Zurück zu Norwegen
  • Bericht
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  • Kati Martens
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  • 23.04.2009

Famulatur in der Thoraxchirurgie in Oslo

Eine Zeit in Norwegen zu leben und zu arbeiten war schon lange mein großer Traum. Als Kind war ich mehrmals in Norwegen und habe diese Sommer in schöner Erinnerung. Wasser, Sonne, Wildnis, Eis, Erdbeeren und Boot fahren: ganz klar mein Kinderparadies. Meine letzte Norwegenreise lag nun aber schon lange zurück, die Zeit war gekommen, meine Erinnerungen zu überprüfen. Die Organisation eines Auslandsjahres gestaltete sich schwierig; schließlich entschied ich mich für eine Famulatur im Norden Norwegens.

Vorbereitung und Bewerbung

Ich habe mich ein knappes Jahr vor dem geplanten Aufenthalt über den Famulantenaustausch der bvmd beworben. Ganz klarer Nachteil hierbei ist die enorme Zahl von Bewerbern auf Plätze in Skandinavien. Außerdem können sich Bewerber nicht wirklich aussuchen, in welchem Fachgebiet sie famulieren werden. Ich landete schließlich in der Thoraxchirurgie.
Die Vorteile der Organisation über die bvmd überwiegen trotz der geringen Wahlfreiheit bei weitem. Ist man einmal akzeptiert, kümmert sich das Gastland um eine Unterkunft, oft um Verpflegung und am wichtigsten, um den Platz im jeweiligen Krankenhaus. Und damit hatte ich es in Norwegen sehr gut getroffen. Ich war gleichzeitig mit anderen Studenten aus aller Welt in "meiner" Klinik, was sehr schön war, da einerseits immer jemand da war, mit dem ich etwas unternehmen konnte, und da ich andererseits auf diese Weise einen Einblick in weitere Gesundheitssysteme, Länder und Sitten erhielt.

Einen Riesendank schulden wir unseren norwegischen Koordinatoren, die sich wirklich hingebungsvoll um uns gekümmert haben, von den Willkommenstüten mit Schokolade in unseren Wohnheimzimmern, über norwegische Handykarten, bis zum Ferienhaus für ein Wochenende. Und vor allem natürlich sind wir dankbar für die schönen Abende und Nachmittage mit Grillen, Kochen und Kennenlernen der besten Stellen Oslos. Es war wirklich toll, in der Stadt derart willkommen zu sein.

 

Das Krankenhaus

"Mein" Krankenhaus war das Ullevål Universitetssykehus. Es handelt sich um eine der zwei Universitätskliniken der Universität Oslo und um das wohl größte Krankenhaus in Norwegen überhaupt.

 

Alle Fotos von Kati Martens

 

Weil Norwegen so groß und in weiten Teilen so dünn besiedelt ist, ist es die Strategie des norwegischen Gesundheitswesens, alle komplizierten Fälle zentral in einigen wenigen Zentren, vor allem eben in den Unikliniken zu behandeln.
Bei der Ankunft hatte ich auf der Station einen Zettel mit dem Namen meiner Ansprechpartnerin, Mari-Liis Kaljusto erhalten, samt Treffpunkt für den ersten Tag. Aufregend: Mal wieder der erste Tag in einem neuen Land und in einem neuen Krankenhaus.

Alles klappte reibungslos, und nach 10 Minuten saß ich schon mit im "Morning Meeting" und wurde den Kollegen vorgestellt. Im Morning-Meeting wurden jeden Morgen ab 7:30 Uhr sämtliche Patienten vorgestellt, jeweils vom aufnehmenden oder operierenden Arzt. Oft gab es hier auch interessante Diskussionen zur OP-Planung, bei denen die Oberärzte gelegentlich von früheren ähnlichen Fällen berichteten.

Anschließend ging es meist zum "Heart Meeting", dem Treffen der Thoraxchirurgen und Kardiologen, wo das Vorgehen für weitere Patienten gemeinsam besprochen wurde. Diese Besprechungen waren sehr interessant, aber komplett auf Norwegisch. Um überhaupt von den Besprechungen zu profitieren, musste ich mich trotz eines einjährigen Norwegisch-Kurses sehr konzentrieren.

