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  • Bericht
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  • Matthias Kellermann
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  • 23.04.2009

Famulatur in Mazedonien

Die Entscheidung, meine zweite Famulatur in Mazedonien zu machen, war eher eine spontane Entscheidung, als eine wohl durchdachte geplante Idee. Ganz nach dem Motto "Ab ins Unbekannte" war ich - trotz vieler Resentiments gegenüber dem Balkan, die hier in Deutschland herumgeistern - immer der Überzeugung, dass die Famulatur sicherlich gut werden wird. Mazedonien hat mich nicht enttäuscht und ich bin froh dieses Land gewählt zu haben, auch wenn die Famulatur manchmal nicht ganz meinen Erwartungen entsprochen hat.

Die Bewerbung

Etwa ein halbes Jahr vor meinem Aufenthalt in Mazedonien habe ich mich beim DFA für die Famulatur beworben. Ich musste 100€ anzahlen, ein Englischsprachzeugnis bei der Uni ablegen und das Bewerbungsformular des DFA korrekt ausgefüllt an die Vertretung in Bonn senden. Eigentlich kein großer "Act", aber es gibt ja immer Verzögerungen, vor allem, wenn man als Mediziner ein Zeugnis von einem Englischdoktor braucht. Naja, aber das ist eine andere Geschichte.

Nach meiner Bewerbung bekam ich relativ schnell eine Zusage vom DFA und auch die verantwortlichen Studenten in Skopje meldeten sich sehr schnell. Schon im Vorfeld der Famulatur entstand eine nette Korrespondenz mit den mazedonischen Studenten und ich fühlt mich im Vorhinein schon gut aufgehoben und betreut.

Anreise und Unterkunft

Am 27.2. ging es für mich los. Den Flug nach Skopje hatte ich schon 2 Monate vor Abflug bei Alitalia gebucht. Zwar war dieser Flug kein Non-Stop-Flug, dafür kostete er aber nur 250€ hin und zurück! Im Vergleich zu anderen Fluggesellschaften ist das echt billig! Etwa 50% billiger als ein vergleichbarer Flug mit der Lufthansa!

Angekommen am Airport Skopje erwarteten mich schon die beiden Studenten, die während meines Austauschs in Mazedonien für mich verantwortlich sein würden. Sie brachten mich in meine Wohnung, in der ich die nächsten 5 Wochen untergebracht war. Die Wohnung gehörte einer Familie, die Zimmer an Studenten vermietet. Um es kurz auszudrücken: Die Wohnung war klein, aber fein und ich hatte familiären Anschluss. Prima eben! Mazedonisches Familienleben live erleben - was will man mehr!

Die Famulatur

Am 1. März wurde ich einem meinem persönlichen ärztlichen Assistenten auf der Gastroenterohepatologie vorgestellt. Nach kurzer Einweisung konnte ich auch schon den ersten Koloskopien beiwohnen. Ich habe so ziemlich alle endoskopischen Eingriffe auf dieser Abteilung mitverfolgen können. Mithelfen konnte ich aber leider nicht sehr viel. Wie mir schnell auffiel, ist die Aufgabe der Ärzte hier in Mazedonien beschränkt auf invasive Untersuchungen. Stationsarbeit war stets Sache der Schwestern und so konnte ich leider fast nie den Statiosalltag miterleben. Trotzdem habe ich viele interessante Dinge gesehen. Krankheiten, die bei uns so selten sind, dass man "Glück" haben muss sie einmal im Studium zu sehen, sind hier teilweise häufige Krankheiten. Auch die Methoden und Techniken die in Mazedonien angewendet werden sind nicht mit Deutschland zu vergleichen. Koloskopie mit Narkose ist zum Beispiel hier ein Fremdwort. Das Gesundheitssystem und die Patienten haben für so etwas einfach kein Geld. Die Medizin ist zum Teil echt archaisch, aber sie funktioniert trotzdem.

In der zweiten Woche wechselte ich auf die Pulmologie. Eine der best ausgerüsteten Abteilungen in der Inneren Medizin hier Skopje. Die Abteilung wird vom japanischen Staat gesponsert, deswegen auch das neue und gute Equipment! Auch hier bekam ich einen persönlichen Mentor. Auf der "Pulmo" habe ich ebenfalls vor allem endoskopische Untersuchungen gesehen und durfte manchmal auch Pleurapunktionen vornehmen. Sonographische Untersuchungen und Ambulanzarbeit ergänzten meinen einwöchigen Aufenthalt auf der "Pulmo"! Aber auch hier war mir die Stationsarbeit nicht vergönnt. Na ja, die Arbeit ist hier eben anders aufgeteilt wie in Deutschland.

