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  • Text und Fotos: Benjamin Kroh
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  • 29.10.2015

Famulatur Urologie in Wien

Von Musical bis Oper, von der Ringstraße bis zum Heurigen und von der Kanalisation bis auf das Riesenrad im Prater: in Wien kommt keine Langeweile auf. Wie du dich dort auf einen Famulaturplatz bewirbst und was dich erwartet.

Wien - Foto: Benjamin Kroh

 

 

Wien ist Walzer! Harmonisch, prächtig und im Rhythmus wiegend. Und Wien ist eine der lebenswertesten Städte der Welt. Für mich waren diese Gründe ausschlaggebend genug, eine Famulatur in der Urologischen Ambulanz der Barmherzigen Brüder zu absolvieren.

Wien ist auch Wiener Schmäh: Ah gehhh Bitteeeeee .... i hoabs glei g’sagt: das geht sich net aus! Soweit alles verstanden, oder? Spätestens nach dem folgenden Text wisst ihr, was es bedeutet, Lulu zu machen und wie man anständig flucht, denn hier wird kein Blatt vor den Mund genommen.

 

Unkompliziertes Bewerbungsverfahren

Meine Bewerbung habe ich per E-Mail etwa ein halbes Jahr im Voraus an das Sekretariat der Urologie versandt (abteilung.urologie@bbwien.at). Und knapp vier Wochen später erhielt ich die Zusage als Rückantwort. Vorab wies man mich bereits daraufhin, dass der Famulaturbeginn stets am Montag ist und man keine Arbeitskleidung benötige. Diese wird vom Krankenhaus gestellt (Kittel, Hose und Hemd). Ich brauchte nur Stethoskop und Turnschuhe – das geht sich aus (das passt schon).

Da Österreich Nachbarland von Deutschland ist, waren kaum Formalitäten notwendig. Für meine Zeit im Ausland war ich selber krank- und haftpflichtversichert. Für die Einreise reicht der Personalausweis. Je nachdem, von welchem Fleck aus Deutschland man anreist, bieten sich verschiedene Möglichkeiten. Der Flughafen (mein Transportmittel war der Flieger) ist super angebunden und sehr komfortabel. Hilfreich vor Ort in ganz Wien ist insbesondere der Internationale Studentenausweis (ISIC). Dieser gewährt bei Vorlage saftige Rabatte an der Kassa (Kasse).

 Wien - Foto: Benjamin Kroh

 

Die Famulatur: Unbezahlt, dafür mit Verpflegung

Zwar wird die Famulatur nicht vergütet, allerdings bietet das Krankenhaus jedem Famulanten eine warme Speise pro Tag an. Und im Gegensatz zu deutschen Krankenhäusern war es sehr, sehr lecker. Viel wichtiger aber: man kam in den Genuss typischer Landesküche. Man konnte aus drei warmen Speisen auswählen (inkl. einem vegetarischen Gericht) und das Billet (Essensmarke) beinhaltete Suppe, Salat, Haupt- und Nachspeise sowie Wasser. Als Vorgeschmack dient Kaiserschmarrn, Flädlesuppe oder Schwammerl mit Kloß. Keine Sorge: satt wird man wirklich.

So günstig die Verpflegung im Krankenhaus ist, so kostspielig kann die Suche nach einer Unterkunft werden. Da ich zu Semesterbeginn (Anfang Oktober) eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht habe, war ich auf dem Wohnungsmarkt nicht alleine. Und da insbesondere für drei Wochen kaum Angebote vorhanden waren, gestaltete sich die Wohnungssuche ähnlich schwierig, wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Bei Freunden konnte ich als Zwischenmieter schlafen. Es ist ratsam, sich frühzeitig nach einer Wohnmöglichkeit umzuschauen. Das Krankenhaus selbst bietet keine Zimmer im Schwesternwohnheim an.

 

Der Arbeitsalltag im Krankenhaus

Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder liegt im zweiten Bezirk (ganz Wien ist in Bezirke gegliedert und die Innenstadt bildet den 1. Bezirk). Die Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr ist super: die U-Bahn Stationen Nestroyplatz (Linie 1) und Taborstraße (Linie 2) sind fußläufig erreichbar. Die Umkleiden befinden sich im Untergeschoss und gegen eine Pfandgebühr kann man einen Spind anmieten. Durchs Stiegenhaus (Treppenhaus) kommt man sowohl in die Urologische Ambulanz, als auch in die Eingriffsräume im EG. Im vierten Stock ist die Urologische Station.