Nach den Meetings konnte ich entweder die Ärzte in den OP begleiten und dort zuschauen, oder ich ging mit dem Stationsarzt zur Visite. Anfangs fand ich die Operationen am offenen Herzen spannender als die Visiten, weil dies mein erster Kontakt mit der Thoraxchirurgie war. Doch nach einer Woche wurde es mir etwas langweilig, immer nur zu schauen. Auf Nachfrage durfte ich dann auch manchmal mit am Tisch stehen und dabei helfen, Gefäße zu präparieren und Nähte zu setzen.

Ich hatte den Eindruck, dass die Ärzte in Norwegen häufiger als in Deutschland auf sich allein gestellt operieren. Bei einer Bypass-OP zum Beispiel öffnet der Operateur allein den Brustkorb und präpariert die A. mammaria, während sein Assistent die Vene präpariert. Sobald am Herzen nichts mehr blutet ist der Assistent dann aber auch schon wieder weg. Von daher sind die Ärzte im OP wirklich extrem konzentriert und verständlicherweise nicht der Situation, lange Erklärungen abzugeben. Dies wird aber von norwegischen Studenten auch nicht erwartet. Ebenfalls nicht vorausgesetzt wird, dass norwegische Studenten sich OPs anschauen oder gar assistieren. Nach den OPs waren in der Regel alle sehr gerne bereit, Fragen zu beantworten.

Nachdem die OPs für mich quasi schon zur Routine geworden waren, bin ich morgens gelegentlich mit zur Visite gegangen. Diese begann jeweils mit viel Kaffee und einem zweiten Frühstück auf der Step-Down Station, was in etwa der deutschen Intermediate Care entspricht. Jeder Pfleger ist für ein oder zwei Zimmer verantwortlich und bespricht die eigenen Patienten mit dem Arzt. Ich hatte den Eindruck, dass das Verhältnis der Ärzte zum Pflegepersonal in Norwegen wesentlich respektvoller, gelassener und produktiver ist, als ich es häufig in Deutschland erlebt habe. Durch die flachen Hierarchien und wohl auch durch die etwas bessere Besetzung läuft - so mein Eindruck - alles entspannter.

Im Anschluss an das zweite Frühstück ging es zu den Patienten. Wie in Deutschland auch wird hier ein Gespräch geführt, Verbände kontrolliert und ähnliches. Außer Arzt und Pflege war bei der Visite immer noch eine Pharmakologin anwesend, mit der die Medikation besprochen wurde.

Im Allgemeinen übernimmt das Pflegepersonal viel mehr Aufgaben als in Deutschland üblich, auch die Blutabnahmen ist hier keine ärztliche Aufgabe.

Vor allem zu Beginn meiner Teilnahme an den Visiten hat sich "meine" Ärztin freundlicherweise oft die Mühe gemacht, bei der Visite Englisch zu sprechen, sodass es für mich ein bisschen leichter war, den Gesprächen und Anordnungen zu folgen. Ich glaube aber nicht, dass es sinnvoll ist, ohne Norwegischkenntnisse in Norwegen zu famulieren. Auch wenn alle Ärzte hervorragend Englisch sprechen, und viele sogar gut Deutsch können, laufen natürlich alle wichtigen Gespräche auf Norwegisch. Man denke auch an den Patientenkontakt, der ohne Norwegischkenntnisse nicht wirklich möglich ist.

Eigenständig durfte ich nur sehr wenig machen. Ein paar Mal habe ich Patienten aufgenommen, die am nächsten oder übernächsten Tag operiert werden sollten. Hier haben wir sehr gründliche die Anamnese erhoben (hauptsächlich mein norwegischer Mitstudent) und die Patienten sorgfältig untersucht. Ich empfand es als sehr angenehm und motivierend, dass uns für die Patientenaufnahme sehr viel Zeit eingeräumt wurde. Sogar die Ärzte investieren in eine Aufnahme mit Aufklärung gelegentlich eine Stunde oder sogar mehr.