Nach einer wirklich lehrreichen Woche auf der Pulmologie wechselte ich auf die Endokrinologie. Diese Abteilung war für mich die wohl am langweiligsten, denn außer ständigen Diskussionen über Blutbefunde und dem Hormonstatus von Patienten konnte ich hier relativ wenig sehen. Doch die für mich abgestellte Mentorin Dr. Katerina versuchte mir viel zu erklären und schickte mich oft in die Ambulanz, auf der ich dann doch einiges gesehen und gelernt habe. Bis zum Ende meiner Famulatur bin ich auf der Endokrinologie geblieben, denn hier hatte ich neben der Pulmologie wohl den besten sozialen Anschluss an die Ärzteschaft!

Famulatur-Umstände

Die Innere Klinik in Skopje war für mich erst einmal ein Schock als ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Das Gebäude ist heruntergekommen und wirkt marode. Doch die Arbeit die hier von den Ärzten verrichtet wird ist richtig gut. Es wird mit primitiven Mitteln das bestmögliche für den Patienten erzielt. Die Ärzte haben noch viel Ahnung über konventionelle Untersuchungsmethoden und brauchen nicht für alles Geräte und Maschinen. Nichts desto trotz sind die Arbeitsbedingungen nicht besonders berauschend. Der Lohn für die Ärzte ist sehr schlecht und trotz sehr guter Ausbildung, die auf dem neusten Stand der Wissenschaft beruht, können die Ärzte hier vieles nicht machen.

Mazedonien ist ein kleines Land und alles zentriert sich auf Skopje, doch leider wird kein Geld in die Uniklinik investiert und so dümpelt das Gesundheitssystem in Mazedonien nur so vor sich hin. Es herrscht kein Klima für Innovationen und Arbeitswillen und so bin ich in meiner Famulatur oft mit den Ärzten in einem Café auf dem Campus herumgesessen um die Zeit totzuschlagen. Trotzdem will ich den Ärzten hier meinen Dank aussprechen, die mir trotz aller widriger Umstände immer geholfen haben und mir viel erklärt und beigebracht haben.

Land, Leute und Politik

Mazedonien ist ein sehr armes Land und leider sind viele Menschen noch immer im Sozialismus hängen geblieben. Vieles wirkt für einen Deutschen chaotisch und unkoordiniert und das ist es auch. Überall in Mazedonien sticht einem die Armut ins Auge. Bettelnde Kinder und Pferdekarren sind in Skopje Alltag und wenn man die Haupstadt verlässt, verstärkt sich dieses Bild auch noch. Trotzdem sind die Menschen sehr herzliche und gastfreundlich.

Eines sollte einem aber klar sein: Politisch gesehen ist Mazedonien eine Katastrophe. Korruption an allen Ecken und Enden, ethnische Konflikte im Inland zwischen Slawen und Albanern und außenpolitische Zankereien mit den Nachbarn sind hier Alltag. Mazedonien existiert erst seit 1991 und wird eigentlich von keinem seiner Nachbarn akzeptiert und so sind die Menschen in Mazedonien sehr empfindlich, wenn es um ihr Land geht. Orient und Okzident prallen hier aufeinander. Manchmal friedlich, manchmal eben nicht friedlich. Vor allem der Konflikt zwischen den Albanern und den slawsichen Makedoniern ist ein großes Problem in Mazedonien.
2001 wäre dieser Konflikt ja fast zu einem waschechten Bürgerkrieg ausgeartet und so kann man im Klinikalltag auch gelegentlich auf Patienten treffen die in einer bewaffneten Auseinandersetzung verletzt wurden. Als Student, der nach Mazedonien reist muss einem klar sein, dass dieser Konflikt recht emotional ausgetragen wird und deswegen sollte man sich am besten aus politischen Diskussionen heraushalten. Zwar ist mir dies auch nicht ganz gelungen, aber mit etwas Diplomatie kommt man aus einer Sackgasse schnell wieder raus und es schadet auch nicht, wenn die Menschen in Mazedonien auch einmal eine andere Sichtweise kennen lernen. Trotzdem steht es mir nicht zu, über die Probleme Mazedoniens zu urteilen. Zu einfach ist es, Pauschalurteile abzugeben, wenn man so sorgenfrei wie in Westeuropa lebt.

