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  • Friederike Schlingloff
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  • 01.09.2010

PJ-Tertial Anästhesie in Tucson, Arizona, USA

Ich bin schon immer gern gereist und habe während des Studiums bereits ein Jahr in Südafrika verbracht, wo ich meine Famulaturen absolviert und Daten für meine Doktorarbeit in Rechtsmedizin erhoben habe. Während des Praktischen Jahres wollte ich gerne noch einen anderen Teil der Welt sehen, auch um Erfahrungen in weiteren Gesundheitssystemen zu sammeln. So bewarb ich mich für mein Wunschtertial Anästhesie in den USA und in Kanada. In Arizona wurde meine Bewerbung angenommen.

Bewerbung

Die Adressen für die Universitäts-Kliniken in den USA und Kanada könnt Ihr leicht im Internet finden:

http://www.canadian-universities.net

http://www.univsource.com/med.htm

 

Ihr solltet darauf achten, euch bei Medical Schools zu bewerben, die zu einer Universität gehören, da das LPA sie sonst eventuell nicht anerkennt. Das müsst ihr unbedingt im Vorfeld klären, da es sonst böse Überraschungen geben kann. Private Universitäten nehmen übrigens meistens keine ausländischen Studenten.

Beworben habe ich mich ungefähr vier Monate vor Beginn meines Auslandstertials. Ich habe dann an alle Universitäten, die mich interessierten, eine kurze E-Mail geschrieben mit meinen Daten und wofür ich mich bewerben möchte, und ich habe jeweils einen Lebenslauf als Anhang mitgeschickt.

Wer sich für Kanada interessiert, sollte sich noch etwas früher bewerben, da dort das Bewerbungsverfahren sehr streng geregelt ist. Es gilt, enge Fristen einzuhalten.

 

Friederike am Grand Canyon - Foto: F. Schlingloff

 

In Kanada nehmen sehr viele Universitäten ausländische Studenten an, allerdings manchmal nur für höchstens vier Wochen, während man fürs PJ aber mindestens acht Wochen am Stück nachweisen muss. Es wird verlangt, dass der Student gleich bei der Bewerbung eine Gebühr bezahlt, auch wenn er noch keinen Platz zugeteilt bekommen hat.

In den USA haben mir viele Universitäten gleich mitgeteilt, dass sie keine Studenten zu dem Zeitpunkt nehmen, den ich anvisierte; andere verlangen den TOEFL-Test und das amerikanische USMLE-Examen als Aufnahme-Kriterium. Beides konnte ich leider nicht vorweisen.

Infos zum USMLE

Vorbereitung auf USMLE Step 1

 

Schließlich jedoch bekam ich eine Zusage aus Tucson, Arizona, wo die Angelegenheit ganz unkompliziert war, weil sich eine Ärztin bereit erklärte, mein "Sponsor" zu sein. Daraufhin brauchte ich nur die üblichen Dokumente vorzulegen: ein Empfehlungsschreiben der Uni, ein Medical School Transcript, Impfpass, Nachweis von Auslandskrankenversicherung und Berufshaftpflichtversicherung. Diese Unterlagen werden eigentlich bei jedem Auslandsaufenthalt von einem Medizinstudenten verlangt. Das Empfehlungsschreiben und Medical School Transcript auf Englisch stellt das Dekanat aus. Studiengebühren musste ich für meinen Aufenthalt glücklicherweise nicht bezahlen.

 

Formalitäten

Als deutscher Staatsbürger benötigte ich für die USA kein Visum, da ich als Medizinstudent ein unentgeltliches Praktikum in einem Krankenhaus machte und nicht länger als 90 Tage blieb. Ich musste nur online einen ESTA-Antrag ausfüllen, bevor ich in die USA eingereist bin. ESTA ist das Electronic System for Travel Authorization im Rahmen des Programms für visumfreies Reisen (Visa Waiver Program). Infos zum ESTA gibt es hier:

https://esta.cbp.dhs.gov

Die Auslandskrankenversicherung und die Berufshaftpflichtversicherung können Studenten kostenlos zum Beispiel von MLP oder dem Marburger Bund bekommen, wenn sie dort Mitglied sind.