Das UUS ist sehr stolz darauf, die beste Notfallabteilung des Landes zu haben, inklusive Hubschrauberrettung und komplett ausgestattetem Not-OP. Auch einer der Thoraxchirurgen gehört zu dem großen Team, dass Unfallopfer in "Empfang" nimmt. Es ist schon spannend zu sehen, mit wie viel Hightech und Organisation die Norweger dort zur Sache gehen. Jeder Mitarbeiter der Notfallabteilung bekommt einen großen Aufkleber mit seiner Funktion (bei mir dann also "Observatør"), damit sich alle einfacher orientieren können. Ich war insgesamt sehr gerne in der Notaufnahme, denn dort konnte ich durchaus auch "normale" ambulante Patienten vorab untersuchen und interviewen.

Hier noch die Adresse der Abteilung für Thoraxchirurgie des Ullevål Universitetssykehus:

Ullevål Universitetssykehus
Thoraxkirurgisk Avdeling
Abteilungleiter: Oystein Vengen
Kirkeveien 166
0407 Oslo
Norway

 

Literaturempfehlungen

Ich fand die "Gebrauchsanweisung für Norwegen" sehr unterhaltsam, ansonsten hatte ich noch den Lonely Planet "Norway" dabei, der mich aber eher enttäuscht hat mit seinen oberflächlichen Informationen und meiner Ansicht nach unbrauchbaren Karten.
Im Krankenhaus solltet Ihr unbedingt nach dem "Methodbok" fragen, einer Art Leitfaden und Kurzlehrbuch, den die großen Abteilungen einmal im Jahr aktualisiert herausbringen.

 

Visum, Versicherungen, Sicherheit

Ich glaube nicht, dass man offiziell ein Visum braucht, Studenten sind in norwegischen Krankenhäusern auch nicht befugt, selbstständig tätig zu werden, sondern sie sehen viel zu, arbeiten also nicht im eigentlichen Sinne. Ich habe aus diesem Grund nicht mehr als eine Auslandsreisekrankenversicherung als erforderlich erachtet.
Gut zu wissen: Norwegen gilt als ein sehr sicheres Land.

 

Impfungen, geforderte ärztliche Untersuchungen

Es waren keine besonderen Impfungen erforderlich, nur einen ganz frischen negativen MRSA-Test musste ich vorlegen. Ausländische Studierende können die Untersuchung auch direkt vor Ort machen, müssen dann aber wohl dafür bezahlen und dürfen scheinbar das Krankenhaus nicht betreten, bis nachgewiesen ist, dass MRSA negativ ist.
Das größte Erkrankungsrisiko lauert aber nicht im Krankenhaus, sondern in Wald und Wiese in Form von Zecken mit Borrelioseerregern.

 

Unterkunft

Wir waren während des Austausches im Wohnheim des Universitätskrankenhauses Ullevål untergebracht, allgemein bekannt als Cederholm. Das Gebäude liegt direkt neben Krankenhaus und Supermarkt und ist zwar nicht das neueste, aber für einen begrenzten Aufenthalt durchaus in Ordnung. Dusche und Toiletten gibt es auf dem Gang und die gemeinsame Küche war unser liebster Treffpunkt nach der Arbeit. Ich weiß nicht genau, wie teuer es ist, im Cederholm außerhalb eines Programmes zu wohnen; wahrscheinlich lassen sich über das Krankenhaus günstige Preise aushandeln.

 

Finanzierung der Auslands-Famulatur

Dank diversen Billigfluglinien ist es nicht mehr besonders teuer, nach Norwegen zu fliegen, Norwegian bietet Flüge bereits für weniger als 40 Euro an. Der Vorteil gegenüber Ryanair liegt vor allem darin, dass man nicht außerhalb in Sandefjord ankommt, sondern auf dem Flughafen Oslo Gardermoen, keine 20 Minuten Zugfahrt vom Stadtzentrum entfernt.
In Norwegen angekommen, sind wohl die meisten etwas erschlagen vom Preisniveau. Norwegen ist eines der teuersten Länder der Welt: Lebensmittel sind teuer, öffentliche Verkehrsmittel sind teuer und Alkohol ist so teuer, dass man es fast nicht fassen kann.
Wenn Ihr Euch jedoch einmal für eine Famulatur in Norwegen entschieden habt, solltet Ihr versuchen, nicht mehr über die Preise nachzudenken, vor allem solltet Ihr niemals umrechnen.

