Zurück zu Mexiko
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  • Magdalena Hagn, LMU München, 9. Semester
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  • 23.04.2009

Famulatur in Guadalajara

Foto: M. Hagn

 

Da ich bereits Spanisch gelernt hatte und deswegen meine Kenntnisse sinnvoll einsetzten wollte, habe ich mich eigentlich aus Zufall für Mexiko entschieden.
Die Auswahl spanischsprachiger Länder der Welt ist groß, und nachdem ich viele Bewerbungen verschickt hatte – so manche vergebens – fiel dann eher die Wahl Mexikos auf mich, als umgekehrt.

Hospital Civil, Sommer 2004

Eigentlich hatte ich mir zuvor nie viele Gedanken über Mexiko gemacht, da mich einfach andere Länder mehr interessiert hatten – was sich aber eigentlich sofort am ersten Tag als schwere Fehleinschätzung rausgestellt hat...

Ich hatte einige Freunde, die bereits in Guadalajara famuliert hatten und die mehr oder weniger an meiner Vorbereitung beteiligt waren und mich in Sachen Wohnung, medizinischer und klamottentechnischer Ausrüstung, Krankenhausauswahl und weiterer wichtiger wissenswerter Sachen beraten haben. Es empfiehlt sich beispielsweise ein Stethoskop und einen Kittel mitzunehmen - kann man dort zwar auch kaufen, ist aber nicht so besonders billig.
Ich habe mich für das Hospital Civil Antiguo entschieden (wer Gyn machen will, sollte ins „Nuevo“ gehen), da dort auch die mexikanischen Studenten ausgebildet werden und ich mir somit erhofft hatte, in den Alltag der mexikanischen Studenten miteinbezogen zu werden.

Vorbereitung

Den Brief für die Bewerbung – habe mich formlos mit Anschreiben und Lebenslauf auf Spanisch beworben – adressiert ihr am Besten an “Jefe de enseñanza“. Das ist sollte in der Regel bei der richtigen Person ankommen. Im Moment ist es Dr. Antonio Luevanos Velazquez, ihr könnt es auch direkt per eMail bei ihm probieren, solange er natürlich noch "im Amt" ist.

Fachliche Eindrücke

Foto: M. Hagn

Das Hospital Civil Antiguo ist das älteste noch funktionierende Krankenhaus Mexikos – es ist ein sogenanntes "Hospital publico", d.h. man wird dort sehr günstig und auch ohne "Versicherung" behandelt. Die Ausstattung des Krankenhauses ist demnach sehr einfach, die Patientenzimmer sind sternförmig ausgehend von einem kleinen Innenhof aus angeordnet und nur nach Männern und Frauen getrennt – die Patienten liegen also alle zusammen in einem Raum.

Es gibt eine abgetrennte HIV-Station und auch die Kardiologie ist extra, ansonsten sind alle Bereiche zusammen vertreten und man muss sich je nachdem seine "eigenen" Patienten in besagtem Raum zusammensuchen (da wird schon mal einer vergessen...).

Die Hygiene-"standards"

Für die Mittel, die dort vorhanden sind, funktioniert es sehr gut. Der Meinung sind auch die Mexikaner. Wenn auch teilweise die Hygieneverhältnisse fatal waren (niemand stört sich an Tauben im Krankenzimmer...) und man durchaus mit der OP-Kleidung (die reichlich vorhanden ist) mal schnell im Bus nach Hause fahren und danach damit wieder operieren konnte...
Man kommt auch grundsätzlich schon im Kittel und weißer Hose ins Krankenhaus, die einzige die sich erst im Arztzimmer umgezogen hat, war ich. Und der Mundschutz im OP hat bestenfalls als Schweißband fungiert. Trotzdem "passiert" überraschend wenig.

Improvisation

Die Kommunikation innerhalb des Krankenhaus, z.B. zwischen Station und Hämatologie, Mikrobiologie oder Labor hat sich oft bürokratisch und als äußerstes Glücksspiel entpuppt – manchmal muss man ganz schön betteln, manchmal hilft es nichts und man muss dann auf andere Mittel zurückgreifen... Das Labor rückt zum Beispiel nie Blutröhrchen raus, man muss sich vorher schon eine gute Geschichte ausdenken oder gleich welche woanders "holen" (einer lenkt ab, der andere sucht). Für Handschuhe und Spritzen usw. muss man sich mit den Schwestern gut stellen, die aber sehr nett sind.

Es gibt zwar eine Blutbank im Krankenhaus, allerdings muss vor jeder OP ein Angehöriger Blut spenden und somit weiss ich eigentlich nicht genau, ob die dann nur für Notfälle eingerichtet war, oder ob sie überhaupt funktioniert hat. Das Blut konnte auch nicht gescreent werden.

Das Labor hatte nicht alles und auch nicht immer zu jeder Tageszeit alles zur Verfügung, aber die wichtigsten Sachen konnten bestimmt werden und an Medikamente war doch auch eine breite Basis vorhanden, allerdings mussten auch mal häufiger Angehörige schnell in die Apotheken gehen und holen, was fehlte.

In der Wundversorgung wurde häufig improvisiert oder beim Nähen, wenn Nadelhalter gefehlt haben. Allerdings ist manches einfacher als man denkt und dem Erfindungsreichtum sind keine Grenzen gesetzt...