Vergütet wurde meine Arbeit als PJlerin nicht, aber ich musste - wie bereits erwähnt - auch keine Studiengebühren bezahlen.

 

Monument Valley - Foto: F. Schlingloff

  

Apropos Finanzen: Bevor ihr abreist, solltet ihr euch unbedingt erkundigen, bei welcher Bank ihr gebührenfrei Geld abheben könnt. Kreditkarten werden überall akzeptiert, mit meiner EC-Karte (Maestro) konnte ich hingegen häufig nicht bezahlen.

 

Anreise

Die Anreise ist nicht gerade kurz, da man mindestens einmal umsteigen muss, wenn man aus Deutschland kommt. Ich bin von Hamburg über Newark und Houston nach Tucson geflogen und habe 650 Euro für den Flug gezahlt. Wenn man von Frankfurt aus fliegt, gibt es einen Direktflug nach Denver, Colorado, und von dort einen Flug nach Tucson, sodass man nur einmal umsteigen muss. In Tucson angekommen lohnt es sich, ein Auto zu mieten oder zu kaufen. Die Stadt ist sehr weitläufig, und zumindest wenn ihr euch die Gegend ein wenig anschauen möchtet, braucht ihr auf jeden Fall ein Auto. Um ein Auto zu mieten, solltet ihr das dringend von Deutschland aus oder über eine deutsche Internetseite machen, da das sehr viel billiger ist als vor Ort.
Ich habe mein Mietauto über www.billiger-mietwagen.de gebucht. Es gibt aber auch ganz normale Bus-Netze und private Shuttles, die ihr nutzen könnt. Schließlich haben auch viele Amerikaner hier kein Auto.

 

University Medical Center Tucson

Das University Medical Center Tucson ist sehr groß, sodass die Orientierung in den vielen Gängen anfangs nicht ganz einfach ist. Zusammen mit der Universität in Phoenix ist es die einzige Uniklinik in Arizona, und die Patienten reisen teilweise von weither an. Es bietet sehr viele Spezialmethoden auf engstem Raum; viele Prozeduren werden durchgeführt, die ich vorher noch nicht gesehen hatte, wie Herztransplantationen, TIP, Augenoperationen und Ähnliches. Daher ist es hier für ein Anästhesie-Tertial besonders spannend, ihr erhaltet Einblicke in sehr viele verschiedenen Bereiche der Anästhesie.

Die Medical School ist im selben Gebäude wie die Uni-Klinik untergebracht, sodass ich von der großen Bibliothek, dem Copy-Center und dem Bookstore auf dem Gelände profitieren konnte. Außerdem befindet sich direkt im Krankenhaus ein eigenes Fitness-Studio, in dem man für nur 25 Dollar im Monat direkt nach der Arbeit trainieren kann. Außerdem liegt das Krankenhaus relativ zentral, so erreichen die Angestellten zu Fuß mehrere Bus-Linien und Geschäfte in der Innenstadt.

 

Unterkunft und Verpflegung

Die Kosten für die Unterkunft musste ich selbst tragen. Karen Hessian hat eine lange Liste mit Kontakten von Privatpersonen, die Zimmer oder Wohnungen für kurze Zeiten vermieten. Ich habe bei Gayle Meadows gewohnt, die ein sehr schönes kleines Häuschen bei sich im Garten vermietet.

Gayle Meadows E-Mail-Adresse lautet:

gmeadows@cox.net

Das Haus ist sehr gut ausgestattet mit PC, Drucker, Fernseher, Mikrowelle und sonstigen Annehmlichkeiten und kostet für zwei Monate 700 Euro. Es gibt aber auch billigere Unterkünfte, die dann aber nicht so gut ausgestattet sind.

Die Verpflegung erfolgt ebenfalls auf eigene Kosten. Im Krankenhaus gibt es eine große Cafeteria, in der morgens, mittags und abends warmes Essen serviert wird. Die Preise sind akzeptabel, ein warmes Mittagessen kostet etwa 2-3 Dollar.

