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  • Interview
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  • Markus Stiehm
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  • 01.06.2006

Wo Medizin Freude macht

Dr. Wolfgang Sperker und Tamara Hoffmann arbeiten als Ärzte in Skandinavien. Sie genießen die hohe Lebensqualität und die hervorragenden Arbeitsbedingungen und wollen gar nicht mehr zurück - trotz langer Winter und verschlossener Einwohner...

Interview mit Dr. Wolfgang Sperker, Kalix, Schweden

> Wie kommt man darauf, in Kalix am Polarkreis zu arbeiten?

Dr. Wolfgang Sperker: Meine Freundin und ich haben von anderen gehört, die hier waren, und denen es gefallen hat. Da haben wir uns spontan beworben. Wir wurden auch sehr schnell zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Anreise und die Unterkunft wurden komplett bezahlt, das hat Eindruck gemacht! Außerdem wurde uns ein Sprachkurs in Göteborg angeboten. Hinterher kann ich sagen: Das war die absolut richtige Entscheidung.

 

> Was gefällt Ihnen besonders?

Die Ausbildung während des AT ist besser als bei uns im Turnus. In Österreich macht man drei Jahre überwiegend Blutabnahmen und diktiert Arztbriefe. Danach ist man "ausgebildeter" Praktischer Arzt - kann aber nicht wirklich viel. Hier gibt es Fortbildungen, ein festgelegtes Programm, welche Fächer man durchlaufen muss, und ein Oberarztsystem, das funktioniert - das heißt, es steht immer jemand bereit, den man fragen kann. Als AT-Läkare verdiene ich etwa 2.200,- Euro netto. Jeder bekommt außerdem während der AT-Zeit einmal "Kompetenz-Geld" in Höhe von 1.500 Euro, das er zum Beispiel für eine Fortbildungsreise ins Ausland nutzen kann. Und: Jedem Arzt steht ein eigenes Büro mit PC zu, in das er sich auch mal zurückziehen kann. Die Lebensqualität hier oben ist einfach um einiges höher. Es ist gar nicht so, dass ich mehr verdiene, sondern so, dass ich weniger Dienste habe und trotzdem auf dasselbe Geld komme, ich habe also mehr Freizeit. Das liegt sicher auch an dem Zeiterfassungssystem, das sie hier haben - eine Stechuhr. Meiner Freundin und mir gefällt es so gut, dass wir überlegen, für immer hier zu bleiben.

 

> Wird die AT-Zeit für die Approbation in Österreich reibungslos anerkannt?

Nein, leider nicht. Da gibt es Probleme. Derzeit wird unsere schwedische Approbation nach dem AT in Österreich nicht anerkannt. Die Approbation erlangt man in Österreich nämlich erst mit der Facharztausbildung und nicht nach dem Studium! Und die spätere Facharztausbildung in Schweden wird in Österreich wiederum nicht ohne weiteres anerkannt, obwohl das doch innerhalb der EU kein Problem sein sollte! Wir müssen zu Hause in Österreich eventuell zusätzlich noch eine Prüfung ablegen und sogar bestimmte Fächer nachholen. Uns ist natürlich klar, dass eine 18-monatige Ausbildung in Schweden nicht einem mindestens 36-monatigen Turnus in Österreich gleichgesetzt werden kann: Trotzdem ist das ein Skandal. Die österreichische Ärztekammer vermittelt die Leute nach Skandinavien und kümmert sich nicht wirklich um die spätere Anerkennung.

 

> Woran, glauben Sie, liegt das?

In Österreich haben junge Ärzte einfach keine Lobby. Wir müssen teilweise bis zu drei Jahre warten, bis wir einen Platz für den Turnus oder den Facharzt bekommen, ein Wahnsinn. Deshalb gehen viele ins Ausland.


Interview mit Tamara Hoffmann, Trondheim, Norwegen

> Wie sieht die Arbeitswoche einer norwegischen Assistenzärztin aus?

Tamara Hoffmann: Ich habe je einmal pro Woche poliklinische Sprechstunde und Tagesdienst. Dann bin ich vor allem für die Notaufnahme zuständig. Ansonsten mache ich Stationsdienst oder bin im OP eingeteilt. Etwa einmal pro Woche habe ich Nachtdienst. Das Bemerkenswerte: Der Dienst beginnt erst um 15.45 Uhr, ich habe also vor dem Dienst frei!

 

> Wie würden Sie Ihre Arbeitsbedingungen beurteilen?

Ich bin sehr zufrieden, was die Arbeitszeiten und das Gehalt betrifft. Ich bekomme etwa 3.000 Euro netto - eigentlich erschreckend viel. Überstunden werden aufgeschrieben und vergütet. Jeder hat zudem ein eigenes Büro mit PC. Freizeit habe ich üppig: 20 Tage Urlaub im Jahr, dazu rund 20 Tage überstundenfrei und 10 Tage für Fortbildungen, die auch bezahlt werden.

 

> Wie haben Sie Ihre Stelle gefunden?

Ich war über ERASMUS als PJ-Studentin aus Berlin in Trondheim und habe bereits damals als Hilfskraft auf der Ortho gearbeitet. Kurz vor meinem Dritten Stex kam eine E-Mail aus Norwegen: Ob ich mir vorstellen könnte, kurzfristig einzuspringen? Das kam wie gerufen. Im Mai 2005 bin ich dann als Assistentin übernommen worden. Ich hatte Glück, da ja gerade das AiP abgeschafft wurde und ich als vollapprobierte Ärztin anfangen konnte.

 

> Herrscht noch Ärztemangel in Norwegen?

Mittlerweile gibt es genügend Arzte. Die goldenen Zeiten, in denen Umzug und Sprachkurs bezahlt wurden, sind vorbei. Gerade als Berufseinsteiger hat man es schwer, in den größeren Städten eine passende Stelle zu finden.

 

> Muss man norwegisch können?

Ohne Sprachkenntnisse braucht man sich gar nicht erst auf eine Stelle zu bewerben. Man muss mittlerweile sogar einen Sprachkurs und einen Fachsprachkurs für ausländische Ärzte nachweisen. Einen PJ-Platz bekommt man aber noch ohne norwegische Kenntnisse.

 

> Was gefällt Ihnen besonders gut und was weniger gut?

 Der hohe Frauenanteil von etwa 35 Prozent ist ungewöhnlich für Orthopäden. Es herrscht ein lockeres Klima und eine flache Hierarchie. Hat man über ein halbes Jahr in der Abteilung gearbeitet und wird dann schwanger, erhält man nach der Geburt des Kindes für ein Jahr sein volles Gehalt - und man bekommt einen Kindergartenplatz im Krankenhaus. Was mir nicht gefällt, ist die manchmal etwas chaotische Organisation, die etwas inkonsequente Ausbildung für Jungärzte und die langsamen Arbeitsprozesse.

 

> Was raten Sie jungen Kollegen, die in Norwegen arbeiten wollen?

Man sollte vom Land fasziniert sein. Kommt nicht allein wegen des Geldes her! Die Winter sind lang und die Menschen verschlossen. Norweger sind wie Thermosflaschen: außen kalt, innen aber sehr warm. Es braucht Zeit, um sich ihre Seele zu erschließen. Für eine strukturierte Ausbildung zum Facharzt auf dem kürzesten Weg ist Norwegen das falsche Land.

 

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