislang habe ich mich das aber noch nicht getraut, weil ich auch gar nicht weiß, ob sich überhaupt jemand melden würde. Und ob es denn wirklich noch andere gibt.

 

> Bekommst du Unterstützung von der Uni? Du kannst ja, soweit ich weiß, einen Nachteilsausgleich beantragen.

Nein. Bislang ging es ohne. Verpasse ich mal Veranstaltungen, dann ist es nicht so schwierig Nachholtermine zu bekommen. Zur Not können die ja auch im nächsten Semester liegen, wenn der Kursplan stimmt. Ich habe ehrlich gesagt ein bisschen Angst vor dem ganzen Aufwand, den so ein Antrag mit sich bringen würde. Und dann weiß man auch nie, wie die Leute darauf reagieren, ob sie das überhaupt ernst nehmen. Manchmal hatte ich auch schon Angst, dass ich dann exmatrikuliert werde. Aber das ist natürlich Blödsinn.

 

> Gibt es bestimmte Unterrichtsformate, Fächer oder Lehrpersonen, die du meiden musst?

Es war mal schwerer und ist immer besser geworden. Bei uns an der Uni gibt es viel POL und in manchen Semestern ein Format, das sich KIT nennt. Kommunikation, Interaktion, Teamarbeit. Da ist natürlich viel Teamarbeit gefragt. Das konnte ich am Anfang nicht. Das war teilweise so schwierig, dass ich dachte, ich könne nicht mehr in die Uni gehen. Mittlerweile klappt das gut, was mir beweist, dass ich Recht habe. Ich bin nicht nur meine Schwächen und ich habe zwar meine eigenen Methoden etwas zu lernen oder mit etwas umzugehen, komme letztlich aber ans gleiche Ziel. Ich finde, das bestätigt auch die Aussage, dass Asperger mehr als andere Menschen auf dem kognitiven Wege erfassen müssen. Meine Gruppen haben sich alle intuitiv auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, das hat sich mir überhaupt nicht erschlossen. Mittlerweile bin ich durch so viele Situationen durch, dass ich mir ein ausreichend großes Repertoire an Verhaltensweisen zugelegt habe, um überall zurecht zu kommen. Übung macht den Meister.

 

> Wie sieht es mit Patientenkontakt aus?

Den mag ich gern. Ich kann es nur nicht leiden, wenn man da als Gruppe in ein Patientenzimmer gequetscht wird und eine vollkommen unnatürliche Situation schafft. Das Gespräch ist nicht echt, die Situation ist nicht echt. Am Schlimmsten ist es, wenn noch der Dozent daneben steht und alles begutachtet. Dann fühle ich mich wie in einer Prüfung. Aber das geht vielen Medizinstudenten so, das ist nichts aspergertypisches. Wir freuen uns alle auf den Tag, an dem wir echte Gespräche mit eigenen Patienten führen können.

 

> Welche Erfahrungen hast du bislang gemacht, wenn du anderen von deiner Besonderheit erzählt hast? Oder behältst du es grundsätzlich für dich?

Nein, das ist manchmal gar nicht möglich, da ich dann in arge Erklärungsnot gerate. Irgendwann gehen auch mir die Notlügen aus. Es gibt einige wenige eingeweihte Kommilitonen, die das ganz toll aufgenommen haben und auch nicht ständig thematisieren. Das finde ich sehr angenehm. Nichts ist schlimmer, als wenn man sich im Anschluss ständig beobachtet und analysiert fühlt. Dozenten habe ich es erst zwei erzählt. Einer Dozentin, die mir durch Emailkontakt geholfen hat, indem sie einfach nur ein offenes Ohr hatte und mich ermutigte weiter zu machen. Und ein Dozent, der eine Zeit lang mein Mentor war und sich von mir abwandte, als ich ihm von meiner Diagnose erzählte. Ich wollte halt ehrlich sein. Auch wenn ich meine Notlügen für bestimmte Situationen habe, dann heißt das nicht, dass ich das gern tue. Am allerliebsten wäre ich offen und ehrlich zu jedem. Aber so funktioniert diese Gesellschaft nicht.

 

> Weißt du schon, welche Facharztausbildung du nach der Uni anfangen möchtest?

Nicht so richtig. Ich schließe schon vieles aus: Derma, HNO, Augenarzt. In die engere Wahl kommen die großen Fächer Innere und Chirurgie. Beide haben ihre Vorteile. Was es aber letzten Endes wird, das weiß ich noch nicht.

 

> Ich bin jetzt auch schon am Ende meiner Fragen angelangt. Gibt es etwas, das anderen Betroffen mit auf den Weg geben möchtest?

Nicht aufgeben! Es ist unheimlich wichtig sich selbst gut kennenzulernen und einschätzen zu können, was man kann und was nicht. Was liegt einem? Was kann man vielleicht besser als andere? Welches Talent besitzt man? Ich versuche meine Spezialinteressen in meinen Berufswunsch einfließen zu lassen und sie zu Stärken auszubauen. Das kann und möchte ich allen raten.

Da "Caro" gerne anonym bleiben möchte, könnt ihr keine direkten Emails an sie senden. Ich darf Nachrichten aber gerne weiterleiten.

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