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  • Bericht
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  • Anne Nolting
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  • 23.04.2009

Studieren in Guadalajara

Da stand ich nun vor der Haustür. Früh am Morgen nach einem langen Flug, mit all meinen Sachen und dem Taxifahrer hinter mir. Es war Februar und brühend heiß: Alles kam mir unwirklich vor. Da war ich nun in Guadalajara angekommen und meine Freundin riss die Tür auf, denn sie war schon vorher angereist. "Ich kann gar nicht glauben, dass du jetzt da bist!" rief sie, und das konnte ich auch nicht.

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Wie alles begann: Spontaner Entschluss und Bewerbung

Im 5. Semester hatte ich von meiner Kommilitonin und Freundin Claudia gehört, dass sie überlegt hatte, nach Mexiko zu gehen. Das sei doch mal was anderes und spontan wie ich bin, habe ich einfach gesagt: "Hey, wieso nicht? Da bewerbe ich mich mit dir!" Immerhin hatte ich noch immer Erholung vom Physikumsstress nötig und war offen für alles. Wirklich darüber nachgedacht hatten wir beide nicht und waren zuvor auch noch nie in Lateinamerika gewesen. Neugier und Fernweh waren unsere Hauptmotivation.

Die Bewerbung erwies sich als ziemlich einfach, da die Universidad de Guadalajara Partneruniversität der Uni Köln ist und die Bewerbung somit über das Internationale Büro/Erasmusbüro unserer Uni lief. Ein persönliches Interview wie an anderen Unis war dabei nicht nötig, lediglich sollten bestimmte Unterlagen wie Physikumszeugnis, Motivationsschreiben und Studienvorhaben mit Kursbelegung eingereicht werden. Sollte seitens deiner Universität keine Partnerschaft mit der Universidad de Guadalajara bestehen und du dennoch gerne dorthin reisen möchtest, würde ich auf jeden Fall die Beauftragte für Internationales an der mexikanischen Uni anschreiben, Maclovia.

maclovia@cucs.udg.mx 

Sie ist sehr unkompliziert und auch bei Anfragen für Famulaturen und Unterkunft sehr hilfreich. Da Guadalajara unter den Medizinern als Ziel fürs Auslandsstudium noch eher ein Geheimtipp ist - als Ziel fürs PJ ist die Stadt schon bekannt - sind die Chancen, dort einen Studienplatz zu bekommen, sehr groß.

 

Der Anfang

2 Monate vor Semesterbeginn in Mexiko, das übrigens schon Anfang Februar startet und im Juni/Juli endet, bekamen wir den definitiven Bescheid, dass wir zu zweit in Guadalajara angenommen waren. Viel Zeit für Vorbereitung war da nicht, aber man sollte so früh wie möglich das Visum beantragen, welches für Studierende kostenlos ist und für dessen Beantragung man ein Schreiben der mexikanischen Uni braucht.

Im Februar 2006 kam ich dann in Guadalajara an. Die Uni hatte schon seit 3 Wochen angefangen, aber das war kein Problem - so wie eigentlich alles in Sachen Uni sehr locker lief. Maclovia, oben bereits erwähnte Zuständige für Internationales an der Uni, hat mich gleich herzlich willkommen geheißen. Die Kurse für das kommende Quartal hatte meine Freundin zuvor schon rausgesucht, den Stundenplan kann man sich selbst online zusammenstellen. Dabei kann man, wenn das zeitlich passt, auch Kurse aus verschiedenen Semestern zusammenmischen, was ein Riesenvorteil für ausländische Studierende ist, da man den mexikanischen Stundenplan so dem deutschen anpassen kann.

 

Theorie und Praxis

Wir begannen morgens um 7 Uhr in der Chirurgie, hatten mittags frei zum Siesta-Halten, um dann am Nachmittag zu Mikrobio zu gehen. An 2 Tagen die Woche fand noch Pharma statt. Das war der Stundenplan des ersten Quartals. Im zweiten Quartal füllte sich unser Stundenplan dann noch mit Notfallmedizin, Humangenetik und Biomathematik. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass aus dem geplanten Semester ein Jahr werden würde.

 

Claus und Anne in Mikrobio

 

Wirklich toll ist, dass in Mexiko auf die praktische Erfahrung besonders viel Wert gelegt wird; so hatten wir durch den Chirurgiekurs mindestens einmal pro Woche Dienst in der Chirurgie im anliegenden Krankenhaus, wo wir wirklich assistieren und nähen durften. Als Begleitung zum Notfallkurs hatten wir mehrere terminlich frei wählbare Dienste beim mexikanischen Roten Kreuz um die Ecke, wo man Zeuge extremer Notfälle wurde, vom Busunglück bis zum Missbrauch.

