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  • Bericht
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  • Marisa Kaspar
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  • 12.11.2015

Famulatur in Norwegen

Norwegen – das Traumland vieler Mediziner. Erfahrt, wie es ist, in einem norwegischen Krankenhaus zu arbeiten und ob das Klischee von der tollen Klinikkultur im hohen Norden stimmt.

Mo i Rana – wo ist das eigentlich? Vermutlich habt ihr von diesem Ort noch nie gehört. Ich auch nicht, bevor es mich zu einer Famulatur dorthin verschlagen hat. Mo i Rana liegt etwa 50 km südlich des Polarkreises in der Nähe des Svartisen-Gletschers und ist mit rund 15 000 Einwohner eine relativ große Stadt in der nordnorwegischen Kommune Helgeland.

 

 

Komplizierte Anreise

Es ist nicht ganz einfach, nach Mo i Rana zu gelangen. Zuerst musste ich von Frankfurt am Main nach Oslo fliegen, von dort aus weiter nach Trondheim und anschließend ging es mit einer kleinen Propellermaschine nach Mo i Rana. Hier habe ich zum ersten Mal mitbekommen, dass Fliegen in Nordnorwegen gleichwertig mit Bus fahren ist: Die Leute haben kein großes Gepäck, ziehen ihre Jacken nicht aus und es gibt freie Sitzplatzwahl – im Flieger!


Am Flughafen in Mo i Rana angekommen stellte ich fest, dass der Flughafen sehr, sehr klein und eher ein Flugplatz ist. Man kann vom Flugzeug zu Fuß in das Flughafengebäude gehen, in dem mir die einzige Servicemitarbeiterin mitteilte, dass samstags kein Bus vom Flughafen in die Stadt fährt. Ziemlich blöd – jetzt musste ich mir erst noch ein Taxi besorgen. Während ich dann auf das Taxi wartete, wurde der Flughafen sogar abgeschlossen und alle Mitarbeiter gingen nach Hause… Verrückt! 

 

Meine Unterkunft

Trotz der etwas komplizierten Anreise, bin ich letztendlich gut beim Krankenhaus angekommen. Da ich erst im September meine Famulatur machen wollte, gab es freie Zimmer im Schwesternwohnheim, da die Ärzte, die als Sommeraushilfen gearbeitet hatten, bereits abgereist waren. Den Schlüssel hierfür sollte ich mir in der Notaufnahme holen. Das war auch gar kein Problem, denn die nette Schwester dort wusste schon Bescheid und zeigte mir mein Zimmer. Und das war wirklich super. Mit allem eingerichtet (sogar ein riesiges Sofa!) fühlte ich mich sofort wohl und konnte nach der langen Anreise erst einmal entspannen.

Der erste Tag im Krankenhaus

Zwei Tage später, montags, stand mein erster Tag im Krankenhaus an. Etwas nervös war ich schon, vor allem wegen der noch ungewohnten Sprache. Die Leute im Flieger, am Flughafen und auch den Taxifahrer hatte ich zwar gut verstanden, doch medizinische Fachbegriffe sind dann schon etwas anderes. Pünktlich um 7.30 Uhr begrüßte mich die Sekretärin des Chefarztes der chirurgischen Abteilung am Haupteingang. Zuerst zeigte sie mir das ganze Krankenhaus, wobei ich mir dabei maximal die Hälfte der Wege merken konnte. Dann ging es dazu über, dass ich allen wichtigen Mitarbeitern vorgestellt wurde und ich konnte auch gleich an der Morgenbesprechung aller chirurgischen Abteilungen teilnehmen. Hier merkte ich zum ersten Mal, dass norwegische und deutsche Fachbegriffe sich wirklich sehr ähnlich sind. Ein Glück!


Danach ging es weiter zur nächsten Besprechung. Diesmal in die Allgemeinchirurgie, wo ich meine vierwöchige Famulatur verbringen sollte. Hier freuten sich alle, dass ich da war und es gab eine kleine Vorstellungsrunde. Dabei erfuhr ich, dass vier der Allgemeinchirurgen und auch der Chefarzt der gesamten Chirurgie aus Deutschland kamen. Außerdem arbeiteten noch ein russischer, zwei schwedische und ein norwegischer Arzt in der Allgemeinchirurgie. Ganz schön international, was die Verständigung einfach für mich machte.

 

 

Insgesamt wurde ich sehr nett aufgenommen und fühlte mich sofort wohl. Das lag auch daran, dass ich von Anfang an einen Assistenzarzt als festen Ansprechpartner hatte, an den ich mich jederzeit wenden konnte. So konnte ich schon an meinem ersten Tag bei der Visite Patienten untersuchen und im OP bei der Appendektomie eines perforierten Blinddarmes assistieren.