Die mexikanischen Studenten

Die mexikanischen Studenten haben einen strikten Tagesablauf – nämlich von früh morgens bis spät abends – sie kommen als erste und gehen als letzte und sind trotz lächerlich geringer bis gar keiner Bezahlung fest in den Dienstplan der Ärzte miteinbezogen. Sie schmeißen den Alltag dort was Stationsarbeit angeht – und manchmal auch den OP...
Grundsätzlich ist die Ausbildung viel praktischer als bei uns, und jeder Student ist auch schon "doctor" und unterschreibt auch so und nennt sich so. Ich war auf der Allgemeinchirurgie und zu einem mexikanischen und einem spanischen Studenten eingeteilt, die beide sehr viel Geduld mit mir hatten und mir sehr viel beigebracht haben – Alfredo was das Praktische anging, und Fernando für die Theorie. Außerdem hatte ich mehrere junge Assistenzärzte an meiner Seite, die mich überall mithingenommen haben (auch außerhalb des Krankenhauses) und mir Nähen, Wundversorgung, Blutabnahmen, Blutgasanalysen, ein bisschen operieren, Spanisch und vieles mehr beigebracht haben.
Dabei haben die Mexikaner eine unglaubliche Geduld, Vertrauen in ihren Gegenüber, machen einem Mut und nehmen einem die Angst.

Der Arztberuf in Mexiko

Als Arzt muss man sehr viel arbeiten in Mexiko – v.a. die Nachtschichten jede 4. Nacht machen einem das Leben schwer, da man eigentlich die Nacht nicht schläft und dann den nächsten Tag ja wieder normal durcharbeiten muss. Ich durfte eigentlich machen was ich wollte, ich war ein paar mal dabei, allerdings habe ich meistens nicht die ganze Nacht durchgehalten und "durfte" immer irgendwann schlafen gehen.

In Mexiko ist für den Arztberuf wirklich noch eine ganz schöne Portion mehr Ideologie nötig und man muss den Mensch an sich sehr lieben, da gerade in diese "Hospitales publicos" nur die Ärmsten kommen und somit auch erst kommen, wenn es anders nicht mehr geht. So viel ich mich in meinem Aufenthalt dort aufgrund meines Bekanntenkreises hauptsächlich in "Ärztekreisen" bewegt habe, um so mehr ist mir die soziale Zweiteilung Mexikos im Krankenhaus bewusst geworden.

Sprachprobleme

Mein Spanisch hat sich sehr schnell verbessert, was an der großen Geduld der Mexikaner lag – auch in den ersten Tagen hatte ich wenig Probleme, da die Mexikaner wirklich sehr gut zu verstehen sind.

Beziehung zu den Gastgebern/Bevölkerung

Ich bin ganz alleine nach Mexiko geflogen und habe mir ziemliche Sorgen gemacht, die sich allerdings dann als völlig unbegründet herausgestellt haben – ich bin bereits an meinem ersten Tag durch das ganze Krankenhaus geführt worden und allen vorgestellt worden, so dass in Mexiko eigentlich niemand lange alleine bleibt. In der wenn auch knappen Freizeit haben wir Ausflüge unternommen, sind oft essen gegangen oder abends was zusammen trinken. Außerdem waren zeitgleich noch andere Ausländer im Krankenhaus (wie ja zum Beispiel auch der Spanier, mit dem ich gearbeitet habe), mit denen ich dann am Wochenende regelmäßig Ausflüge in die Umgebung gemacht habe.

Kultur

Tequila... Wird dort überraschenderweise nie pur mit Salz und Zitrone getrunken, sondern eigentlich immer mit "refresco", meistens mit irgendeiner Limo.
Tortilla... Gibt es dauernd und zu allem, sei es als Taco, als Enchilada, als Chilaquiles oder einfach so. Das Essen ist nicht sehr abwechslungsreich – v.a. nicht im Krankenhaus, aber es war kostenlos für alle und hat satt (und dick) gemacht.

Ansonsten tolle Städte, Berge, Meer, Wüste, Dschungel, sehr viele Ruinen und natürlich Geschichte... Musik.. Mariachis, Banda, ein bisschen Salsa und Flamenco – die mexikanische Kultur ist etwas ganz besonderes, einerseits europäisch, da Spanisch - dann amerikanisch (was wir lieber mal vergessen) und eben noch das unbeschreibliche "Eigene", was die Mischung so gut macht.
Ein sehr interessantes Volk und Land, das unglaublich viel zu bieten hat – in jedem Bereich.

Unterkunft

Ich war in der Wohnung einer älteren Dame untergebracht, die eigentlich woanders gewohnt hat, aber mir zuliebe (damit ich keine Angst habe...) die meiste Zeit dort geschlafen hat. Ich habe bis auf die letzte Woche mehr oder weniger alleine in einer riesigen Wohnung gewohnt, die wirklich sehr sauber war und ich hatte sogar mein eigenes Bad. Das Zimmer hat ca. 140 Euro im Monat gekostet und war vom Krankenhaus und dem Zentrum nur 15 Minuten mit dem Bus weg.

Kosten

Ich habe den Fahrtkostenzuschuss vom DFA bekommen und nachdem die Wohnung so billig war und das Essen umsonst, bin ich während meines Aufenthalts mit recht wenig Geld ausgekommen.

Fazit

Mexiko war vielleicht das Beste, was mir bis jetzt passiert ist in meinem Leben, es waren sehr erlebnisreiche Monate dort – zu verdanken den Mexikanern.

Adresse des Hauses

Bei Fragen könnt ihr mir eine eMail schreiben:

mhagn@yahoo.com

 

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