Zum Land kann ich nur sagen, dass es traumhaft ist. Berge, Wälder und Seen laden ein entdeckt zu werden. Da Mazedonien so gut wie keine Industrie hat, findet man seltene Tiere und Pflanzenarten. Die Fauna und Flora ist sehr ursprünglich und es gibt viel zu entdecken. Moscheen und Kirchen aus einem Jahrtausend laden zur Besichtigung ein. Von römischen, griechischen über osmanischen und slawischen Kulturschätzen wird man alles in Mazedonien finden. Überall kann man sich noch ein bisschen als Pionier fühlen, denn Touristen gibt es kaum.

Auch das Essen in Mazedonien ist eine Mischung aus slawischem und türkischem Geschmack. Die Preise sind so moderat, dass man für ein komplettes Menue etwa nur 3-4€ zahlen muss und so sollte man viel Appetit nach Mazedonien mitbringen, denn sonst verpasst man ein Teil der Kultur. Essen und Trinken ist hier nämlich ein wichtiger gesellschaftlicher Akt!

Nach der Arbeit

Skopje bietet Annehmlichkeiten wie in jeder westlichen Haupstadt. Wer in einen Technoclub gehen will, kann dies genauso tun wie derjenige in die Oper gehen kann, der einen Kulturabend gestalten will. Alles natürlich zu sehr günstigen Preisen.

Wer das Land entdecken will kann sehr billig mit Bussen und Bahn das Land bereisen. Auch Taxis sind relativ günstig, wenn man vorher den Preis aushandelt. Das Leben pulsiert in der Haupstadt und als Westeuropäer fühlt man sich wie im Schlaraffenland, weil alles so günstig ist.

Mit Mazedoniern kann man viel Spaß haben. Antialkoholiker sollte man allerdings nicht sein. Denn Wein, Bier und Schnaps wird in rauen Mengen getrunken. Einen Turbo-Folk-Abend in einem "Kaffana" sollte man sich ebenfalls nicht entgehen lassen. Tradioneller und lustiger kann man wohl glaube ich kaum feiern. Hier wird man den Spirit des Balkan spüren!

Ach ja, Mazedonien ist ein Land mit ausgeprägter Kaffeekultur. Man sollte sich nicht wundern wenn man 2-3mal täglich zum Kaffee eingeladen wird. Allerdings gebietet es der Anstand, dass man gelegentlich auch Leute zum Kaffee einlädt. Insgesamt kann ich nur sagen, dass man viel Spaß haben kann. Die Leute sind meist sehr nett und manchmal fühlt man sich geradezu beschämt, wenn man an die "Gastfreundlichkeit" in Deutschland denkt. Auch die Ärzte behandeln einen wie einen lange bekannten Freund, nicht nur wie einen dummen Studenten.

Wer Ausflüge in die Nachbarländer machen will, kann dies ohne Probleme mit dem Bus tun. Serbien ist nur 25km entfernt von Mazedonien. Albanien und Bulgarien erreicht man in 2 Stunden Busfahrt und Griechenland erreicht man in knapp 3 Stunden. Besonders empfehlenswert sind in Mazedonien der Ohrid- und der Prespasee, die mehr einem Meer gleichen als einem See und beide relativ gut touristisch erschlossen sind.

Fazit

Trotz vieler Probleme ist Mazedonien eine Reise wert. Nicht nur, weil man viele Dinge in der Famulatur lernen kann und sieht, wie andere Ärzte auf der Welt arbeiten müssen, sondern auch, um eine andere Kultur kennenzulernen. Man wird vieles ähnliches, aber auch viel verschiedenes zu unserer Kultur entdecken können. Vor allem freuen sich die Mazedonier sehr, wenn jemand aus Westeuropa ihr vergessenes Land kennen lernen will. Leider war ich in der Prüfungszeit in Mazedonien und deswegen hatten die Studenten kaum Zeit für mich, aber im Sommer ist das sicherlich anders. Trozdem habe ich auch auf eigene Faust viel gesehen und entdeckt und deswegen kann ich jedem Mazedonien als Famulaturziel empfehlen.

Tipps und Literatur

Bevor ihr nach Mazedonien reist, solltet ihr euch ein wenig über Mazedonien informieren. Das beste Buch auf dem Markt ist aus dem Trescher Verlag. Es heißt:

Makedonien entdecken
Unterwegs auf dem südlichen Balkan
ISBN 3897940671 für 16,95€

Wer ambitioniert ist und ein wenig mazedonisch lernen will, den kann ich das folgende Buch empfehlen:

Kauderwelsch
Makedonisch Wort für Wort
ISBN 3894164948 für 7,90€

Außerdem kann ich euch folgende Homepages ans Herz legen:

http://www.skopjeonline.com.mk/

http://www.exploringmacedonia.com/

http://www.ukim.edu.mk/

 

und natürlich die Hompage des BVMD

http://bvmd.de/

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