Auf der anderen Seite muss man sagen, dass der Unterricht in Guadalajara theoretisch nicht so Detail-lastig ist wie bei uns in Deutschland. Es wird wirklich nur das an Theorie vermittelt, was der mexikanische Arzt für die Klinik braucht.

Vom System her ist das mexikanische extrem verschult, also von wegen freiwilliger Teilnahme an Vorlesungen und selbstständiges Lernen. Nee nee, in Mexiko heißt es jeden Morgen antreten und Anwesenheitskontrolle!! Wobei wir als Ausländer einen Megabonus hatten, denn dass wir als Deutsche auch was von Mexiko sehen wollten und dann schon mal fehlten, verstanden viele Dozenten.

Die an die Uni angegliederten Krankenhäuser, das alte und das neue, sind nur 10 Minuten Fußweg voneinander entfernt, und in beiden findet Unterricht statt. Mir persönlich gefällt das alte besser, da es sehr viel Atmosphäre ausstrahlt und architektonisch wunderschön ist, mit Innenhof und Wandmalereien. Die Administration ist auch viel lockerer; falls du an einer Famulatur interessiert bist, musst du dich einfach bei der Abteilung für Bildung (Ensenanza) vorstellen und schon kannst du anfangen. Super unkompliziert.

Alter Teil der Uni für klinische Fächer

Das alte Krankenhaus

Die neue medizinische Fakultät

 

Im neuen Krankenhaus wird das alles schon viel genauer genommen und der Ablauf ist bürokratischer. Jedoch kann man nur im neuen Krankenhaus Geburtsheilkunde machen. Ich fand es unheimlich interessant zu sehen, wie Medizin auch ohne modernste Technologie, jedoch mit viel Kreativität, sehr effektiv sein kann.

Ungewöhnlich war anfangs, dass unsere Kommilitonen alle so um die 2 Jahre jünger waren als wir, da die Mexikaner früher mit der Uni anfangen und sie die Kurse auch in einer anderen Reihenfolge belegen. Jedoch begegneten uns alle gleich total nett, offen, und zeigten sich immens interessiert an uns. Kaum hatten sie gewittert, dass wir aus Deutschland kamen, waren wir schon der Hit. Dank meiner hellen Freundin fielen wir auch gleich immer auf, denn ich mit meinen dunklen Haaren und dunklerem Teint bin oft für eine Mexikanerin gehalten worden. Na ja, bis ich dann halt den Mund aufgemacht habe, denn den mexikanischen Akzent muss man sich ja erst aneignen.

 

Sprache

Da die mexikanische Uni nicht so international besetzt ist wie die Unis in Europa mit ihren vielen Erasmuslern - was ich als Vorteil ansehe - sollte man Spanisch zumindest auf befriedigendem Konversationsniveau beherrschen, denn die Leute sind zwar alle geduldig und zuvorkommend, jedoch will man ja auch was verstehen im Unterricht und Klausuren mitschreiben können (die wirklich machbar sind und meist am Computer stattfinden). Mit Englisch kommt man nicht weit, auch wenn man das bei der geographischen Nähe zu den USA vermuten könnte.

Selbst bei meinem bilingualen Abitur nach 9 Jahren Intensivspanisch war ich nicht gleich perfekt sprachlich eingegliedert, weil das Schulspanisch nicht identisch mit dem mexikanischen Spanisch ist. Nach kurzer Zeit bin ich aber dann in der Sprache drin gewesen. Für eine Famulatur sind ausreichende Spanischkenntnisse genug. Übrigens fordert die mexikanische Uni auch einen Sprachnachweis auf einem von denen vorgefertigten Formular. Also, falls du grad einen Spanischkurs an der Uni machst, unterschreiben lassen.

 

Land und Leute

Guadalajara Innenstadt

Guadalajara ist eine Riesenmetropole mit etwa 8 Millionen Einwohner. Die Stadt kam mir anfangs, also in den ersten 2 Wochen, nur laut und langweilig vor. Keine netten Cafes, nur große Plätze und unheimlich viel Verkehr und Smog. Tja, wie so immer können erste Eindrücke täuschen - man braucht nur die richtigen Leute, um die richtigen Plätze zu entdecken. Nach einer Weile kannte ich Guadalajara ziemlich gut, die bares, die Clubs, etliche Cafes, Sehenswürdigkeiten… Denn die Einheimischen wissen natürlich am besten, wo es in der Stadt abgeht. Also, beim ersten Anblick Guadalajaras nicht verzweifeln.

