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  • Sarah Sprinz
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  • 12.09.2016

Anamnese: Das A & O in der Medizin

Die Anamnese ist für die Patientenbehandlung entscheidend. Darum gibt's in Aachen eine Anamnesegruppe, in der man genau das lernen kann.

 

Es ist Donnerstag, 17:30. Wie jede Woche haben sich eine Handvoll Medizinstudenten in einem der Seminarräume des Universitätsklinikums Aachen versammelt.
Wir sitzen alle im Stuhlkreis und beginnen mit dem „Blitz“, einer Art Spiel, bei dem die Anwesenden in einem Satz zusammenfassen, was sie gerade beschäftigt. Dabei gilt keine Reihenfolge, wer etwas zu sagen hat, spricht seine Gedanken laut aus, ohne sich dafür zu Wort melden zu müssen – eben ganz so, als sei man gerade vom Blitz getroffen worden.
Anfangs kostet es mich Überwindung etwas zu sagen, doch nachdem schon ein paar Kommilitonen gesprochen haben, spreche auch ich. Schnell merkt merke ich, dass im Kurs auf Spontanität und Improvisationstalent Wert gelegt wird.

Nicht minder wichtig scheint die Tatsache, dass sich alle Anwesenden wohl fühlen bei dem, was sie tun. Egal ob Erstsemester oder kurz vor dem Hammerexamen, jeder wird hier ernstgenommen, bringt anderes Vorwissen und eine andere Auffassungsgabe mit. Das macht die Zusammenarbeit in der kleinen Runde unbeschreiblich vielfältig.

Die Tutoren der Gruppe, Medizinstudenten aus höheren Semestern, haben für jede Woche ein anderes Thema vorbereitet. Wir sprechen über schwierige Patienten, den idealen Arzt und den Einfluss, den Familienangehörige, Religion und Kultur auf die Behandlung eines Patienten nehmen können.

Im Zentrum der wöchentlichen Treffen steht letztendlich das Anamnesegespräch zwischen Student und Patient. Mindestens ein Gespräch soll jeder Teilnehmer führen, ob einzeln oder mit einem Partner ist ihm selbst überlassen.
Was genau auf ihn zukommt, weiß der Gesprächsführer erst in dem Moment, in dem er dem Patient gegenübersteht. Lediglich den Namen hat er zuvor von den Tutoren erfahren, Diagnose, Alter und Vorgeschichte herauszufinden, sei ihm nun selbst überlassen.
Wer möchte hat sogar die Möglichkeit, einem Gespräch mit verbundenen Augen zu lauschen, um sich nicht von Äußerlichkeiten des Patienten beeinflussen zu lassen.

„Das perfekte Gespräch“ existiert ebenso wenig wie ein Leitfaden dafür, das merken wir schneller als uns lieb ist und es ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend, welch unerwartete Wende manche Gespräche nehmen.
Eine ungefähre Struktur des Gesprächs existiert in groben Umrissen: Los geht es natürlich mit einer Begrüßung und Vorstellung. Dem folgt die Erklärung, was die Anamnesegruppe ist und welche Ziele sie verfolgt, sowie der Hinweis auf die ärztliche Schweigepflicht, der selbstverständlich auch die „Anamnesler" unterliegen. Danach wird nach der medizinischen Vorgeschichte gefragt, sowie nach der Diagnose, möglichen Beschwerden und Medikamenten.


Der vielleicht sogar wichtigste Teil der Gespräche: die Familien- und Sozialanamnese. Im Kurs fällt sie sehr viel umfangreicher als in der Praxis, weil im Klinikalltag einfach oft die Zeit fehlt. Noch sind wir in der glücklichen Lage, uns eben diese Zeit zu nehmen.
Es ist jedes Mal schön zu sehen, wie auch der schüchternste Patient nach anfänglichem Misstrauen unter all der ihm geltenden Aufmerksamkeit eifrig lauschender Studentenohren aufblüht.

Die Dauer des Gesprächs ist dem Gesprächsführenden selbst überlassen. Den Redefluss eines besonders gesprächigen Patienten elegant zu unterbrechen, kann dabei mindestens so kniffelig sein, wie jede Information aus der Nase ziehen zu müssen.

Zuletzt folgt eine Feedback-Runde der Studenten in welcher der Gesprächsstil und -verlauf sowie all die wichtigen Kleinigkeiten wie Sitzhaltung, Körpersprache und Formalia konstruktiv(!) kritisiert werden.

Nach vier Monaten Anamnesegruppe gehe ich nicht nur mit viele Tipps und wichtigen Erfahrungen ins nächste Semester. Auch meinem Selbstbewusstsein hat der Patientenumgang gutgetan. Ich bin offener und spontaner geworden und habe mich vom Gedanken verabschiedet, dem Patient einen konstruierten Gesprächsverlauf aufzwingen zu wollen. Das beste war: die Menschen hinter den Diagnosen kennenzulernen.

Info:

Die Anamnesegruppe ist ein Projekt der Fachschaft. Hier wird das wichtigste Instrument im ärztlichen Beruf eingeübt: Die Anamnese, also das Arzt-Patienten-Gespräch. Erfahrene studentische Tutoren leiten an und geben konstruktives Feedback, um die Fähigkeiten der Studierenden zu verbessern. Die Teilnahme ist schon ab dem ersten Semester möglich (Quelle: Fachschaftwiki Medizin MSG Aachen).

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