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  • Bericht
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  • Juliane Styra
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  • 11.11.2015

WELCOME TO VIENNA!

Prater, Party, Kultur und Kardiologie – Juliane famulierte einen Monat in Wien. Warum die Stadt auch ohne Sissi und Franz eine Reise wert ist.

Motivation

Seit einer 3-tägigen Städtereise nach Wien wusste ich: diese wunderschöne Stadt hat ein ganz besonderes Flair und so viel zu bieten, dass es sich auf jeden Fall lohnen wird, einen längeren Zeitraum hier zu verbringen. Warum also nicht eine Famulatur in einem der größten Krankenhäuser Europas machen? Das Ganze noch in deutscher Sprache und trotzdem im Ausland.

Bewerbung

Kurzerhand verfasste ich ein Anschreiben mit Lebenslauf und Studienbescheinigung und schickte die Dokumente per Email an die Studiensekretariate der Inneren Medizin am AKH (Allgemeines Krankenhaus, Universitätsklinik der Stadt Wien).Schon zwei Tage später bekam ich die Zusage für eine Famulatur an der Klinik für Kardiologie für den Zeitraum von Mitte September bis Mitte Oktober. Wundere dich nicht: die Österreicher sind nicht so bürokratisch wie wir Deutschen: ich musste keine weiteren Unterlagen, weder das Physikumszeugnis, noch Impfnachweise oder sonstige Dokumente einreichen.

Unterkunft

Da das AKH keine Unterkunft für Famulanten stellt, musst ich mir selbst eine suchen. Über Portale wie WG-gesucht und Studenten-WG wurde ich schließlich fündig: die ersten beiden Wochen konnte ich zur Zwischenmiete in einer Vierer-WG und für den Rest der Zeit bei einer Frau im 7. Bezirk unterkommen. Es ist sicherlich einfacher, eine Zwischenmiete vom ersten bis zum letzten Tag des Monats zu bekommen – und du brauchst etwas Geduld, da die Zimmer zur Zwischenmiete relativ kurzfristig angeboten werden. Aber das Warten hat sich gelohnt: beide Unterkünfte waren in absoluter Top-Lage – raus aus der Haustür, rein ins Großstadtleben -, die Vermieterin und auch meine Mitbewohner sehr hilfsbereit, nett undunkompliziert. Insgesamt habe ich 100€/Woche für ein möbliertes Zimmer bezahlt.

Anreise

Angereist bin ich einen Tag vor Famulaturbeginn mit dem Flixbus. Vorallem in Zeiten von steigenden Bahnpreisen und Streiks kann ich die Fernbuslinien nur empfehlen: meiner Meinung nach ist es der einfachste und günstigste Weg,Strecken dieser Länge zurückzulegen.

Das Krankenhaus

Gleich am nächsten Tag war es auch schon so weit: mein erster Tag am AKH! Auf einer Grundfläche von 240.000m² finden sich 26 Universitätskliniken, die wiederum in 36 Klinische Abteilungen gegliedert sind. In den Bettenhäusern stehen pro Station 28 Betten, pro Zimmer 2 – 3, insgesamt gibt es 2134 Betten. Von 8955 Mitarbeitern sind 1453 Ärzte und 2941 KrankenpflegerInnen. (Quelle: AKH Wien – Leitfaden für BesucherInnen)
Aufgrund dieser Zahlen scheint es kaum verwunderlich, dass das AKH eine eigene U-Bahn-Station hat: „Michelbeuern-AKH“. Man steigt aus der U6 aus und fährt mit der Rolltreppeeinem Gang hoch, der direkt vor den Haupteingang der Klinik führt. Dort findet man sich in einem großen Eingangsbereich wieder, in dem es einen eigenen Spar-Supermarkt, eine Post, einen Bäcker, einen Tabakladen, undeinen Pizza- und Asia-Stand gibt - und sogar einen eigenen Starbucks. Wichtig zu wissen, um sich im großen Gebäude orientieren zu können: Das AKH besteht aus drei farbig gekennzeichneten Bereichen:
Die chirurgischen Kliniken, grün markiert, und die Innere Medizin, rot, befinden sich jeweils in einem der beiden großen Bettentürme. Dazwischen befinden sich im blauen Bereich über die Stockwerke 3-8 verteilt die Ambulanzen. Um zur Kardiologie zu gelangen, fährt man mit einem der roten Lifte bis in den 19. Stock von insgesamt 21. Das Stockwerk ist dann nochmal unterteilt in verschiedene Stationen, H – L.