 

Überhaupt entspricht Guadalajara nicht dem typischen Bild einer mexikanischen Stadt wie sie zum Beispiel in Südmexiko anzufinden ist: Guadalajara ist modern und zuweilen, besonders was das Nachtleben angeht, schick und hip.

Mit den Bussen erreicht man in Guadalajara auch leicht die Innenstadt und die Uni. Eine Fahrt kann für 4 Peso beim Fahrer gekauft werden, als Student zahlt man 2 Peso mit Tickets (transvales), die man vorher in der Uni kauft. Fahrpläne gibt es natürlich nicht. Man steht an der Strasse und wartet. Und bloß nicht vergessen, dem Busfahrer zu winken, sonst fährt der auch gerne mal im Blitztempo vorbei. Das passiert übrigens auch manchmal, wenn man NICHT vergessen hat, zu winken.

In den Osterferien im April sind wir dann für drei Wochen durch Süd-Mexiko gereist - ein Traum, den ich jedem Mexikoreisenden wärmstens empfehle. Denn hier erlebt ihr das traditionsreiche, urige Mexiko und die Landschaft samt Küste ist einfach traumhaft.

 

An der Pazifikküste

 

Unverständlich war für die Mexikaner nur, wie wir während der Fußball-WM nicht in unserem Heimatland ALEMANIA sein konnten! Das durfte ich mir von jedem Taxifahrer, jeder neuen Bekanntschaft auf einer Fiesta und jedem Lehrer anhören:

"Wieso seid ihr hier und nicht in Deutschland!!?? Da ist doch WM!"

Ich muss gestehen, dass die WM-Zeit auch die einzige Zeit war, in der ich etwas Heimweh hatte, wenn mir meine Freunde aus Deutschland schrieben. Aber ungelogen, das war die einzige Zeit, denn Mexiko macht es einem leicht, die Heimat zu vergessen: Nette Leute, zahlreiche Fiestas, schönes Wetter, Zeit zum Reisen, super lecker Früchte, meine Mangolicuados, für die ich sterben könnte, und jeden Tag gab es was Neues zu entdecken, jeden Tag hatten wir neue Leute kennen gelernt, auch andere Deutsche.

 

 

Jaja, das eigene Volk findet sich im Ausland ja immer leicht; in Guadalajara gibt es nämlich ziemlich viele deutsche PJler. Durch unsere Zeit im Krankenhaus, anschließender Famulaturen und weil 2 PJler mit uns gewohnt haben, kamen wir mit denen relativ schnell in Kontakt.

 

Wohnen

Zuerst haben wir bei Lupita gewohnt, einer etwas verkniffenen Ex-Zahnärztin. Sie hatte immer was zu meckern und war über alles Undamenhafte pikiert. Lustig war's trotzdem und das Haus war direkt gegenüber der Uni, perfekte Lage eben. Sie vermietet noch immer Zimmer für 1800-2200 Pesos (1 Euro = ca. 14 Peso), was relativ teuer ist. Im Regelfall sollte man mit einer Miete von umgerechnet circa 100-120 Euro rechnen für ein Zimmer. Vermittelt wurden wir an Lupita durch Maclovia aus der Uni, die aber auch selbst ein Haus an ausländische Studenten vermietet.

Wohnungen sind in Guadalajara eigentlich nicht schwer zu finden; in jeder Zeitung gibt es etliche Inserate und wenn man erst mal da ist, erfährt man auch von etlichen Studenten-WGs durch andere Studenten, Schwarze Bretter oder man spricht einfach Maclovia an.

Sayulita

 

Fazit

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, könnte ich unheimlich viele Anekdoten erzählen, immerhin ist aus EINEM geplanten Semester gleich ein Jahr geworden, weil ich mir nicht vorstellen konnte, nachdem ich mich nach einem halben Jahr so gut eingelebt hatte, schon nach Hause zu gehen. Ich wollte mich nicht als Tourist fühlen, der nach einem verlängerten Urlaub wieder heimkehrt, sondern als Mexikanern, was mir auch geglückt ist.

Ich kann jedem nur ein Auslandssemester oder gar Auslandsjahr empfehlen, egal wo, aber besonders liegt mir natürlich Mexiko am Herzen.

Ich habe noch nie so viel erfahren, gesehen, und gelebt wie in diesem Jahr.

 

Links

 

Homepage der Medizinischen Fak:

http://www.cucs.udg.mx

Fuer Überlandfahrten mit dem Bus:

http://www.etn.com.mx

http://www.primeraplus.com.mx

Biliigflieger innerhalb Mexikos:

http://www.volaris.com.mx

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