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  • Bericht
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  • Sarah Heine
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  • 27.08.2009

Mit "vivir en amor" in Guatemala

Sarah Heine arbeitete in dem Entwicklungszusammen- arbeitsprojekt "Vivir en amor" in Guatemala mit. Sie lernte wie man ein breites Spektrum an Krankheiten unter einfachen Bedingungen behandlen kann.

Alle Fotos: Sarah Heine

Motivation

Seit Beginn meines Medizinstudiums tauchte immer wieder der Wunsch auf, in einem Entwicklungsland bei der medizinischen Versorgung mitzuhelfen, dabei Land und Leute kennenzulernen - und ein Leben, das so anders ist als ich es gewohnt bin.

Außerdem reizte es mich, neue Aspekte der Medizin zu erfahren, die in einem Land wie Deutschland kaum eine Rolle spielen, wie zum Beispiel Mangelernährung und Krankheiten, die sich aus Armut und einem Mangel an Hygiene ergeben.

 

 

Vorbereitungen

Zeitpunkt

Ich plante dieses Projekt nach meinem 4. klinischen Semester ein, was im Nachhinein betrachtet eine gute Entscheidung war, bzw. ein wenig später wäre sicherlich auch sinnvoll gewesen, denn früher zu gehen könnte doch zu Überforderung führen.

Seminar des BVMD

Die Teilnahme an dem von der bvmd (Bundesvertretung der Medizinstudenten Deutschlands) angebotenem Seminar zu Guatemala über ein Wochenende hat mir geholfen und ist sehr empfehlenswert.

Famulatur Geburtshilfe

Der Umgang mit den Geburten wurde mir durch meine einmonatige Famulatur in Mexiko auf der Geburtenstation (siehe Erfahrungsbericht Geburtenstation Guadalajara 2008) sehr erleichtert.

Hilfreiche Kurse an der Uni

Die Kurse Pädiatrie, Gynäkologie, Notfallmedizin, Neurologie, Dermatologie und einen Nähkurs hatte ich an meiner Heimatuniversität (Köln) bereits absolviert, was ich hier erwähne, da ich viel des hierbei Gelernten anwenden konnte.

Information zur Sicherheitslage

Die Seite des Auswärtigen Amtes zu Guatemala ist sehr informativ, da sie u.a. hilft die Sicherheitslage des Landes besser einschätzen zu können. Auch die beiden "Hauptverantwortlichen" Hanne und Kurt geben Auskunft, da der Sicherheitsaspekt in diesem kleinen Dorf Pojom anders einzuschätzen ist als im Rest des Landes, v.a. in den großen Städten. (In Pojom habe ich mich immer sicher gefühlt und auch noch nichts Gegenteiliges gehört).

 

 

Beschreibung des Projekts und der Klinik

Projektleiter

Vor zwei Jahren haben die Hebamme Hanne und ihr Freund Kurt aus Belgien mit vielen Freiwilligen eine Klinik in dem ca. 3000-Seelen-Dorf Pojom im Nordwesten Guatemalas erbaut, um eine der vielen Lücken medizinischer Versorgung in Guatemala zu schließen.

Ausstattung

Es gibt zwei Sprechzimmer, wovon in der Regel bei etwa 20 Patienten pro Tag nur eines genutzt wird; einen Raum, in dem ein Mikroskop zur Stuhl-und Vaginalabstrich-Untersuchung sowie ein Computer mit Internet-Zugang zur Verfügung stehen.

Des Weiteren gibt es ein Patientenzimmer, in dem Patienten zur besseren Überwachung über Nacht bleiben können, eine Apotheke sowie einen Lagerraum mit größtenteils gespendeten und teilweise von der guatemaltekischen Regierung organisierten Medikamenten.

Im ersten Stock befindet sich der Wohnbereich für die Freiwilligen als auch für Hanne und Kurt, inklusive Küche mit Gasherd und fließend Wasser, das allerdings nicht immer läuft...

 

 

Abläufe und Tätigkeiten

Sprechzeiten

Sprechstunden werden an vier Tagen der Woche jeweils sechs Stunden angeboten, wobei man häufig nicht pünktlich schließen kann und rund um die Uhr Notfälle eintreffen können.

Freitags fährt man oft in eines der umliegenden Dörfer um dort Sprechstunden zu geben, mittwochs hält Hanne alle paar Wochen eine "Fortbildung" im Bereich Geburtshilfe für die traditionellen Hebammen des Dorfes (die keinerlei sonstige Ausbildung besitzen), und donnerstags vor Sprechstunden-Beginn gibt es Unterricht für die so genannten "Promotores", den man als Freiwilliger auch selber gestalten kann.

"Promotores"

Die "Promotores" sind essenziell für das Projekt - sie sind Angestellte der Klinik, die aus dem Dorf kommen und in medizinischen und verwaltungstechnischen Bereichen der Klinik von Hanne und Kurt sowie den Freiwilligen angelernt werden. Das Ziel ist es, dass sie eines Tages soviel wie möglich selber machen können, da Hanne und Kurt in nicht allzu ferner Zukunft zurück nach Belgien gehen möchten.

