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  • Interview
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  • Das Interview führte Johanna Ebrecht
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  • 03.07.2013

Urologie Famulatur in der Schweiz, 2013

Julia war für einen Monat als Famulantin in der Urologie des Kantonsspitals Winterthur in der Schweiz. Im Interview mit Lokalredakteurin Johanna erzählt sie, was dort ganz anders war als in Deutschland, warum Urologie ein richtig spannendes Fach ist und was es neben dem Famulanten-Dasein in der Schweiz zu entdecken gibt.

 

> Julia, gerade bist du wieder in Deutschland angekommen, wie kamst du auf die Idee für eine Famulatur in die Schweiz zu gehen?

Ich wollte gerne eine chirurgische Famulatur in einem deutschsprachigen Ausland machen. Nachdem ich mich ein bisschen umgehört hatte, fiel meine Wahl ziemlich schnell auf die Schweiz. Ein vielfältiges Freizeitangebot in Kombination mit einer vergüteten Famulatur, das hörte sich gut an.

> Warum ist deine Wahl auf Winterthur gefallen?

Nach einiger Recherche auf  PJ Ranking habe ich mir die mit ca. 103.000 Einwohnern sechst größte Stadt der Schweiz ausgesucht. Neben den positiven Bewertungen bezüglich des Spitals, gefiel mir besonders die Lage der Stadt. Der Bodensee ist nicht weit weg, aber auch die Großstadt Zürich einerseits und die Berge andererseits sind gut zu erreichen. Zumal bietet Winterthur mit 16 Museen (darunter auch das weltweit bekannte Fotomuseum) für Interessierte ein vielfältiges Kulturprogramm.

Das Kantonspital in Winterthur (KSW) - alle Fotos von Famulantin Julia

> Chirurgische Famulatur - da denkt man nicht zuerst an Urologie?!

Ja, das stimmt. Zunächst war das auch gar nicht meine erste Wahl. Da ich mich ziemlich kurzfristig beworben hatte, habe ich einfach eine Bewerbung an alle chirurgischen Fachbereiche geschickt. Da die Schweizer Medizinstudenten im Studium keine Famulaturen machen, sondern erst im 5. Studienjahr ein Jahr als PJler in der Klinik sind, war es recht schwierig, einen Platz für nur einen Monat zu bekommen. So kam ich zwar mehr durch Zufall zu einer urologischen Famulatur, bin aber im Nachhinein sehr begeistert von dem Fachgebiet.

> Was gefällt dir an der Urologie so gut?

Urologie ist viel mehr als die gemein bekannte "Männerheilkunde". Vom kleinen Kind, über junge Frauen bis hin zum alten Mann behandelt man ein sehr breites Patientenspektrum. Man hat einerseits die Möglichkeiten eines operativen Faches, lernt aber andererseits durch die Nierenerkrankungen internistische Herangehensweisen. Das hat mir gut gefallen.

> Wie sah denn dein Arbeitsalltag auf einer urologischen Station aus?

Als Studenten waren wir für die Neuaufnahmen (oder Eintritte wie es die Schweizer nennen) verantwortlich. Das bedeutete, Anamnesegespräche zu führen und die Eingangsuntersuchung zu machen. Diese umfasste neben den üblichen Dingen wie Auskultation von Herz und Lunge und Abdomenstatus auch die typisch urologischen Untersuchungen wie zum Beispiel den Ultraschall von Blase, Nieren und Prostata. Die aufgenommenen Patienten hat man dann immer im Mittagsrapport vorgestellt. Nebenbei war man auch immer noch im OP eingeteilt und konnte assistieren.

 

Julia macht einen Ultraschall

> Das hört sich ja nach ziemlich viel Verantwortung an, oder?

Das stimmt. Anfangs war ich auch sehr unsicher, da ich weder einen Sonographie-Kurs an der Uni gemacht hatte noch jemals einen Ultraschallkopf in den Händen gehalten hatte. Die Assistenten haben einen aber ziemlich pragmatisch eingeführt und waren dann auch immer für Fragen ansprechbar bzw. konnten zu der Untersuchung dazu gerufen werden. Letztendlich war es eine sehr gute Erfahrung, so selbständig arbeiten zu dürfen.

> Du hast ja auch schon Famulaturen in Deutschland gemacht. Sind dir Unterschiede aufgefallen?

Am ersten Tag wußten alle, dass ich kommen werde. Ich habe bei der Chefsekretärin meinen Mitarbeiterausweis, ein Dosimeter und ein Telefon erhalten. Auch die Kleidung hat das Spital gestellt. Danach wurde ich dem Chefarzt und den Ober- und Assistenzärzten vorgestellt und los ging es. Diese organisierte und überschwängliche Begrüßung war ich aus Deutschland bisher nicht gewohnt. Ansonsten fällt einem natürlich zuerst auf, dass in der Schweiz das Blut abnehmen und Zugänge legen keine ärztliche sondern pflegerische Tätigkeit ist und so ein großer Aufgabenbereich den Studenten in Deutschland haben, in der Schweiz gar nicht existiert.

> Blieb denn auch noch Raum für Freizeit?

Auf jeden Fall! Ich kam für deutsche Verhältnisse zwar immer recht spät aus dem Spital zurück, aber da alle deutschen Unterassistenten im gleichen Personalwohnheim untergebracht waren, haben wir meistens abends zusammen gekocht, waren am Pool oder haben einfach so zusammen gesessen. Am Wochenende ging es dann auf Erkundungstour in die Umgebung. Städtetouren nach Zürich und Luzern standen genauso auf dem Programm wie Wandertouren am Boden- und Waldensee. Auch der Rheinfall bei Schaffhausen ist eine Empfehlung wert. Einige PJler, die schon seit dem Winter da waren, haben außerdem von Skitagen in der Luzerner Gegend erzählt.

 

Der Pool hinter dem Wohnheim

> Wie lautet dein Fazit?

Ich musste mich zwar auf das aktive Arbeiten genauso wie auf das unruhige Wohnheimsleben erst mal einstellen, dann hatte ich aber eine richtig gute Zeit, in der ich viele neue Menschen kennengelernt habe. Eine Famulatur in der Schweiz würde ich jedem empfehlen, auch wenn ich nur das Kantonsspital Winterthur persönlich kenne.

 

 

 

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