Die Kleidung für uns Studenten wird gestellt und besteht aus ganz normalen grünen "Scrubs" im OP-Bereich, wie bei uns auch. In anderen Bereichen braucht man einen Kittel und kann darunter normale bis elegante Kleidung tragen, also zum Beispiel schwarze Hose und Bluse für Frauen, Männer tragen Hemden. Jeans mit T-Shirt ist nicht erwünscht.

 

Sprachkenntnisse

Meine Sprachkenntnisse waren schon relativ gut als ich nach Tucson kam, weil ich vorher schon ein Jahr in englisch-sprachigen Krankenhäusern famuliert und gearbeitet hatte. Ich war sehr froh darüber. Die Leute in Arizona sprechen relativ langsam und sind gut zu verstehen, aber grade im OP, mit Maske und Hintergrundgeräuschen, versteht man trotzdem manchmal nur wenig. Außerdem werden sehr viele medizinische Abkürzungen benutzt, die wir nicht kennen, daher würde ich auf jeden Fall ein Nachschlagewerk empfehlen. Mir hat "Medical English" von Thieme sehr geholfen. Hilfreich ist da auch die Seite www.medilexicon.com/medicalabbreviations.php. Außerdem hilft es, wenn man sich ein gutes Lehrbuch des jeweiligen Faches auf Englisch besorgt, sodass man viele Fachwörter schon mal gelesen hat. Für Anästhesie wird in Tucson "Clinical Anesthesiology" von Morgan/Mikhail/Murray empfohlen oder der sogenannte "Baby Miller": "Basics of Anesthesia" von Miller/Stoelting.

 

Tagesablauf

In den USA wird sehr viel mehr Wert auf Unterricht gelegt als bei uns. Jeden Morgen um 6:30 war Morning conference, und es wurde ein halbstündiger Vortrag gehalten, mittwochs dauerte der Vortrag sogar zwei Stunden.

Jede Woche war ich einem "Resident" zugeteilt, der von einem "Attending" betreut wird. Das entspricht ungefähr unserem Assistenzarzt und Oberarzt. Die Attendings sind vor allem dazu da, die Residents in schwierigen Situationen zu überwachen und zu unterrichten. So viel "teaching" wie hier habe ich in Deutschland bislang nicht erlebt. Alle wollen etwas lernen, und sobald man eine Minute frei hat, wird erklärt und diskutiert, dabei ist die Atmosphäre sehr kameradschaftlich und überhaupt nicht streng hierarchisch.

Morgens wurde ich oft von meinen Residents gefragt, was ich denn heute lernen möchte. Dann haben sie sich - wenn irgendwie möglich - die Zeit genommen, mich in dem Thema zu unterrichten und abzufragen.

Es wird aber natürlich erwartet, dass man sich genauso engagiert wie alle anderen. Dafür wird man respektiert und in alles mit einbezogen. Ich durfte von Intubationen, arteriellen Kathetern über Spinalanästhesien alle Prozeduren durchführen und wurde dabei freundlich überwacht und eingewiesen. Eine bessere Umgebung zum Lernen als hier kann man sich nicht vorstellen und da das Krankenhaus sehr spezialisiert ist, hatte ich die Chance, viele verschiedene Bereiche und Techniken zu sehen.

Auch der Umgang zwischen Patienten und Ärzten ist, angenehmer als ich es in Deutschland kennengelernt habe. Die Ärzte nehmen sich viel mehr Zeit für die Fragen und Bedürfnisse der Patienten und werden dafür auch mehr respektiert. Da alle so freundlich und offen sind, hatte ich oft die Chance, nette Gespräche mit den Kollegen zu führen, auch mit den "Assistant-Professors" und den "Professors", die sich alle dafür interessierten, wo ich herkomme und wie es mir gefällt.

 

University Medical Center - Foto: F. Schlingloff

 

Die Arbeitszeiten sind hier recht lang: Die Residents haben durchschnittlich eine 70-Stunden-Woche, aber das Arbeitsklima ist trotzdem entspannt und freundlich. Von den Studenten wird nicht erwartet, dass sie jeden Tag so lange bleiben. Wenn ich mal früher gehen wollte, um noch zu studieren oder mir das Land anzuschauen, hatte jeder volles Verständnis dafür.

