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  • Felix Hutmacher
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  • 19.08.2022

Ist das noch Umziehen oder schon Auswandern?

Zieht man als Deutscher in die Schweiz um? Oder wandert man in die Schweiz aus? In dieser Artikelserie erzählt unser Autor, wie es ist, in der Schweiz zu leben und zu arbeiten.

 

Vier Amtssprachen, unzählige Dialekte, 450 Käsesorten, internationale Großstädte und traditionelle Alpwirtschaft: Auf einer Fläche halb so groß wie Bayern vereint die Schweiz unterschiedlichste Kultur- und Landschaftsräume. Darüber etwas zu wissen, hilft – insbesondere bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz.


Warum ich eigentlich gerne in der Schweiz arbeiten würde, wurde ich in jedem meiner Bewerbungsgespräche gefragt. Für mich ist die Antwort einfach: Ein Teil meiner Familie kommt aus der Schweiz, ich habe den deutschen und den Schweizer Pass. Aufgewachsen aber bin ich in Deutschland, und deshalb stellte sich auch mir die Frage: Wie anders ist es eigentlich hinter der Grenze, in der Schweiz?

Der Übergang zwischen Deutschland und der Schweiz ist sehr fließend. Wer den Allemanischen Dialekt aus der Südwestecke Deutschlands kennt, wird sich zum Beispiel im Baseldütsch, das auf der anderen Seite der Grenze gesprochen wird, sofort heimisch fühlen – der augen- oder ohrenfälligste Unterschied ist das deutlicher aus dem Hals gekratzte „ch“. Auch die Landschaft changiert eher, als dass es einen größeren Bruch gäbe: Das Schweizer Mittelland, das grob die nördliche Hälfte der Schweiz ausmacht und den größten und am dichtesten bewohnten Siedlungsraum bildet, erinnert mit seinen Mittelgebirgszügen ein wenig an eine Mischung aus bayerischem Alpenvorland und Schwarzwald. Heimweh ist deshalb bei mir als jemandem, der am Fuß des Bayerischen Waldes aufgewachsen ist, bisher keines aufgekommen.

Dieser fließende Übergang findet natürlich aber nicht nur aus dem deutschen Kultur- und Sprachraum statt. Die Westschweiz ist frankophon, und der französische Einfluss schwappt auch in die deutschsprachigen Gebiete über. Dabei entstehen an den kulturellen Berührungspunkten dann so wunderbare Mischungen wie Vollkorn-Croissants – in der Schweiz Vollkorn-Gipfeli genannt – die man in Deutschland wie Frankreich vergeblich suchen wird. Auch der italienische Einfluss ist in der Schweiz spürbar, und zwar auch außerhalb des Tessins: Italienische Restaurants servieren statt nur einem Hauptgang wie in Deutschland ganz wie in Italien primi und secondi piatti, also zwei kleinere Hauptgänge statt einem großen – und behalten damit ihren deutlichen Bezug zur italienischen Esskultur.

Das alles hat auch eine direkte Bedeutung, wenn man sich als Ärzt:in in der Schweiz auf Stellensuche begibt. Neben Spitälern, in denen klar ist, dass die Verkehrssprache Deutsch ist, zum Beispiel in St. Gallen, oder solchen, in denen Französisch gesprochen wird, zum Beispiel in Genf, gibt es auch Häuser, in denen mehrere Sprachen gefragt sind: Die Stadt Biel (oder Französisch: Bienne) ist offiziell zweisprachig, das dortige Spital fördert die Mehrsprachigkeit seiner Mitarbeiter:innen mit Sprachkursen. In Bern oder Basel liegen welsche, also französischsprachige Kantone in geographischer Nähe, weshalb hier Kenntnisse des Französischen nicht zwingend notwendig, aber deutlich von Vorteil sind.

Auch in den Bewerbungsunterlagen finden sich Ähnlichkeiten mit französischen Gepflogenheiten: Auf die Anrede folgt kein Komma, der erste Satz wird groß begonnen, und wie die Französ:innen unterschreiben die Schweizer:innen ihren Lebenslauf – oder CV, wie er in der Schweiz auch genannt wird – nicht. Wer dann noch beachtet, dass das Notensystem in der Schweiz umgekehrt ist (eine 6 ist die beste Note, dementsprechend sollte man die Angaben in seinem Lebenslauf auch mit der Note in Worten versehen – gut, sehr gut, etc.) und dass das Eszett (ß) unbekannt ist und stattdessen stets ein Doppel-S zu verwenden ist, der oder die macht bei seiner oder ihrer Bewerbung schon sehr viel richtig.

In diesem Sinne – beste Grüsse! Und bis zum nächsten Mal.

 

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