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  • Bericht
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  • Victoria Kirchhoff
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  • 23.04.2009

Krankenpflege im Buea Health Center Kamerun

Schon während der Oberstufe habe ich einige Krankenpflegepraktika an deutschen Krankenhäusern gemacht, da ich unbedingt Medizin studieren wollte. Außerdem jobbte ich fast jedes Wochenende in einem Wuppertaler Krankenhaus. Dann die Enttäuschung: Nichts davon wurde mir vom Landesprüfungsamt anerkannt, weil die Tätigkeiten vor dem Abitur-Datum lagen. Nach der Enttäuschung wollte ich zumindest einen Teil des vorgeschriebenen Krankenpflegepraktikums im Ausland verbringen.

Mount Cameroon während der Regenzeit - alle Fotos: Victoria Kirchhoff

Ansteckung und andere Gefahren

Schon lange hatte ich entschieden Medizin zu studieren. Mindestens ebenso lange hatte ich von einer Reise nach Afrika geträumt. Als ich beschloss einen Teil des Krankenpflegepraktikums im Ausland zu verbringen, ging auf einmal alles ganz schnell. Ein Kommilitone vermittelte mir Krankenhaus und Unterkunft. Ich buchte den Flug und direkt nach den Sommersemester-Klausuren ging es los: Ein Monat Afrika. Zuerst musste ich zum internationalen Flughafen in Douala. Von dort aus nach Buea, in den englischsprachigen Teil des Landes.

In den ersten Tagen in Kamerun sah ich mich regelmäßig dem Tod entgegenfahren. Verkehrsregeln scheint hier nämlich kaum einer der Taxi-Fahrer zu kennen. Wenn Einbahnstraßen den Weg verkürzen, fahren sie bedenkenlos auch mal in die falsche Richtung. Können sie Zeit sparen, indem sie zum Überholen von der Straße in die schmale Schneise der zahlreichen Fußgänger ausweichen, zögern sie auch hier nicht. Liebstes Zubehör sind eindeutig die Hupen. Selbst wenn weit und breit kein Hindernis zu sehen ist, erlebte ich, dass sie im Akkord bedient werden. Selbst das Auswärtige Amt warnt auf seinen Länder- und Sicherheitsinformationen vor dem Verkehr. Trotzdem ist das öffentliche Verkehrssystem mit den "Buschtaxis" für die Fortbewegung innerhalb des Landes unersetzlich.

 

Beladung eines "Buschtaxis" und Verkäufer mit allerlei Proviant im Angebot

Kameruns Vergangenheit als deutsche Kolonie und Mehrsprachigkeit

Auf die koloniale Vergangenheit des westafrikanischen Landes werde ich besonders oft angesprochen. Im Allgemeinen sind die Einwohner ganz zufrieden mit den immer noch bestehenden Brücken und Gebäuden. Unzufrieden ist man jedoch über den noch immer anhaltenden Einfluss der Franzosen, die die Kolonie nach dem 1. Weltkrieg gemeinsam mit den Engländern übernahmen. So gibt es heute französische und englische Provinzen.

Ich lebte und arbeitete für insgesamt einen Monat in Buea, der ehemaligen Hauptresidenz der Deutschen. Heute handelt es sich um den englischsprachigen Teil der Stadt. Trotz meines guten Schulenglisch hatte ich jedoch mit "meinen Patienten" einige Verständigungsschwierigkeiten. Manche Einwohner haben nie die Schule besucht, denn Schulunterricht kostet Geld. So sprechen viele nur das weit verbreitete Pidgin-Englisch. Ein kleines Repertoire zur Verständigung hatte ich jedoch schnell drauf.

 

Kontakt in alle Welt. "Call box" mit Mobiltelefonverbindung am Rand einer Straße.

 

Das Krankenhaus

Erst vor Ort stellt sich heraus, dass sich das größere Krankenhaus, in dem ich eigentlich mithelfen wollte, sich im Umbau befand. Sämtliche stationären Betten waren auf die umliegenden Health-Center verteilt. Der Chefarzt, ein Chirurg der in England studiert hat, erlaubte, dass ich dort den Monat verbringen kann. So wechselte ich wochenweise zwischen den verschiedenen Zentren.