Während ich in Tucson war, absolvierten vier andere Studenten aus dem Ortr ihre "Rotations".

 

Land, Kultur, Freizeit

Arizona ist wunderschön und hat jede Menge zu bieten. Wenn ihr im Sommer hier herkommt, solltet Ihr euch allerdings auf Hitze gefasst machen, denn Tucson liegt mitten in der Wüste. Im Winter sind tagsüber bis zu warme 20 Grad, nachts wird es allerdings frostig. Regnen tut es nur selten.

 

Antelope Canyon - Foto: F. Schlingloff

 

Tucson selbst hat viel Kultur zu bieten. Ihr findet hier mehrere Kunst- und Fotografie-Museen, Galerien und historische Stätten.

Überall in der Stadt fühlte ich die verschiedenen Kulturen, die hier aufeinander treffen: Viele Einwohner sind Mexikaner oder Indianer, einige der größten Reservate der Apache- und Navajo-Indianer liegen nicht weit entfernt.

Direkt vor der Stadt liegen mehrere Nationalparks und Bergketten, ein Paradies für Wanderer und Radfahrer. Natürlich gibt es auch mehrere große Shopping-Malls, Kinos und viel mexikanisches und amerikanisches Fast-Food.

Wer sich für Natur interessiert wird begeistert sein vom Saguaro National Park,

http://www.nps.gov/sagu/index.htm

dem Chiricahua National Monument

http://www.nps.gov/chir/index.htm

oder dem Desert Museum:

http://www.desertmuseum.org

Auf der Homepage von Tucson könnt Ihr Euch über alle Sehenswürdigkeiten informieren.

http://www.visittucson.org

Mein besonderes Highlight war ein Aufenthalt auf einer Working Cattle Ranch, wo ich viel reiten konnte und gelernt habe, Kühe zu treiben und mit dem Lasso umzugehen.

 

Grapevine Canyon Ranch - Foto: F. Schlingloff

 

Nur einige Stunden Autofahrt entfernt ist außerdem der Grand Canyon, Monument Valley, Lake Powell, Antelope Canyon, Las Vegas und vieles mehr zu finden, darunter einige der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten der Welt.

 

Besonderes

Die Amerikaner sind meistens sehr freundlich und aufgeschlossen. Man kommt schnell mit Leuten ins Gespräch, da eigentlich jede Begrüßung mit "How are you" beginnt, worauf man antworten und sich ebenfalls erkundigen sollte, wie es dem anderen geht.

Es ist normal, im Supermarkt mit dem Kassierer oder anderen Kunden ins Gespräch zu kommen oder im Restaurant von Vorbeigehenden gefragt zu werden, wie einem das Essen schmeckt. Diese Offenheit sollte man nutzen, Land und Leute kennen zu lernen, auch wenn es für uns Deutsche am Anfang vielleicht etwas ungewohnt ist.

 

Fazit

Ich hatte eine tolle Zeit und habe nicht nur fachlich viel gelernt. Auch mein Englisch ist besser geworden, und ich habe jede Menge interessante Menschen kennengelernt, darunter Ärzte, denen die Lehre Spaß macht und die wirklich engagiert sind. Ich habe gesehen, dass es im Krankenhaus auch ganz anders zugehen kann, als ich es bei uns kennengelernt habe, und dass man viel freundlicher miteinander umgehen kann, ohne dass die Leistung darunter leidet. Ich kann jedem nur empfehlen, zumindest für eine begrenzte Zeit hierher zu kommen!

Adressen

Die Adresse des College of Medicine lautet:

UA College of Medicine
1501 N. Campbell Avenue
PO Box 245017
Tucson, Arizona 85724
Tel.: (520) 626-455

http://www.medicine.arizona.edu

 

Für mehr Fotos und einen ausführlicheren Bericht, außerdem Fotos und Berichte über meine Zeit in Südafrika, besucht meine Homepage:

http://www.rike-travels-the-world.de

 

 

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