 

Meine Famulatur

Im Laufe der nächsten Wochen lernte ich das gesamte chirurgische Einsatzgebiet des Krankenhauses kennen. So hatte ich die Möglichkeit, sowohl bei der Intensivstation hineinzuschnuppern, in der chirurgischen Poliklinik (die einer deutschen Ambulanz entspricht) mitzuarbeiten, die Visite zu sehen und im OP zu assistieren.


Das alles beschränkte sich nicht auf die Allgemeinchirurgie, auch wenn ich offiziell dieser Abteilung zugeteilt war. Ich durfte auch bei orthopädischen OPs mitarbeiten und konnte an einem Seminar zum Thema Röntgen teilnehmen.


Da das Einzugsgebiet eines Krankenhauses in Norwegen viel größer ist als in Deutschland, kamen auch Patienten mit eigentlich nicht allgemeinchirurgischen Krankheitsbildern auf unsere Station. Deshalb konnte ich verschiedenste Operationen sehen – unter anderem die endoskopische OP einer Harnblasenperforation, die in Deutschland vermutlich auf der urologischen Station gelandet wäre.


Das Krankenhaus in Mo i Rana ist zwar für norwegische Verhältnisse relativ groß, für deutsche allerdings ziemlich klein. Deshalb lernte ich schnell alle Mitarbeiter kennen. Ein Vorteil war, dass regelmäßig Studenten aus der 700 km entfernt gelegenen Universitätsstadt Tromsø zum Praxissemester in Mo i Rana waren. So lernte ich zum einen neue Leute kennen, mit denen ich mich auch abends mal auf ein Bier traf. Zum anderen waren die Ärzte an Studenten im OP gewöhnt, sodass ich sehr oft die Möglichkeit hatte, nicht nur zuzusehen, sondern auch zu assistieren. Darüber hinaus konnte ich an den wirklich interessanten und gut aufgebauten Seminaren und Kursen für die Studenten teilnehmen.

 

Die Umgebung

Es ist kein Mythos, dass die Arbeit im Krankenhaus in Norwegen sehr viel angenehmer ist als in Deutschland. Oft konnte ich früher oder zumindest immer pünktlich nach Hause gehen. Dadurch lernte ich viel von der Umgebung kennen und unternahm viele Wandertouren. Mo i Rana selbst ist gut an einem Tag zu erkunden, doch die Umgebung bietet viele Möglichkeiten:
Wandern in der „Selforslia“, der Umgebung des Vororts, in dem das Krankenhaus liegt. Von einigen Aussichtspunkten hat man einen wunderbaren Blick auf den Hafen von Mo i Rana.

 

 

Mann im Hafen

 

Darüber hinaus kann man mit Zug und Leihauto viele spannende Ausflüge machen. Im Saltfjellet („Salzberg“) Nationalpark konnte ich zum Beispiel eine Herde Rentiere beobachten, an einem anderen Wochenende habe ich eine Wandertour zum Svartisen („Schwarzes Eis“)-Gletscher unternommen. Für diese 20 km sollte man viel Ausdauer und Wanderslust mitbringen – doch er Anblick des Gletschers ist den anstrengenden Aufstieg wert!

 

Rentiere im Saltfjellet Nationalpark.

 

Ein weiterer Ausflug ist ein Muss für alle, die in Nordnorwegen unterwegs sind: Der Polarkreis. Natürlich sieht man ihn nicht, doch die Natur dort ist mit den Bergen, die auch im Sommer noch von Schnee bedeckt sind, wunderschön:

 

 

Doch auch für die unter euch, die Kultur lieber als Natur haben, ist in der Umgebung von Mo i Rana einiges zu entdecken. So lohnt sich zum Beispiel ein Tagesausflug nach Mosjøen, einer kleinen Stadt, die sowohl an einem Fluss als auch am Meer liegt. Dort gibt es noch alte Holzhäuser vom Beginn des 19. Jahrhunderts, die auf Pfählen über dem Fluss stehen. Diese wurden in den letzten Jahren originalgetreu restauriert und beinhalten jetzt viele verschiedene, einzigartige Läden: Von Antiquitäten über Frisörsalons und die älteste Shell-Tankstelle Norwegens bis hin zu Cafés, in denen die Einrichtung zum Verkauf steht, ist hier alles zu finden.

 

 

Die Famulatur in Norwegen war wirklich ein tolles Erlebnis, wobei ich viel über Sprache, die norwegische Kultur und auch die Natur dort gelernt habe. Wenn ihr jetzt Lust auf eine Famulatur in Norwegen und vielleicht sogar in Mo i Rana bekommen habt, hilft euch mein Artikel über die Bewerbung bestimmt weiter. Wenn ihr dann immer noch Fragen habt, könnt ihr euch gerne an mich wenden:
Marisa.kaspar@thieme.de

 

 

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