Und es gab einiges zu sehen: Geburten, Malaria, Typhus, Lungeninfekte, Tuberkulose, HIV, im Verkehr Verunglückte oder sogar Vergiftete. Wer hier zum Arzt geht ist wirklich krank, denn wegen einer simplen Erkältung kann es sich kaum jemand leisten, die Konsultation zu bezahlen, obwohl ein Kaiserschnitt zum Beispiel umgerechnet "nur" ca. 150 Euro kostet. "All inclusive" versteht sich. Viel zu viel wenn man bedenkt, dass etwa eine Telefonistin in einer der zahlreichen Call-Boxes nur ca. 45 Euro im Monat verdient. Ein solcher Notfall kann ganz plötzlich kommen, zumal die Mädchen teilweise recht jung und mehrmals schwanger werden. Krankenversicherungen gibt es natürlich nicht - das ist ein Luxus der Industrieländer. Es gibt Privatkrankenhäuser, aber die Behandlung dort ist noch um einiges teurer als die Behandlung im städtischen Krankenhaus, in dem ich mitarbeitete.

 

Frisch gewaschene Wäsche und Windeln vorm Buea Health Center

Nur für absolute Notfälle: der Rettungswagen

 

Arbeitsalltag im Krankenhaus

Meine Erwartungen an die Tätigkeit im Krankenhaus erwiesen sich als vollkommen falsch. Dachte ich vorher, mit meiner reichlichen Pflegehilfe-Erfahrung eine große Hilfe zu sein, musste ich feststellen, dass ich mich gewaltig verschätzt hatte. Die eigentliche Pflege der Patienten wird vollständig von den Angehörigen übernommen. Diese sorgen auch für die Mahlzeiten der stationären Patienten. Die Krankenschwestern sorgen für die medizinische Versorgung, hängen beispielsweise Infusionen an oder verteilen Tabletten. Einen großen Teil der Arbeit macht die Prävention aus. Regelmäßig bereisen die Schwestern und Gesundheitshelfer die umliegenden Dörfer, um dort Aufklärungsarbeit zu leisten, zum Beispiel über Schwangerschaftsvorsorge oder HIV. Außerdem wird bei diesen Auswärts-Kampagnen geimpft.

 

Gute Laune während der Schicht 

 

Sogar wer den Arzt konstultieren möchte, kommt an der Oberschwester nicht vorbei. Sie verteilt Spritzen, macht Verbände und berät. Nur wenn sie nicht weiter weiß oder ein Medikament verschrieben werden muss, schickt sie den Patient in die Sprechstunde des Arztes. Wer ein gesundheitliches Problem hat, muss vor allem Geduld mitbringen. Teilweise müssen die Patienten stundenlang auf den Bänken vor dem Health-Center warten.

 

Doktor Arrey in seinem Sprechzimmer

Freilaufende Hühner auf den Wartebänken. Daneben die Krankentrage.

 

Direkt vor Ort gibt es sowohl ein Labor, beispielsweise für Malaria-Tests, sowie eine Apotheke. Apotheken sind wichtig. Auf den Straßen und Märkten werden viele falsche Pillen verkauft, die entweder gar keinen oder unreinen Wirkstoff in falschen Mengen enthalten. Die Verkäufer der bunten Tabletten verkaufen manchmal auch echte Tabletten, aber ohne sich auszukennen, so dass die Käufer vollkommen falsch behandelt werden. Plakate im Health-Center warnen auf Pidgin-Englisch vor "Roadside medicine".

Meine Arbeiten waren Vitalparameter messen, Assistenzen bei kleinen OP´s, Hilfe beim Infusionenanhängen, kleine Untersuchungen, Begleitung der Patienten zu Labor oder Apotheke. Viel lernen konnte ich beim Zusehen oder Zuhören während der Aufklärungsstunden. Auch für Patientengespräche war jede Menge Zeit.

 

Nachlesen der Auskultationspunkte

 

Geburten und Sectio caesarea

Ein besonders erhebender Moment war die erste Geburt, die ich miterleben durfte. Als ich der Hebamme beim Abbinden der Nabelschnur half, während das Baby seine ersten Schreie tat, kamen mir fast die Tränen vor Ehrfurcht vor dem Leben. War die Mutter des Babys noch Minute zuvor in den schlimmsten Wehen, erholt sie sich nun langsam und darf ihr Baby erstmals auf den Arm nehmen. Erstaunt war ich darüber, dass die Neugeborenen mit Erdnuss-Öl abgerieben werden, bevor sie ihre neuen Kleider angezogen bekommen. Das dient zum einen der Säuberung, aber sei zum anderen auch ein guter Schutz für die Haut, erfuhr ich.