 

Wien - Foto: Benjamin Kroh

 

Jeder Arbeitstag beginnt in der Früh um 07:30 mit der Morgenbesprechung. Hier werden Neuzugänge besprochen und der OP-Plan gemeinsam erklärt. Danach obliegt es dem Famulanten, wem er folgt. Die teilhabenden Oberärzte sind darum bemüht, dass man möglichst viel Einblick bekommt. So ist es möglich, die Assistenzärzte bei ihrer Arbeit auf der Station zu unterstützen. Man erhebt eigenständig Anamnesen, kann Laaaabor (Blutwerte) abnehmen oder assistieren, z.B. beim ZVK-Legen. Im Eingriffsraum und im OP ist man meist in steril am Tisch und assistiert ebenfalls (sei es eine Sekundärnaht-Revision oder einer Circumcision). Besonders stolz ist die Urologische Abteilung, wenn der DaVinci-Operations-Roboter zum Einsatz kommt (z.B. bei einer Prostatektomie). Am abwechslungsreichsten ist die Arbeit in der Ambulanz. Hier behandelt man akute Notfälle oder führt klerikale Check-Ups durch. Neben dem Labor darf man hier schallen, rektal untersuchen und bei Urethroskopien zugucken – Standard ist es, vorher zu fragen, ob’s Lulu g’mocht hoabn (waren Sie auf der Toilette?).

In meiner Zeit habe ich viele Krankheitsbilder gesehen: Hydrozelen, Nephropathien, Hodentumore, Phimosen, Ureter- und Nierensteine. Jeden Mittag findet das radiologische Konsil statt. Interessant ist es, wenn Patienten, die man selbst aufgenommen hat, noch einmal nachbesprochen werden und z.B. Uretersteine bildhaft werden. Ach, und fast vergessen sind die Visiten: täglich von den Oberärzten durchgeführt und dreimal in der Woche vom Chef begleitet erfährt man wirklich „Bedside-Teaching“. Meist beginnt um 13:30 die Nachtschicht, sodass man noch genügend Zeit hat, das wunderbare Wien zu erkunden.

 

Wien lässt keine Zeit für Langeweile

Österreichs Kultur erstreckt sich nicht nur auf das leibliche Wohl! Wien ist und bleibt Weltstadt. Von Musical bis Oper, von der Ringstraße bis zum Heurigen und von der Kanalisation bis auf das Riesenrad im Prater: hier kommt keine Langeweile auf. Auf jeden Fall sollte man eine Melange (Milchcafe) in einem Kaffeehaus trinken (Café Schwarzenberg, Kärntner Ring 17), ein Stück Sachertorte genießen (Hotel Sacher, Philharmoniker Straße 4) und ein Wiener Schnitzel verspeisen (Stiegl-Ambulanz, Alser Straße 4).

 

 Wien - Foto: Benjamin Kroh

 

Man wird es gar nicht schaffen, alle atemberaubenden Museen und Gebäude zu besichtigen. Für wagemutige Wahnsinnige, hier ist eine never-ending Liste: Schloss Schönbrunn, die Hofburg, die Oper, das Kunst- und das Naturhistorische Museum, der Stephansdom, die Altstadt, das Museumsquartier, Schloss Belvedere, die Praterinsel, die Alte Donau, das Burgtheater, das Rathaus, das Parlament, der Hofgarten... Es lohnt sich bei gutem Wetter eine Rad-Tour zu machen (online umsonst registrieren und ausleihen, www.citybikewien.at) oder aber bei Regen mit der Vienna Ring Tram um die Innenstadt zu fahren.

 

Wien - Foto: Benjamin Kroh

       

Eine wichtige Adresse für den Auslandsaufenthalt ist das Sekretariat (abteilung.urologie@bbwien.at). Hier laufen alle Fäden zusammen und die hilfsbereiten Sekretärinnen ermöglichen alles (von Autogramm (Unterschrift) bis Zubbeln (bis heute nicht rausgefunden)).

Für einen alternativen Blick auf Wien, abseits der Touristenrouten, hier noch ein paar Tipps: fancy eingerichtet ist das Figar (Kirchengasse 18). Ob zum Frühstück, Brunch, Lunch oder einem abendlichen Snack: hier findet jeder was, dem z.B. Hühner Saltimbocca auf cremiger Polenta und Erdapfle-Pie Suppe keine Angst macht. Gleichermaßen lecker ist das Ulrich (Sankt Ulrichsplatz 1). Hier ist im Winter besonders das Ganslessen beliebt. Generell gilt: jeder Bezirk in Wien hat seinen eigenen Charme, seine eigenen Plätze und heimeligen Cafés/ Restaurants. Besonders schön fand ich die Josefstadt (8. Bezirk) und Neubau (7. Bezirk). Dort unbedingt in der Rauch Juice Bar (Neubaugasse) vorbeischauen: müde Männer werden bei einem Vitamin Boother wieder munter. Wer das verpasst, kann am Flughafen sich auch in der Juice Factory stärken (ich empfehle Holly Holler).

 

Wien - Foto: Benjamin Kroh

 

Wer jetzt von Wien immer noch begeistert ist, dem lege ich ans Herz: schläch di, sonsta spults Granada!

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