Freiwillige Helfer

Die Anzahl der Freiwilligen und auch deren Qualifikation variiert (Hebammen, Ärzte, Krankenschwestern, Medizinstudenten, Laboratoristen) - daher kann man die Zusammensetzung des Teams und damit den eigenen Schwerpunkt der Arbeit etwas schwer voraussagen und es ist sicher hilfreich, sich bei den Vorbereitungen darüber bei Hanne zu informieren.

Ich persönlich hatte die meiste Zeit eine Allgemeinärztin aus Belgien an meiner Seite, was mir den Einstieg doch sehr erleichtert hat. Meist haben wir zusammen Sprechstunden gehalten, wenn viel los war hat jeder alleine gearbeitet und ein separates Sprechzimmer zur Verfügung gehabt.

Breites Krankheitsspektrum

Man kann sich das in etwa wie eine allgemeinärztliche Tätigkeit vorstellen, nur dass in diesem kleinen Dorf wirklich Alles und Jeder kommen kann. Dies sollte man sich auch vor der Bewerbung bewusst machen.

Ein paar Beispiele aus meiner Zeit in Pojom:
In der zweiten Nacht nach meiner Ankunft wurde ein bewusstloser, krampfender Jugendlicher spätabends zu uns getragen, bei dem wir bis heute nicht wissen ob Drogen im Spiel waren oder nicht.

Wir wurden in den zwei Monaten zu vier Geburten gerufen, wobei man in der Regel zu den komplikationsgefährdeten Geburten geholt wird, da sich sonst die schon erwähnten traditionellen Hebammen um die Gebärenden kümmern.

Es gab einen Abort und eine Totgeburt, viele durch Macheten (ein Hauptspielzeug der häufig auf dem Feld arbeitenden Kinder) verursachte Schnittwunden, eine Ellebogen-Luxation, Appendizitis, Tuberkulose, Epilepsien, Pneumonien uvm.

Zu meiner Zeit brach auch eine Hepatitis-A-Epidemie aus und insgesamt gab es aus verschiedenen Gründen vier Todesfälle, der älteste Patient, der starb, war 17.
Hauptsächlich ist man mit Schwangerschafts-Vorsorge, Durchfall, Husten, Schnupfen und Fieber beschäftigt. Die Mehrzahl der Patienten sind Kinder, da sie auch den Großteil der Dorfbewohner ausmachen.

 

 

Fazit und Empfehlungen

Wer einmal ein Leben und Arbeiten unter weitaus einfacheren Bedingungen ohne viele Hilfsmittel und technische Geräte kennenlernen möchte, dem kann ich dieses Projekt wärmstens ans Herz legen.

Man sollte vor allem Kenntnisse im Bereich der Geburtshilfe, Notfall-Management, Pädiatrie sowie Allgemeinmedizin (v.a. Durchfall und Erkältungskrankheiten) mitbringen.

Die Patienten sind im Allgemeinen sehr unkompliziert im Umgang und dankbar - diese Eigenschaften sollte man als Freiwilliger auch mitbringen, da man sicherlich mehr bekommt als man geben kann. Ganz vorne an stehen neue Perspektiven in grundlegenden Dingen wie Familie, Arbeit, Wohnen, Lebensstandard, eigenen Ansprüchen und dem Zeitgefühl, die einen sicherlich ein Leben lang bereichern werden.

Auch fachlich habe ich sehr durch die eigenständige Arbeit profitieren können und ein verändertes Selbstbewusstsein im Umgang mit Patienten erlangt.

Freizeit

Ein umfangreicher Dermatologie-Atlas ist zu empfehlen, ebenfalls Bücher, die man in seiner Freizeit gerne lesen möchte, denn normalerweise gibt es auch immer wieder ruhige Zeiten. Man kann dann etwas für sich machen oder etwas mit anderen Freiwilligen unternehmen. Bewusst machen sollte man sich, dass es dort nicht viel Ablenkung gibt, d.h. man sollte sich auch gut mit sich selbst beschäftigen können. Typische Freizeit-Aktivitäten sind im Dorf oder der wirklich wunderschönen Natur spazieren zu gehen, zu lesen, Wäsche waschen (per Hand), joggen und kochen. Möglichkeiten Fuß-und Basketball zu spielen gibt es ebenfalls.

 

Weiterführende Informationen

Kontakt

Ich kann dieses Projekt also wirklich empfehlen und wer sich dafür interessiert kann sich sehr gerne bei mir melden, um zum Beispiel noch offene Fragen zu klären.
Den Kontakt gibt es über die Via medici-Redaktion.

Links

Es gibt auch eine sehr informative Homepage zu dem Projekt: Vivir en Amor
Die BVMD (Bundesvertretung der Medizinstudenten Deutschlands) vermittelt Plätze und ist ebenfalls ein guter Ansprechpartner bei Fragen: BVMD

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