Mindestens genauso eindrücklich war die Sectio, der ich im "theatre", dem Operations-Saal zusehen durfte. Die Ärzte baten mich Fotos zu machen, die es ermöglichen, jeden einzelne Schritt des Kaiserschnitts nachzuverfolgen. Hier eine Auswahl:

 

 

Ärzte kurz vor Beginn der Sectio

Eröffnung des Bauchraums durch suprasymphysären Querschnitt

 

Durchtrennung der Nabelschnur

Verschluss der Uteruswunde nach manueller Lösung der Plazenta

Zeitgleich Versorgung des Neugeborenen durch eine Krankenschwester

 

Ein Land mit vielen Gesichtern

Über Kamerun lässt sich noch unendlich viel berichten. Die Kultur ist so vollkommen anders als das, was ich bisher kannte. Die Gastfreundschaft der Menschen ist unglaublich. Überall wurde ich willkommen geheißen, wie ich es mir herzlicher nicht wünschen konnte. Manchmal wurde ich auch angestarrt. Kinder rufen mir "White man" hinterher. Mir wurden auch viele Fragen über meine Heimat gestellt. Andersherum hatte ich viele Fragen über Kamerun.

 

 

Ich sah wunderschöne Lava-Gestein-Strände an der Küste des Atlantiks. Urwälder im Landesinneren. Weite Felder mit Bananen oder Zuckerrohr. Erfuhr viel über Geister, Aberglauben und Traditionen. Sah mir in einem abgedunkelten Raum auf einem kleinen Fernseher nigerianische Filme an. Das ist das "Kino". Ich wurde immer wieder eingeladen. Sah Menschen jeden Alters gut gelaunt tanzen und singen. Junge Leute mit Fußball-Trikots in den Nationalfarben. Kameruner lieben das Fußballspiel. Kein Wunder, sie sind sehr gut darin. Ich erlebte eine Beerdigung, zu der Hunderte von Trauergästen strömten - unvorstellbar, wenn ich an die kleinen Zeremonien zurückdenke, die ich bisher in Deutschland miterlebt habe. Alte Menschen werden in Kamerun extrem respektvoll behandelt und geschätzt - während in Deutschland so mancher Alte in irgendeinem anonymen Heim oder Krankenhaus vereinsamt. In Kamerun sah ich keine Altersheime. Die Verwandten kümmern sich.

 

Andererseits traf ich auf viel Armut. Oft wurde ich um diverse Dinge gebeten: Fernseher, Mobiltelefone, "Letters of Invitation" (eine Art Bürgschaft, damit ein Visa erteilt wird). Hier war ich "reiche" Europäerin. Ein beschämendes Gefühl angesichts der Lebensumstände, denen ich begegnete. Immerhin sind die Kameruner, mit denen ich sprach, sich einig, dass in ihrem Land niemand hungern muss. Eben wegen der unglaublichen Gastfreundschaft ist es nicht ungewöhnlich, wenn jemand der hungrig ist an einer Tür klopft und dort um etwas zu Essen bittet. Üblicherweise wird er daraufhin sofort mit einer Mahlzeit versorgt.

Wirklich neu für mich war die Offenheit, mit der bestochen wird. Nicht, dass es keine Korruption in Deutschland gäbe. Aber das Ausmaß und die Dreistigkeit, mit der sowohl Zahler als auch Empfänger in der Öffentlichkeit verhandeln, das kannte ich nicht. Ungewohnt und fremd für mich waren auch die sanitären Anlagen und Ungeziefer-Problematik. Doch ich habe mich schnell daran gewöhnt.

 

Fazit

Die Zeit in Kamerun wird mir immer unvergesslich sein. In so kurzer Zeit habe ich so viel Neues erlebt, dass ich noch lange Zeit davon zehren werde. Auch lerntechnisch habe ich sehr von dem Aufenthalt profitiert. Inzwischen habe ich mich jedoch noch mehr mit den Themen "Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe" beschäftigt und sehe mein eigenes Praktikum kritischer. Einige Hintergrundinformationen hatte ich damals noch gar nicht. Viel sinnvoller wäre ein Praktikum dort, wenn überhaupt, zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Studiums. Denn nur dann kann man eine wirkliche Hilfe sein.

Woran es meines Eindrucks nach in Kamerun fehlte, war weniger das Personal. Die Ärzte kamen, wenn es auch den gesamten Arbeitstag dauerte, mit der Behandlung aller Patienten immer gut durch. Viel mehr mangelte es an Material oder aber den Patienten an Geld, um für das Material aufzukommen. Viele Krankheiten wären sicher vermeidbar oder könnten schneller behandelt werden, wenn die Umstände stimmen würden. Dieses Wissen in Angesicht eines vollkommen anämischen, hochfiebernden Kindes, das Malaria hat, ist sehr traurig. Es gibt noch viel zu tun auf der gesamten Welt.

 

Schild am Straßenrand und "Zukunftsmusik". Wohin es führt ... habe ich noch nicht herausgefunden.

 

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