Die Famulatur

An meinem ersten Tag meldete ich mich zuerst im Studentensekretariat, wo es einige wenige Formalitäten zu klären gab, wie z.B. die Unterzeichnung der ärztlichen Schweigepflicht. Anschließend wurde ich zu Wäscherei geschickt. Die Kleidung, Hose, Shirt und Kittel, werden von der Klinik gestellt, man muss lediglich 25€ Pfand hinterlegen, die man am Ende der Famulatur wieder zurückbekommt.
Danach ging es auf die Station 19 H, auf der ich sehr freundlich vom Pflegepersonal und den Assistenzärzten empfangen wurde. Gleich darauf bekam ich meine erste Aufnahme zugeteilt und war sofort mittendrin im Klinikalltag. Da ich nicht die einzige Famulantin auf der Station war, konnte ich mir die Aufgaben entweder aufteilen oder zusammen erledigen – genug Arbeit gab es immer. Durch die anderen Studenten und Studentinnen aus aller Welt war es sehr einfach, Anschluss zu finden und auch nach der Arbeit etwas zusammen zu unternehmen.
Die folgenden Tage begannen für mich um kurz vor 8 Uhr entweder mit Blut abnehmen oder mit der Herzkatheterbesprechung. Im Anschluss nahm ich Patienten auf, verfasste Briefe und folgte der Visite, wobei ich richtig viel lernen konnte. Die Oberärzte bezogen uns Studenten in die Therapieplanung und Medikamenteneinstellungen mit ein, stellten Fragen und gaben uns auch oft Themen, die wir nachschlagen sollten. Auch die Assistenzärzte waren sehr bemüht, uns etwas beizubringen und nahmen sich viel Zeit, um mit uns zusammen EKGs auszuwerten, Patientenfälle durchzugehen oder Krankheitsbilder zu besprechen.
Abhängig von der Anzahl der Aufnahmen und auch nach eigenem Interesse konnte ich an Untersuchungen, wie z.B. Herzechokardiographie und Punktionen, oder auch an Fortbildungsveranstaltungen und Vorträgen teilnehmen. Was die Arbeit am AKH zusätzlich sehr interessant machte, war das besondere und breit gefächerte Patientenkollektiv auf der Station.
Zum einen, weil in einer Universitätsklinik allgemein auch eher seltene Fälle behandelt werden und zum anderen, weil es sehr viele internationale Patienten zu betreuen gibt. Es war nicht ungewöhnlich, ein Anamnesegespräch auf Englisch zu führen und den klinischen Untersuchungsablauf in englischer Sprache zu erklären. Obwohl ich eine Famulatur im deutschsprachigen Österreich absolviert habe, hat sich mein Englischwortschatz sehr verbessert.
Die Zusammenarbeit mit dem Pflegepersonal funktionierte durchweg sehr gut, die Pfleger und Pflegerinnen waren sehr hilfsbereit und immer dankbar, wenn man ihnen Arbeiten, wie z.B. Blutabnehmen und EKGs Schreiben abnahm. Übrigens: Am AKH arbeitet das Pflegepersonal in 12-h-Schichten, d.h. von 7 – 19 Uhr und der Nachtdienst dementsprechend von 19 – 7 Uhr, insgesamt 14 Tage im Monat. Es gibt also keinen Wechsel von Früh- zu Spätdienst und man ist den ganzen Tag mit den gleichen Schwestern und Pflegern zusammen, was den Kontakt vereinfacht.
Ärzteteam und Pflegepersonal arbeiten wesentlich enger zuammen als in deutschen Krankenhäusern, in denen ich bis jetzt Praktika absolviert habe. Je mehr du dich selbst einbringst und je mehr Interesse und Engagement du zeigst, desto mehr Zeit nehmen sich die Ärzte, um dir etwas zu erklären, neue Aufgaben zu stellen und den Klinikalltag lehrreich zu gestalten. Generell kann ich behaupten, dass die Leute in Wien, Ärzte, wie auch Menschen in der Fußgängerzone, alle sehr aufgeschlossen und überdurchschnittlichhilfsbereit sind.
In der Mittagspause kannst du entweder zusammen mit den anderen Famulanten und den Ärzten in das Personalrestaurant am AKH gehen (allerdings gibt es kein kostenloses Mittagessen, die Preise liegen zwischen 2- 4 € pro Gericht), oder dir etwas im Supermarkt kaufen und in der Stationsküche essen. An den meisten Tagen war der Arbeitstag spätestens um 16 Uhr beendet, es ist aber kein Problem, wenn man an manchen Tagen schon früher geht - selbstverständlich kannst du aber auch länger bleiben.