An dieser Stelle möchte ich der Allianz-Versicherung nochmals für die finanzielle Unterstützung gedankt.

Es ist wirklich wahr, dass ein Bier in Oslo im Lokal schnell mal 9 Euro kosten kann - und im Supermarkt ist es auch nicht viel günstiger. Lustigerweise sind die Norweger auf Partys dennoch gelegentlich ziemlich angeheitert.
Wer also auf Alkohol nicht verzichten möchte, sollte die Zollvorschriften gründlich lesen und ein bisschen Alkohol aus Deutschland mitnehmen.

Doch an manchen Stellen lässt sich sparen: Die Neue Oper ist wunderschön, und die Veranstaltungskarten sind mit Studentenausweis nicht besonders teuer. Bei der norwegischen Bahn gibt es, bei frühzeitiger Buchung, für viele Strecken "MiniPris"-Tickets, gerade für weite Strecken ist das recht günstig und sehr komfortabel. Auch Überlandbusse sind verbreitet, bezahlbar und bequem.

 

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Wer im Sommer in Oslo ist und etwas körperliche Aktivität nicht scheut, kann sich auch eine OsloBysykkel-Card zulegen. Hier gilt es aber, diese rechtzeitig im Internet bestellen. Mit dieser Karte könnt Ihr für weniger als 10 Euro ein ganzes Jahr lang Fahrräder an vielen Stationen der Stadt ausleihen und an gleicher oder anderer Stelle wieder zurück stellen. Einziger Haken an dem Angebot ist die maximale Leihzeit von drei Stunden, wer länger fahren möchte, muss sein Rad gegen ein neues Fahrrad eintauschen.

 

Leute, Stadt, Land

Norwegen ist ein großartiges Land, und das in jeder Hinsicht. Ihr solltet unbedingt Zeit für zumindest eine kleinere Tour mitbringen. Auch wenn das Geld nicht mehr für eine große Tour in die Berge oder nach Nordnorwegen reicht, so gibt es doch in und bei Oslo sehr gute Möglichkeiten, den Sommer in der Natur zu genießen.

Direkt nördlich der Stadt beginnt die Nordmarka, ein riesiges Waldgebiet mit Wanderwegen auch für mehrtägige Touren. Es lohnt sich also sehr, ein Zelt und Schlafsack oder Joggingschuhe einzupacken. Gleich an der T-Bane-Haltestelle liegt der See Sognsvann, der sehr schön zum Baden und Sonnen ist.

Dann gibt es die Museumshalbinsel Bygdøy, auf der es nicht nur etliche Museen gibt sondern auch einige schöne Strände. Außerdem liegen direkt vor der Stadt noch weitere Inseln, die mit kleinen Fähren zu erreichen sind. Dazu gehört die Badeinsel Hovedøya, nur 5 Minuten Bootsfahrt entfernt, mit Strand, Klippen und Wiesen zum Picknicken und Grillen.

Des Weiteren gibt es direkt im Stadtgebiet gute Klettermöglichkeiten, zum Beispiel am Grefsenkollen, der einen tollem Blick über die Stadt bietet.

Ansonsten gibt es wildschöne und liebliche Landschaft so viel man möchte. Für den Sommer möchte ich besonders einen Besuch der Küste am Oslofjord anregen, die mit dem Bus relativ gut zu erreichen ist. Und Bergfans kommen ebenfalls voll auf ihre Kosten.

 

Fazit

Ich würde jederzeit wieder nach Norwegen fahren, einerseits natürlich wegen der tollen Landschaft, aber noch mehr wegen der unglaublich freundlichen und entspannten Norweger. Ich halte es für mich persönlich durchaus vorstellbar, zum PJ oder auch später nach Norwegen zurückzukehren. Gerade für Familien hat es unschlagbare Vorteile, in Norwegen zu arbeiten.

 

 

Es war ein wunderschöner Sommer, ich bin sehr froh, dass ich nach Norwegen fahren durfte. Allen Ärzten, Hebammen, dem Pflegepersonal, den anderen Teilnehmern des Austauschs, der Allianz-Versicherung und am meisten unseren norwegischen Koordinatoren sage ich:

Tusen takk for alt!!!

 

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