Freizeit

Nach Arbeitsende ist der Tag noch längst nicht vorbei! Am besten lässt du keine Möglichkeit aus, die moderne und gleichzeitig historische Stadt Wien zu entdecken und erleben. Es gibt unzählige Bauwerke zu bestaunen, vom Stephansdom über die Volksoper, das Rathaus, die Nationalbibliothek bis hin zu den Schlössern Schönbrunn und Belvedere.
Daneben gibt es Museen, die nahezujedes Interessensgebiet bedienen, z.B. das Kunsthistorische oder das Naturhistorische Museum im 1. Bezirk, das Museum in der Hofburg über die königliche Familie mit dem Sissi-Museum, das Kriminalmuseum, die Ausstellungen in den Gebäuden am Museumsquartier uvm.
Ich persönlich kann jedem Medizinstudenten wärmstens empfehlen, den Narrenturm am alten AKH zu besuchen– in dem Gebäude der ältesten Psychiatrie Europas findest du hier eine Ausstellung von verschiedenen medizinischen Themengebieten mit Feuchtpräparaten und anderen Exponaten. Es gibt auch Führungen, durchgeführt von Medizinstudenten aus Wien, die ich jedem ans Herz legen kann.
Die Flaktürme am Haus des Meeres bieten in einer Höhe von 192 Stufen eine wundervolle Aussicht über die ganze Stadt. Wie die Aufschrift des Turmes „Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht)“ lautet übrigens auch ein Songtitel von Thees Uhlmann, der eine Hommage über den 7.Bezirk in ein Lied gepackt hat – unbedingt anhören! Wer Lust hat, sich sportlich zu betätigen, dem rate ich zu einer Fahrt um den Ring in Wien mit einem City-Bike (vorher im Internet anmelden, die erste Stunde ist kostenlos), oder den Besuch des Amalien-Bads - ein altes architektonisch wunderschönes Schwimmbad. Als kulinarisches Highlight empfiehlt sich ein Gang über den Naschmarkt – hier wird an Ständen so manche Köstlichkeit angeboten - zum Kaufen, aber auch zum Probieren.
Bars und Kneipen gibt es im 7. Bezirk eine nach der anderen, dasselbe gilt für Feierlocations. Wenn du gerne Electro hörst, solltest du unbedingt einen Abend in der „Grellen Forelle“ verbringen. Im „Schikaneder“ kannst du Sonntag abends in einem kleinen, gemütlichen Kino-Saal Tatort schauen gehen – das ist weit verbreitet unter den jungen Leuten, sei also unbedingt rechtzeitig da.
Ich persönlich habe vor meiner Famulatur ein Buch geschenkt bekommen: „111 Plätze, die man in Wien gesehen haben muss“ mit sehr guten Tipps für den Wienaufenthalt. Ansonsten schau dich im Internet um, was aktuell für Veranstaltungen stattfinden - während meiner Famulaturzeit fand u.a. ein großes Konzert mit dem Motto „Refugees Welcome“, die lange Nacht der Museen und der Tag des Sports statt.
Wien istmit einer Einwohnerzahl von 1,741 Millionen (Stand 2013) eine sehr multikulturelle Stadt – mehr als die Hälfte der Einwohner sind aus anderen Ländern eingewandert, lediglich 35% sind Österreicher. Steht man orientierungslos auf der Straße mit einer Karte in der Hand oder in der U-Bahn-Station, wird man häufig gleich angesprochen und bekommt den Weg erklärt.
Zudem auffällig: ich habe noch nie so eine saubere Stadt wie Wien gesehen, es gibt nahezu keinen Müll auf den Straßen und sehr viele Grünflächen. In diesem Jahr wurde Wien von „Mercer“ zum 6. Mal in Folge zu der lebenswertesten Stadt der Welt gekürt – das kann ich nur bestätigen.

Internetadressen:


Kontakt Famulatur Anfrage:

http://www.akhwien.at/default.aspx?pid=85&mid=122&rid=56

Wohnungssuche:

http://housing.oead.at/de/unterkuenfte/wien-de
http://www.studenten-wg.de/A%3A%20Wien,wg.html
www.wg-gesucht.de

Anhören - Zerschmettert in Stücke

https://play.spotify.com/album/6FZfqhnzs4xbavfcGopbFb 

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